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Dubioser «Superdeal» in Regensdorf Bertelsmann sagt, man sei machtlos

Reisen, Bargeld, Autos und sogar ein Haus versprachen die Organisatoren einer Veranstaltung im Hirschen – und drehten den vermeintlichen Gewinnern Matratzen an. Das Gewinnerschreiben stammt von einem Solartechnologieunternehmen. Es gibt sich aber als Verlagsgruppe aus.

Undurchsichtig Von Ines Rütten Die Firmenstrukturen der dubiosen Gewinnveranstalter sind undurchsichtig. Der Gewinnbrief wurde von der Plus Technologie GmbH mit Sitz in Zürich verschickt. Laut Handelsregister ist diese im Bereich der Solar- und Umwelttechnologie tätig. Im Gewinnbrief gibt sie sich jedoch als Verlagsgruppe diverser Zeitschriften und Zeitungen in der Schweiz aus. An der Veranstaltung selbst wird die Firma jedoch nie genannt. Die Matratzenverkäufer machen gar keine Angaben über ihren Arbeitgeber, und die Dame mit den Reisegutscheinen gibt sich als Mitarbeiterin von Bertelsmann und Sonnenklar-TV aus. Auf den Reisegutscheinen, welche die Gäste unterschreiben, ist die Firma Swissmedia AG angegeben. Diese ist im Internet als Reiseanbieter zu finden. In einer Pressemitteilung hat sich Sonnenklar-TV im September letzten Jahres jedoch von der Swissmedia AG distanziert. Man stehe mit dieser in keinerlei Geschäftsverhältnis, und die Vertreter, welche die Reisen an den Verkaufsveranstaltungen überreichen würden, hätten nicht im Auftrag von Sonnenklar-TV gehandelt.Auch der internationale Medienkonzern Bertelsmann kennt das Problem mit den dubiosen Machenschaften in seinem Namen. Allerdings sei er machtlos dagegen. «Es kann auf keinen Fall sein, dass es sich bei dieser Veranstaltung um einen Mitarbeiter von uns gehandelt hat», erklärt Bruno Noth, Leiter Kundenservice von Bertelsmann Schweiz. Der Mutterkonzern in Deutschland wisse, dass mit dem Namen Bertelsmann illegal an Kaffeefahrten geworben werde. «Leider können wir kaum gegen solch dubiose Firmen vorgehen.» Diese seien im Hintergrund meist mit weiteren Firmen zusammengeschlossen, die ihren Sitz in England hätten. Die Leute, die sich hier als Bertelsmann-Mitarbeiter ausgeben würde, seien meist von diesen englischen Hinterfirmen angestellt. «Und in England haben wir keine Handhabe mehr.» Im Restaurant Hirschen in Regensdorf wusste man nichts vom Zweck der Veranstaltung. «Bei uns wurde sehr kurzfristig ein Raum für eine Sitzung mit Abendessen reserviert», sagt Geschäftsführerin Sonja Sekinger. «Wir haben erst gemerkt, was dort gespielt wird, als die Leute schon da waren und es zu spät war, die Reservation abzusagen.» Normalerweise würde man für solch dubiose Veranstaltungen keine Räume zur Verfügung stellen. Von Ines Rütten Regensdorf – «Das ist keine Werbeveranstaltung», versichert ein Namenloser mit Mikrofon in Hochdeutsch gleich zu Beginn des Nachmittags. Der Saal im Restaurant Hirschen in Regensdorf ist voll. Über 40 ältere Menschen sind hierher gekommen, weil sie bei einem Super-Deal-Rubbellos einen «Traumgewinn» frei gerubbelt haben und jetzt auf die Gewinnverteilung warten. Eingeladen wurden sie von der Firma Plus Technologie GmbH (siehe Kasten). Doch das Versprechen des Namenlosen ist nur das erste, das an diesem Nachmittag nicht gehalten wird. Matratze, die jünger macht Den Hauptsponsor wolle er vorstellen, diese Ehre habe er heute. «Ich darf Ihnen eine Weltneuheit präsentieren, die Sie fünfzehn Jahre jünger macht», sagt er in sein Mikrofon und strahlt. Gelächter bricht aus. Dann beginnt ein Vortrag über Krankheiten: Arthrose, Arthritis, Bluthochdruck und Schmerzen ganz allgemein. «Das kennen Sie doch?», fragt der Mann in die Runde. Das Nicken ist ihm sicher. Das Übel sei die Tiefschlafphase. Dort würden sich die Muskeln komplett entspannen, das führe zu starkem Druck auf die Gelenke und dies wiederum zu Arthrose und anderen Leiden. Klinische Studien würden das beweisen, hierzu müssen ein paar Grafiken und Stichworte auf der Leinwand reichen. Nach anderthalb Stunden ist klar: Es geht um Matratzen. «Wenn die zu hart ist, sind Krankheiten vorprogrammiert.» Jeder, der das nicht begreifen wolle, sei selber schuld. Zudem würden die Menschen sowieso viel zu wenig Geld für ihre Matratzen ausgeben. Ein beliebter Satz des Namenlosen: «Wenn Sie ehrlich sind, wissen Sie, wovon ich spreche.» Proline soll die Wundermatratze heissen, die von allen Beschwerden heile. Es scheint, als hätten die Menschen vergessen, wofür sie eigentlich gekommen sind, bis sie der Regensdorfer Werner Schneider daran erinnert. «Eigentlich wollte ich meinen Gewinn abholen», beschwert er sich. «Jetzt wird hier seit fast drei Stunden über Matratzen geredet.» Vom Namenlosen wird er abgeklemmt. «Wir können das gleich untereinander regeln», sagt er mit strengem Blick. «Das stört hier.» Und schon redet er umso lauter in sein Mikrofon, um jeden Protest zu unterdrücken.Die Matratze steht wieder im Mittelpunkt. «Reismilchserum» lautet das Stichwort. Daraus, beziehungsweise aus Reisprotein, sei der Bettinhalt gemacht – dass Reisprotein ein Nahrungsmittel ist, interessiert niemanden, auch nicht, wie daraus ein Schaumstoff entstehen soll. Auch die Hülle der Matratze aus Carbon-Silber-Gewebe sei einzigartig und von der Paracelsus-Klinik Schweiz erfunden worden. Nie mehr könne sich eine Staubmilbe darin wohlfühlen. Fasziniert nicken die grauhaarigen Hausfrauen.Eine grosse Show wird aus dem Verkauf gemacht. Es gibt – selbstverständlich – nicht genügend Bestellcouverts für alle. «Ich zähle auf drei, und wer ein Couvert will, muss dann die Hand hochhalten», sagt der Namenlose. «Wer diese Matratze nicht will, ist lebensmüde.» Schliesslich wird der Kaufpreis bekannt: «Nur 1495 statt 3900.» Der Namenlose zählt auf drei. Etwa fünf Hände schiessen in die Höhe. «Gratulation.» Ganz hinten im Saal haben sich flugs ein paar weitere Personen an einen Tisch gesetzt mit seriösem Blick und gezücktem Kugelschreiber. Sie sorgen dafür, dass die Matratzenkäufer auch brav ihren Kaufvertrag unterschreiben. «Das ist Abzockerei» Ein älterer Herr beschwert sich plötzlich lauthals und zerreisst sein Bestellcouvert. «Das ist Abzockerei», ruft er, «jetzt soll jeder einen Vertrag für zwei Matratzen unterschreiben.» Ein Verkäufer steht sofort auf und reisst dem Herrn die Papiere aus der Hand und schickt ihn vom Tisch. Danach verschwinden die Matratzenmenschen schnell. Eine blonde Frau – Typ Schwiegertochter – verkündet nun die Preisverleihung. Von Bertelsmann beziehungsweise Sonnenklar-TV sei sie angestellt für diesen schönen Job. «Bertelsmann kennen Sie doch?», fragt sie. Das Publikum nickt. Dann referiert sie ewig über die verschiedenen Reiseziele ihres Unternehmens. «Wer nicht zuhören will, kann ja gehen», wettert sie, als kaum jemand zuhört. «So, wer will denn jetzt eine Reise gewinnen, der soll mir sein Los geben», sagt sie schliesslich und lächelt. Jeder, der wolle, bekomme jetzt sogar zwei Carreisen für jeweils zwei Personen geschenkt. Einzig eine Kaution für das «Sorglos-Paket», sprich eine Art Reiseversicherung, müsse hier bar bezahlt werden – «nur» 99 Franken pro Person und Reise. Und so wandern nach fünf Stunden Werbevortrag die Hunderternoten der «Gewinner» über den Tisch.

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