Zum Hauptinhalt springen

«Dieses Modell ist utopisch»

Der Adliswiler SVP-Politiker Nico Weisskopf kämpft gegen Schulklassen, in denen drei Jahrgänge miteinander unterrichtet werden. Anders als die Lehrer hält er solche Klassen für unzumutbar.

Von Nicole Trossmann Adliswil – Auf den ersten Blick wirkt die Schulklasse im Primarschulhaus Kopfholz wie jede andere. Ein Grüppchen von Kindern ist an den Pulten in eine Arbeit vertieft; sie schneiden einzelne Satzteile aus und fügen die Kärtchen zu neuen Sätzen zusammen. Eine andere Gruppe sitzt im Kreis mit der Lehrerin Regula Glarner. Sie konjugieren gemeinsam Verben: «Ich will, du willst, er will.» Erst auf den zweiten Blick erkennt man: Die Kinder in den beiden Gruppen sind nicht gleich alt. Als die Gruppen dann wechseln, pendelt auch Glarner kurz hin und her, sieht da zum Rechten, hilft dort weiter. Als sich die Älteren an die Einzelarbeit machen, sieht man: Ihre Teilsätze auf den Kärtchen sind komplexer. Die Klassenlehrerin widmet sich jeweils ganz jener Gruppe, mit der sie etwas bearbeitet, wirft jedoch immer wieder prüfende Blicke in Richtung der anderen Kinder. Als ein Bub die durch die Gruppen geteilte Aufmerksamkeit der Lehrerin nutzt, um zwei Mädchen heimlich mit seinem neuen Spielzeug, auf dem ein Totenkopf prangt, zu beeindrucken, merkt dies Glarner. Sie fragt ihn, ob er mit den Übungen schon fertig sei.Er schüttelt erschreckt den Kopf, lässt den Totenkopf verschwinden und widmet sich wieder seinem Blatt. Mucksmäuschenstill? Passé Regula Glarner, die im Schulhaus Kopfholz seit 1993 Klassen mit zwei Jahrgängen unterrichtet, tut dies nun im zweiten Jahr mit drei Jahrgängen pro Klasse. Neu finden sich in ihrer Klasse je acht Erst-, Zweit- und Drittklässler. Sie muss für diese Klasse zwar mehr vorbereiten, doch davon wird auch viel im Team erledigt. «Das entlastet», sagt sie. Den Vorwurf, dass Mehrjahresklassen unruhiger seien, lässt sie nicht gelten. Zum einen müsse man sowieso alle Kinder an diszipliniertes Arbeiten gewöhnen. «Zum anderen sind die Zeiten, in denen Kinder mucksmäuschenstill vor sich hinarbeiteten, längst passé.» Glarner hebt die sozialen Vorteile der Mehrjahresklassen hervor. So kämen Erstklässler bei Schulantritt in ein bereits funktionierendes System; die Kleinen ahmten das Verhalten der Grösseren nach. Da Glarner in Mehrjahresklassen die Jahrgänge oft in kleinen Grüppchen unterrichtet, könne sie auf die Bedürfnisse einzelner Kinder besser eingehen. Auch sei komplexeres und simpleres Material stets im Klassenzimmer vorhanden, und so kann etwa ein Zweitklässler, der Talent in der Mathematik zeigt, auch mal eine Übung der Drittklässler lösen. Die Eltern seien anfangs, im Sommer vor einem Jahr, skeptisch gewesen, vor allem auch, weil bestehende Klassen auseinandergerissen wurden. Heute seien sie in der Mehrzahl zufrieden mit dem Modell. Und die Kinder? «Die finden es‹cool›», sagt Glarner. Nur von der Bevölkerung würde sich Glarner noch etwas mehr «moralische Unterstützung» wünschen. 382 Personen dagegen Nico Weisskopf sammelte im Frühjahr 382 Unterschriften für den «Verzicht auf Mehrjahresklassen». Er übergab die Petition der Schulpflege. Diese antwortete, sie würde das Modell beobachten. Das war Weisskopf zu vage. Er will eine konkrete Frist genannt wissen, nach der Bilanz gezogen wird. Nach seinen Berechnungen koste das Modell den Steuerzahler mehr. Auch sei die Zusammenlegung dreier Jahrgänge unzumutbar, jene von zweien nur im Notfall. «Eine Mutter erzählte mir, ihr Mädchen traue sich bei Einzelübungen nicht, die Lehrerin etwas zu fragen, es schäme sich, die Lehrerin, die mit der anderen Gruppe beschäftigt ist, zu stören.» Selbstständigkeit in diesem Mass dürfe man den ganz kleinen Kindern noch nicht zumuten. Sie benötigten eine klare Betreuung. Bei wenig Schülern sei das Modell mit zwei Jahrgängen sinnvoll. Auch mit Musterschülern würde das Modell theoretisch funktionieren. «In der Praxis aber ist es utopisch», sagt Weisskopf. Erwähnenswert ist, dass Weisskopf selbst in einer Mehrjahresklasse war – jener von Regula Glarner. Es habe funktioniert, obwohl es nicht «optimal» gewesen sei, erinnert er sich. «Damals waren aber nur zwei Jahrgänge in einer Klasse. Drei sind für mich unvorstellbar.» Er wolle sich in der Thematik weiterhin engagieren und ruft auch die Eltern auf, das neue Modell kritisch zu betrachten. Schulleiter Michael Illi sagt, im Team habe man sich für die Mehrjahresklassen entschieden, weil man so Kinder mit speziellen Bedürfnissen am besten integrieren könne. «Was man früher in der Grossfamilie lernte, aufeinander Rücksicht zu nehmen, erleben die Kinder heute in den Mehrjahresklassen: Jedes Kind ist mal das Jüngste, das Mittlere, das Älteste», sagt er. Die Lehrkräfte nähmen den Mehraufwand der Kinder wegen auf sich, es gehe nicht um finanzielle Interessen: Der Aufwand stehe für die Lehrkraft im ersten Jahr in keinem Verhältnis zum Zuschlag, den sie für Mehrjahrgangsklassen bekomme. Bei der Einführung des Berufsauftrages 2011, der das Pflichtenheft neben dem Unterricht regelt, werde dieser Zuschlag sowieso abgeschafft. Hoher Vorbereitungsaufwand Peter Gosseling, der Mehrjahresklassen stellvertretend unterrichtete, streicht die sozialen Vorteile für die Kinder heraus. «In Mehrjahresklassen gibt es weniger Rivalitäten als in Jahrgangsklassen, der Unterricht läuft friedlicher ab.» Als Nachteil für die Lehrer sieht Gosseling den grossen Vorbereitungsaufwand. «Man muss enorm gut organisiert sein, weil man immer drei verschiedene Stufen gleichzeitig unterrichtet.» Dennoch ergäben sich für die Lehrer nicht nur Nachteile. Dadurch, dass Mehrjahresklassen oft im sozialen Bereich stärker seien, könne man sich voll und ganz dem Stoff widmen, ohne zu viel Zeit mit dem Schlichten zwischenmenschlicher Reibereien zu vergeuden. Insgesamt stecke das Modell zwar noch in den Kinderschuhen und bedürfe einer gewissen Reifezeit. «Und doch: Ich bin vom Erfolg der Mehrjahresklassen überzeugt.» «Es gibt weniger Rivalitäten als in Jahrgangsklassen. Der Unterricht läuft friedlicher ab.» Peter Gosseling

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch