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Er beisst auch gern in saure Äpfel

Klaus Gersbach kennt fast jeden Hochstammbaum im Kanton – und hat auch jene noch vor Augen, die längst nicht mehr stehen.

Von Helene Arnet Höri/Illnau-Effretikon – Als Klaus Gersbach sah, wie sein Sohn mit Kollegen stundenlang Flugzeug-Quartett spielte, fabrizierte er kurzerhand ein Obst-Kartenspiel, in dem Vitamine statt Schubkraft und das Alter der Sorten statt Geschwindigkeit gegeneinander antraten. Das ist Jahrzehnte her, doch Gersbachs Begeisterung für Obst hat nicht nachgelassen. 34 Jahre lang war der 63-Jährige kantonaler Obstbauberater, kaum einer weiss mehr über den Feuerbrand als er. Und statt sich nach seiner Pensionierung auszuruhen, ist er als Präsident und Interimsgeschäftsführer der Vereinigung Fructus mehr als ganztags beschäftigt – bereitet er doch für 2011 die internationale Sortenschau zum 100-jährigen Bestehen des Schweizer Obstverbands vor. Vor lauter Äpfeln und Birnen bleiben Gersbach kaum Atempausen für sein zweites Hobby: die Musik. Der Effretiker spielt Alphorn – allerdings nicht «sortenrein», sondern mit Einkreuzungen von Jazz- und Country-Klängen. Gersbach zieht einen Apfel aus der Jackentasche. Er ist goldgelb und hat die Form einer 5-blättrigen Blume (siehe Kasten). «Ein Sternapi, den assen schon die Römer.» Schon ist man mitten im Obstquartett: Er erzählt vom kleinsten Tafelapfel der Welt, dem Ping-Pong-Ball-grossen Chestnut, von Süssäpfeln («Ihnen fehlt die Säure, gut für Schnitzli und Allergiker»), von der gestreiften Birne namens Schweizerhose oder vom wohl ältesten Apfel überhaupt, dem Asiatischen Wildapfel, der aus Kasachstan stammt. Der Name der früheren kasachischen Hauptstadt Alma-Ata bedeutet nichts anderes als «Vater der Äpfel». Obst studiert statt angebaut Klaus Gersbach ist im Fricktal (AG) als Sohn eines Kirschenbauern aufgewachsen. Der Vater war Baumwärter in der Region und er, obwohl ältester Sohn, hat das «Heimetli» seinem jüngeren Bruder überlassen. Selber wurde er Ingenieur HTL an der Obstbauschule in Wädenswil. Er verbrachte zwei Wander- und Lehrjahre in Amerika und begann schliesslich 1976 an der kantonalen Fachstelle Obst im Strickhof in Lindau zu arbeiten. In seinem Garten in Effretikon kultiviert er 30 alte Obstsorten, und als ehemaliger Obstbaumberater kennt er sehr viele Hochstammbäume des Kantons. Vor Augen hat er auch noch jene, die es schon lange nicht mehr gibt. «Erst verschwanden diejenigen im freien Feld, weil sie Getreidefeldern und Kartoffeläckern weichen mussten, jetzt jene am Dorfrand, weil die Siedlungen immer mehr ausufern.» Gersbach reibt den Sternapi: Er weist kleine schorfige Stellen auf. Mit dem Schorf begann Gersbachs Engagement für alte Obstsorten. Vor 25 Jahren, als die Obstbauern vor allem die Vorteile von Niederstammbäumen und modernen Sorten lobten, warnten die Pomologen Karl Stoll und Roger Corbaz davor, dass die Sortenverarmung beim Obst bereits innert einer Generation negative Auswirkungen haben würde. Insbesondere die Schorfresistenz, welche durch die Kreuzung mit der Wildapfellinie Malus Floribundia erreicht wurde, werde durchbrochen. «Mir leuchtete das damals sofort ein», sagt Gersbach. So wurde er zusammen mit Corbaz und Stoll Mitbegründer von Fructus, deren Zweck es ist, Gendatenbanken für Obst zu unterhalten. Inzwischen haben die Mitglieder von Fructus rund 2000 Obstsorten inventarisiert, und die Gendatenbanken blühen an einem sanften ehemaligen Rebhang in Höri. Denn Obstbäume lassen sich nicht in Samenbriefchen aufbewahren. Auf einem Areal von 8 Hektar Grösse wachsen 353 Hochstämme, jeweils 2 pro Sorte. 163 Apfelsorten, 43 Birnensorten, 14 Kirschen-, 5 Zwetschgen- und 3 Pflaumensorten. Der Obstgarten wird von Landwirten aus Höri bewirtschaftet und im Rahmen des nationalen Aktionsprogramms des Bundes unterstützt. Diesen Sonntag ist er zu besichtigen (s. Box oben rechts). Im Obstgarten bei Höri zeigt uns Gersbach einen Schweizerhosen- und einen Sternapi-Baum sowie eine rote Birne, von der noch kein Mensch weiss, welche Sorte das ist. Dann gibt er uns von einem der kleinen Chestnuts zu kosten, der ausserordentlich gut schmeckt: süss, sauer, saftig. Gersbach beisst auch gern in den sauren Apfel, wenn es dem Obst dient. Er macht sich auf, um all den 353 Bäumen nachzugehen und festzuhalten, wie gross der Schorfbefall ist. Denn heuer ist ein Schorfjahr. Und Roger Corbaz hat leider recht behalten: Schon ist bei einigen der klassischen Tafelapfelsorten die Schorfresidenz durchbrochen. So sieht eine Gendatenbank für Obstbäume aus: Klaus Gersbach im Fructus-Garten von Höri. Foto: Dominique Meienberg

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