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«Einen Lumpenladen wird es hier bestimmt nicht geben»

Paul Leonhardt, der letzte Spengler in der Altstadt, hört auf. Einen Nachfolger gibt es nicht.

Von Denise Marquard Zürich – Paul Leonhardt ist ein Mann mit Prinzipien. Was er sich vornimmt, setzt er auch um. Am vergangenen Neujahr beschloss er, seinen Betrieb an der Oberdorfstrasse bis spätestens Ende Jahr zu schliessen. Alles liess sich viel schneller regeln, als er dachte. Nun wird die «Sanitäre Anlagen – Spenglerei» morgen Mittwoch geschlossen. Die Erleichterung darüber ist dem bald 70-jährigen Leonhardt anzusehen. Handwerker werden oft wegen steigender Mietpreise aus der Altstadt verdrängt. Paul Leonhardts Problem waren die schärferen Verkehrsvorschriften respektive ihre strikte Kontrolle. «Ich muss immer schwere Taschen und Material transportieren», sagt er. «Doch hier an der Oberdorfstrasse herrscht Sperrzone mit Anhalteverbot.» Der Handwerker mag die Bussen, die er deswegen bezahlt hat, gar nicht mehr zählen. «Einen Nachfolger für mein Geschäft habe ich deswegen nicht gefunden.» Auf den Dächern von Zürich Die Spenglerei befindet sich zwischen der Bäckerei Vohdin und dem Restaurant Weisser Wind. Über Generationen wurde dort gelötet und gehämmert, Blech geschnitten und gebogen. Jetzt sind die Räume fast leer. Eine Motorschere zum Schneiden von Eisen konnte Leonhardt verkaufen, die Maschine zum Blechabkanten und die Rundmaschine wurden abgeholt, vieles landete in der Abfallmulde. Das grosse Aufräumen blieb nicht unbemerkt: Gleich scharenweise meldeten sich Interessenten. Die Oberdorfstrasse ist eine attraktive Lage. Doch der Handwerker will sich Zeit lassen. «Der neue Laden muss zuerst eine Gattung machen», brummt er. «Einen Lumpenladen», er meint einen billigen Kleiderladen, «wird es hier bestimmt nicht geben.» Im ersten Stock präsentiert sich Paul Leonhardts Reich ganz anders. Dort sieht es noch ganz so aus wie vor einem halben Jahrhundert. Alles befindet sich im Originalzustand, wie es zu Zeiten seiner Eltern ausgesehen haben muss. Der Vater sass auf dem gleichen Stuhl, die Mutter am Pult gegenüber, und bis 1980 arbeitete dort auch Leonhardts Frau. Ihre Schreibmaschine steht immer noch da. Nur der Computer ist fehl am Platz. Aufgestellt sind Aquarelle. Sie bedeuten dem Spengler viel. Kein Wunder: «Ich male sie selbst», sagt er.Dann holt der Gewerbler ein Fotoalbum hervor. Die Höhepunkte seines langen Arbeitslebens sind darin festgehalten. So sieht man den jungen Leonhardt auf dem 62 Meter hohen Dachreitertürmchen des Grossmünsters, wie er einen neu vergoldeten Güggel an der Spitze montiert. «Das könnte ich heute nicht mehr» sagt er. «Dazu muss man schwindelfrei sein.»Für den bald 70-Jährigen war es nie eine Frage, welchen Beruf er ergreifen wollte. Schon als Kind stand er in der Werkstatt und lötete. Die Spenglerlehre machte er in Bern mit 14 anderen Lehrlingen. Bald kraxelte er nicht nur auf dem Grossmünster, sondern auf vielen Dächern Zürichs herum. Das war ihm jedoch nicht genug. Er lernte ein zweites Handwerk, das des Sanitärs, «und zwar von der Pike auf», wie er betont. Das hat sich ausbezahlt. Die Aufträge mehrten sich. In den besten Zeiten beschäftigte er 13 Angestellte.Ein Leben lang hat Paul Leonhardt hart gearbeitet, war pünktlich und zuverlässig. Kann man da abschalten? Nicht ganz. Sein Lebensmittelpunkt wird sich zwar vermehrt nach Kilchberg verlagern, wo er mit seiner Frau wohnt. An der Oberdorfstrasse will er aber ein kleines Appartement für sich behalten. Dort wird er weitermalen, auf seiner Posaune üben, – «mit einem Dämpfer», wie er versichert – im Raben Kaffee trinken und darauf achten, dass kein Lumpenladen an der Oberdorfstrasse 14 einzieht. Paul Leonhardt in seiner fast leer geräumten Werkstatt. Foto: Doris Fanconi

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