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Eine Tradition droht zu verschwindenAn der Fasnacht hat der Gemeindepräsident einen Doktortitel

Die Näbelchräie hören auf. Nächstes Jahr werden nur noch zwei Schnitzelbank-Cliquen auftreten. Die Schnitzelbänkler packtenan der Beizen- fasnacht in Uetikon jeden Faux-pas in freche Verse. Und zogen so den Schlussstrich unter die «Sünde».

Uetiker Beizenfasnacht Von Christian Dietz-Saluz Uetikon – Seit fast drei Jahrzehnten ist sie aktiv, die Fasnachtsclique Näbelchräie. Am Samstagabend schockte sie mit ihrem letzten Vers das Publikum – er wirkt wie ein Notruf: «Sit 1982 sind mir Chräie am Flüüge – mir danked euis für die langi Treui. Es letschts Mal tüend mir euis verbüüge – mir hoffed, es chömed nach euis Neui. Und wänn ihr Luscht zum Bänkle händ, zum Schluss en Tipp, en klare: Gumped Grind voraa i d Fasnacht ie, wie mir vor fascht drissg Jahre.» Die Näbelchräie verabschiedeten sich von der traditionellen Uetiker Fasnacht – wohl für immer. Vor einem Jahrzehnt gaben sich in Uetikon noch sechs Schnitzelbank-Cliquen die Klinken in die Hand auf ihrer fasnächtlichen Tour durch die Restaurants der Gemeinde. Am vergangenen Samstag waren es noch vier. Und mit dem Verlust der Näbelchräie droht nun nächstes Jahr die Halbierung. Denn die Verseschmiedegruppe des Turnvereins Uetikon trat dieses Jahr nur anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums des Vereins auf. Die Premiere war auch gleich eine Derniere. Von Christian Dietz-Saluz Uetikon – Schnitzelbänke sind eine Kunstform: Es gilt stilvoll zu schmähen, sodass alle darüber lachen können – selbst der Betroffene. Im besten Fall paart sich Humor mit Geist, und ist verständlich für jedermann. Schnitzelbänkler wollen kein Grölen auslösen. Ihnen geht es um das befreiende Lachen, das zu gleichen Teilen dem Gerechtigkeitssinn und der Schadenfreude entspringt. In Uetikon wird diese Kultur noch Jahr für Jahr an der Beizenfasnacht zelebriert (siehe Kasten). Die Cliquen ziehen durchs Dorf und rezitieren in den Restaurants ihre Verse. Mit Musik, Gesang und «Galgen», dem Sujetträger, verbreiten die Gruppen ihre Bilanz der vergangenen Monate. Munition liefern ihnen Politiker und deren Fehltritte in Gemeinde, Kanton, Land und Welt. Auch Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft bekommen ihr Fett ab. Mit den Schnitzelbänklern ziehen auch andere Gruppen. Die Guggenmusik Uetiker Konfusiker hinterliessen am Samstag ein beschwingtes Publikum, die zehn Jahre alt gewordenen Chreiselfrösche froschgrün geschminkte Gäste in den Restaurants. In venezianischer Kostümierung präsentierten sich die sechs Männer des Turnvereins Uetikon. Zum 125-Jahr-Jubiläum des Vereins bewiesen sie ihr verbale Fitness.Die Näbelchräie hackten unerbittlich und mit spitzen Schnäbeln auf ihre Opfer ein, und die Baditüüfel schafften es auch dieses Jahr, die sprichwörtliche (Bade-)Hose herunterzulassen, ohne die Grenzen des guten Geschmacks zu verletzen. Den Doktor gemacht Das Schnupftruckli ist eine spezielle Figur. Nicht nur tritt sie als Einzelsänger auf, sondern unter der Maske steckt einer, der selbst die grösste Zielscheibe einer Fasnacht ist: der neue Gemeindepräsident. Nicht umsonst sind seine Verse gespickt von Selbstironie. Das Alter Ego darf sich erlauben, was der Chef im Dorf so nicht sagen dürfte. Und dass er sich in diesem Jahr «Dr. Schnupftruckli» nannte, hat wohl am Rande mit seiner Beförderung zum Gemeindepräsidenten zu tun. Und so wurde am Samstag in Uetikon unter all die Fettnäpfchen, Fehltritte, Missgeschicke und Übeltaten eines ganzen Jahres der Schlussstrich gezogen. Die Schnitzelbänke sind gleichsam die Absolution: Es ist vergeben und abgehakt. Wer nun weiter spottet, kommt buchstäblich daher wie die alte Fasnacht. Die «träfsten» Sprüche 2011 Sponsore-Werbig a de Chrischtbaum-Olympiade, es Popper-Ware-Plakat für numme hundert Stutz. Dene Chrischtbäum cha das ja nöd schade, und s Fäscht vor Liebi ziehsch so nöd in Schmutz. Während so Familie-Spiil tänkt doch kein as Poppe, doch s Jahr druf händ dänn alli Bäum geili Spitz mit Noppe. Näbelchräie Wotsch emol öppis Sportlichs tue, id Kappelweid gasch ane, din Wienachtsbaum rüersch deet wiit furt, a de Chrischtbaum-Olympiade. Vo Popper-Ware hangets Plakat, de Arthur gsehts nöd gern, de Chrischtbaumschmuck fürs nöchschte Jahr, en Dildo statt en Stärn. Turnverein In Zollike, Küsnacht und Herrliberg tüend si wohne, die vile Lüüt vo Wält – in See- und Bergsichtzoone. Doch würklich riich sind mir in Uetikä – und zwar die meischte, mir chönd öis ohne Müeh sogar no Wasser leischte. Baditüüfel Dä Wasserpriis, dä Wasserpriis, er isch eifach en Gruus, dä höchschti i de ganze Schwiiz, öis lached alli uus. Sogar de Hänggi Kurt hat offesichtlich au dra z biisse: Er nähmi schiints zum Zähbutze statt Wasser nur na Wysse. Dr. Schnupftruckli Mit dem Wasserpriis tüends z Uetike übertriibe, drum müend mir Chräie s Wassertrinke meischtens miide. Infolge Priis-Exzäss bruuchts en Entschluss, en klaare, mir suufed wiiter Vieille Prune – chönd debii no spaare. Näbelchräie Die Diskussion um die Uetiker Sekundarschule mit selbst gesteuertem Lernen ist ein Dauerbrenner im Dorf. S Uetiker Gwerb büütet de Schuel Schnuppertääg aa. Doch öisi Schuel lehrt selbschtgschtüürt, drum cha das nüd guet gaa. En Chef chönt im Frontalunterricht – und das wänd d Lehrer nöd haa, eim vo irne Schüeler säge, wie mers machä chaa. Turnverein Selbschtgschtüürets Lehre i de Sek, so händ s es tauft, Hug und Meyer müessted luege, dass es lauft. Und tatsächlich, es lauft jahr-uus, jahr-ii, hinderem Schuelhus de Chliidorfbach verbii. Näbelchräie Mir Chräie fröged diskret de Hans-Ruedi Merz, nach em Grund für sin Bü-Bü-Bündnerfleisch-Scherz. Er heig am Zoll scho emal welle probiere, d Widmer-Schlumpf als Bündnerfleisch la deklariere. Näbelchräie Und übrigens müesst ich sowieso gah, mini Doktorarbeit wartet, chum bini dihei, wird subito de Compi rasch uufgschtartet. Copy-Paste de ganzi Abig, ich weiss, es isch nöd gsund, defür bini dänn die erschti Clique mit Dissertations-Hindergrund. Dr. Schnupftruckli

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