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«Es ärgert, dass die Stadt den Durchgangsverkehr behindert»

Gaston Guex (FDP) und Claudio Zanetti (SVP), zwei Kantonsparlamentarier aus dem Bezirk Meilen, verlangen von der Zürcher Stadträtin Ruth Genner die kompromisslose Öffnung der Durchgangsachsen.

Von Marius Huber und Peter Meier Frau Genner, Sie sind Herrin über das Strassennetz der Stadt Zürich. Haben Sie jeweils auch die rund 90 000 Köpfe zählende Bevölkerung im Bezirk Meilen vor dem geistigen Auge, wenn Sie das Verkehrsregime in der Stadt ändern? Ruth Genner: Ja, natürlich. Im Zusammenhang mit den drei Grossbaustellen in Zürich-West haben wir sehr intensiv überlegt, ob es auch im Raum Bellevue noch weitere Baustellen erträgt. Wir sind zu einem negativen Entscheid gekommen. Dies, obwohl an der Bellerivestrasse, auf der Quaibrücke und weiteren heiklen Stellen Sanierungsmassnahmen dringlich wären. Wir sind zum Beispiel auch zum Schluss gekommen, dass wir nicht gleichzeitig die Forch- und die Bellerivestrasse sanieren können. Sonst gäbe es einen Verkehrszusammenbruch. Und den wollen wir nicht. Und wir wissen auch, dass die Bewohner am rechten Seeufer durch monatelange Bauarbeiten auf der Seestrasse geplagt sind. Wir bemühen uns sehr darum, dass der Verkehr durch die Stadt entlang der Hauptachsen zügig läuft. Herr Guex, Herr Zanetti, Sie sind Dauerkritiker des städtischen Verkehrsmanagements. Hat die Stadt in Ihren Augen eine Aufgabe auch schon mal gut gelöst? Claudio Zanetti: Die Grosssanierung im Bereich Forchstrasse/Hegibachplatz ist nicht schlecht gelöst worden. Das ändert aber nichts daran, dass die städtische Verkehrspolitik schikanös ist. Gaston Guex: Ich bin mit dieser Politik auch unglücklich. Der Durchfluss durch die Stadt ist nicht gewährleistet. Den Quartierverkehr soll die Stadt so organisieren, wie sie will. Aber auf den grossen Achsen soll der Verkehr hindernisfrei rollen. Autofahrer aus dem Bezirk Meilen haben keine Alternative als durch die Stadt Zürich zu fahren. Eine Umfahrung gibt es ja nicht. Zanetti: Ich bleibe dabei, die Stadt pflegt eine Baustellenkultur. Ich kenne keine städtische Hauptachse, die statt eingeschränkt je ausgebaut worden wäre. Dabei bekommt die Stadt vom Kanton jedes Jahr Millionen für Leistungen, die sie nicht erbringt. Genner: Dieser Vorwurf ist absolut haltlos, Herr Zanetti. Wir müssen jede noch so kleine Massnahme, die wir auf überkommunalen Strassen planen, den kantonalen Instanzen zur Genehmigung unterbreiten. Herr Zanetti, finden Sie, dass die Stadt gar keine Sanierungen durchführen sollte? Dann gäbe es nicht ständig Baustellen. Zanetti: Die Frage ist doch, wie die Stadt saniert. Im Bereich Opernhaus/Bellevue verzögern sich die Bauarbeiten massiv und bloss deshalb, weil irgendein städtischer Archäologe zwei bedeutsame Tonscherben in der Erde gefunden hat. Das geht doch nicht. Dort brauchts jetzt ein Parkhaus und keine archäologischen Grabungen. Trotz Bevölkerungswachstums in den Seegemeinden baut die Stadt ständig Parkplätze ab. Guex: Mit der städtischen Parkplatzpolitik könnte ich ja noch leben. Damit schneidet sich die Stadt ins eigene Fleisch, wenn die Geschäfte weniger Kunden haben. Viel ärgerlicher ist, dass der Durchgangsverkehr durch die Stadt behindert wird. Solange es keinen Umfahrungsring gibt, dürfen keine Kapazitäten abgebaut werden. Die Leute aus der Gegend des rechten Seeufers fahren nun mal nicht nur bis zur Stadtgrenze, sondern müssen durch die Stadt hindurch. Wir haben im Bezirk Meilen eine enorme Bevölkerungszunahme. Da gibts eben Mehrverkehr. Markus Knauss: Eine Tatsache ist doch, dass Sie an der Goldküste wie im Paradies leben. Im Bezirk Meilen gibt es im Gegensatz zum Glatt- oder Limmattal oder zur Stadt Zürich keine Grossinfrastrukturen, die täglich Tausende von Autos anziehen. Sie haben keine riesigen Einkaufscenter oder Logistikcenter, die Verkehr, besonders Schwerverkehr, anziehen. Und Sie sind super mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen. Was wollen Sie mehr? Die Stadt muss dagegen Tag für Tag 600 000 Autos bewältigen, die die Stadtgrenze überschreiten. In der Stadt wohnen 130 000 Menschen an Strassen, wo Immissionsgrenzwerte überschritten sind. Soll unsere Bevölkerung tatsächlich mit noch mehr Lärm und Gestank belästigt werden? Guex: Ich wiederhole mich: In der Stadt Zürich ist der Durchgangsverkehr nicht gewährleistet. Zanetti: Die Stadt gibt ja viel auf Kultur. Auch der Privatverkehr ist Teil unserer Kultur. Das akzeptiert Rot-Grün in der Stadt aber nicht – obwohl doch vor Frau Genners Büro Plakate hängen mit der Aufschrift «Mobilität ist Kultur». Wünschen Sie neue Hauptachsen durch die Stadt hindurch oder reicht Ihnen Besitzstandswahrung? Zanetti: Zürich ist nun mal nicht Sternenberg. Zürich ist Kantonshauptstadt und hat als Zentrum auch im Verkehrsbereich eine besondere Verantwortung, die die Stadt aber nicht wahrnimmt. Guex: Nicht alle können auf die S-Bahn, Herr Knauss. Zu den Spitzenzeiten am Morgen und abends ist diese schon heute proppenvoll. Viele Reisende müssen stehen. Wir im Bezirk Meilen haben auch keinen Viertelstundentakt. Und deshalb nehmen die Leute eben das Auto, um in die Stadt zu kommen. Im Auto kann man wenigstens laut Musik hören und telefonieren. Solange es am rechten Seeufer kein besseres ÖV-Angebot gibt, müssen die Stadtbewohner eben mit dem Autoverkehr aus der Agglomeration leben. Ergeben sich für die Stadt Zürich tatsächlich besondere Pflichten, nur weil im Bezirk Meilen die Bevölkerung wächst? Genner: Der Grundsatz der kantonalen Verkehrspolitik lautet, dass zusätzliches Verkehrsvolumen durch den öffentlichen Verkehr abgedeckt werden soll. Dazu stehe ich. Und das heisst auch, dass die Stadt nicht endlos zusätzliche Kapazitäten für den Individualverkehr bereitstellen kann. Wir haben bald 400 000 Einwohner und etwa gleich viele Arbeits- und Ausbildungsplätze. Daraus resultiert ein enormer Verkehrsdruck. Der ÖV ist nun mal die effizienteste und kostengünstigste Art, diese Verkehrsströme zu bewältigen. Finden Sie, dass das ÖV-Angebot am rechten Seeufer ausreichend ist? Knauss: Die Stadt Zürich ist jederzeit bereit, ihren Beitrag an den Ausbau des ÖV-Angebots an der Goldküste zu leisten. Die Stadt bezahlt schon direkt oder indirekt rund die Hälfte des Defizits des ZVV. Sie zahlt also auch an jede Busfahrt im Bezirk Meilen. Herr Zanetti hat morgens zwischen 7 und 8 Uhr nicht weniger als 10 direkte Buskurse, die ihn vor seiner Haustüre ans Bellevue bringen. Guex: Und was macht ein Handwerker, der mit Farbkübel oder Leiter in die Stadt zu einem Kunden muss? Soll er dafür Bus und Tram nehmen? Wir haben noch keinen farbkübelbewehrten Handwerker im Bus in die Stadt fahren sehen . . . Zanetti: Schon einige Gewerbetreibende in der Stadt haben aufgeben müssen, weil ihre Kunden dem Verkehrschaos ausweichen und nicht parkieren können. Das haben wir dem rot-grünen Stadtrat zu verdanken. Guex: Der Rückstau aus Richtung Stadt beeinträchtigt zunehmend auch den lokalen Verkehr in unseren Dörfern. Er schadet damit auch unserem Gewerbe. Knauss: In der Stadt Zürich ist auf den Hauptdurchgangsachsen nie auch nur ein Randstein so verschoben worden, dass daraus eine Kapazitätseinschränkung resultiert hätte. Die kantonalen Instanzen schreiben der Stadt haargenau vor, wie viel Verkehr da durchmuss. Genner: Wir sanieren nie eine Strasse bloss deshalb, weil der Belag nicht mehr schön ist. Das sind immer koordinierte Projekte, bei denen zum Beispiel auch Werkleitungen oder Tramgleise ersetzt werden. Der Kanton muss unsere Projekte bewilligen. Guex: Wenn Sie das so sagen, Frau Genner, wird es so wohl auch stimmen. Finden denn nie Treffen zwischen Ihnen und den Behörden in den Seegemeinden statt, an denen grössere Strassensanierungen in der Stadt vorbesprochen werden? Guex: Man spricht viel zu selten über solche Projekte miteinander. Dabei kann ich nicht ganz ausschliessen, dass es auch unsererseits an der nötigen Gesprächsbereitschaft fehlt. Fest steht auf alle Fälle, dass sich die Gemeinden am See zu wenig einbezogen fühlen. Herr Zanetti, möchten Sie überhaupt einbezogen werden? Zanetti: Ich bin kein Freund runder Tische, an denen nichts entschieden wird. Es gibt ja bereits gewählte Gremien. Ich stelle einfach fest, dass es dort, wo die Stadt im Verkehrsbereich etwas entscheidet, immer zuungunsten der Landgemeinden ausfällt. Nehmen Sie das Opernhaus: Dort musste der Stadtrat buchstäblich dazu geprügelt werden, während der Bauarbeiten auch noch ein paar Parkplätze einzurichten. Wir müssen seit Jahren um jeden einzelnen Parkplatz kämpfen. Die Stadt muss im Interesse der Landgemeinden an die Kandare genommen werden. Die laufende Revision des Strassengesetzes läuft zum Glück in diese Richtung. Genner: Wir bauen die überregionalen Strassen in der Stadt genau so, wie das der kantonale Richtplan vorsieht. Und dieser Richtplan ist im Kantonsrat von Ihnen so beschlossen worden. Die Stadt Zürich hat die Freiheit gar nicht, irgendwelche Kapazitäten einzuschränken. Sehen Sie Möglichkeiten für einen intensiveren Austausch mit den Landbehörden, Frau Genner? Genner: Das Phänomen Verkehr kennt bekanntlich keine Stadtgrenzen. Also müssen Stadt und Kanton gemeinsam nach guten Lösungen suchen. Der Stadtrat und die städtischen Ämter sind mit ihren entsprechenden Partnern beim Kanton dauernd im Gespräch. Zanetti: Eine gute Lösung ist nur dann wirklich gut, wenn die Autofahrer möglichst wenig im Stau stehen müssen. Wenn der Verkehr rollt, dient das auch der Stadt und ihren Bewohnern. Genner: Wir haben tatsächlich kein Interesse an Staus. Weil dann nämlich auch Tram und Bus feststecken. «Die Stadt nimmt auch beim Verkehr ihre Aufgabe als Kantonshauptstadt einfach nicht wahr.» Claudio Zanetti «Herr Zanetti hat zwischen 7 und 8 Uhrmorgens nicht weniger als 10 Direktbusseans Bellevue.» Markus Knauss «Wir wissen, dass die monatelangen Bauarbeiten auf der Seestrasse die Seebewohner plagen.» Ruth Genner Stadträtin Ruth Genner (Grüne). Gaston Guex (FDP). Markus Knauss (Grüne). Claudio Zanetti (SVP).Fotos: Sabine Rock Anzeige

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