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Die Mörder kamen um sieben Uhr

Alirio Torro war früher Kaffeebauer in Kolumbien. Doch dann musste er flüchten, weil er angeblich mit den Guerillas kooperierte.

Von Rolf Haecky Rafz/Embrach – Als hätten sie ihn lebendig begraben, fühle er sich. Aber eigentlich müsste er tot sein. Doch darüber redet der Kolumbianer mit niemandem. Alirio Torro kriecht tiefer in das Kellergewölbe der alten Trotte in Rafz. Er fürchtet sich – die Enge, die Dunkelheit, die Spinnweben, die an Händen und im Gesicht kleben bleiben. Da, wo er herkommt, graben sie keine Löcher in den Boden unter den Häusern. Und die Spinnen sind giftig. Aber der Patron erwartet, dass er weitermacht. Bisher war immer er der Patron gewesen, hatte erwartet, dass ihm seine Arbeiter gehorchten. Also macht er weiter. Zuvor hat er Backsteine die Treppe hoch in den obersten Stock getragen. «Ich bin Handlanger, springe ein, wo sie mich brauchen, denn ich verstehe nichts vom Bau», sagt er und lächelt. Aber von Kaffee verstehe er viel, sehr viel sogar. Präsident der Kleinbauern Alirio Torro besass im Norden Kolumbiens am Fluss Magdalena eine Farm, wo er Kaffee anbaute. 18 Männer arbeiteten für ihn, 260 Sack zu 53 Kilogramm Bohnen – sonnengetrocknet – lieferte er den Händlern pro Jahr. Zudem züchtete Alirio Torro Milchkühe, 78 Stück standen zuletzt auf seiner Weide. «Wir hatten genug zu essen, und das Geld reichte, damit meine beiden ältesten Töchter hätten studieren können», beginnt er Einige Zeit zuvor hatten die Kleinbauern der Region ihn zum Präsidenten ihrer Gemeinschaft gewählt. Fiel der Strom aus oder blieb eine Strasse nach einem Erdrutsch über Wochen unpassierbar, sodass sie ihre Ernte nicht mehr zum Markt fahren und verkaufen konnten, musste Alirio Torro mit dem Bürgermeister verhandeln. Besonders schwierig waren solche Gespräche der Gemeinschaft mit den Behörden über den Konzern El Cerrejon, der weltweit grössten Steinkohlemine im Tagebau. Seit 1986 haben die bis zu 25 Kilometer langen Tagebaukrater und die gut 150 Meter hohen Kohlehalden der Mine das Land von Hunderten zwangsenteigneten Bauern weggefressen – auf Druck des Unternehmens. «Nach und nach merkte ich, dass unsere Steuern – genauso wie die der Kohlenmine oder der Ölfirmen in der Region – in den Taschen korrupter Beamter versickerten», erinnert er sich. «Also wehrte ich mich für die Rechte meiner Nachbarn und für meine.» Bald sprach sich herum: Alirio Torro wisse ruhig, geschickt und mit Erfolg zu verhandeln. Für die Rechte der Bauern im Norden Kolumbiens kämpfen auch die beiden Guerillas Farc und ELN, wobei die Guerillas ihren Kampf mit den Einkünften aus dem Drogenhandel und mit von reichen Familien erpressten Lösegeldern finanzieren. Sich in diesem Umfeld für die Kleinbauern und Landarbeiter einzusetzen und gegen korrupte Beamte und räuberische Konzerne anzutreten, das sollte Alirio Torro zum Verhängnis werden. Damit unterzeichnete er sein eigenes Todesurteil. Das Militär und die gegen die Rebellen kämpfenden Milizen der Grossgrundbesitzer beschuldigten ihn, mit der Guerilla zusammenzuarbeiten. «Das ist absolut gelogen», stellt er klar. Doch egal – sie hielten ihn für schuldig und setzten ein Killerkommando auf ihn an. Im letzten Augenblick warnten Freunde ihn, die Miliz sei auf dem Weg, um ihn zu töten. Alirio Torro setzte seine Frau Marlene, die fünf Töchter und den Sohn in seinen Lastwagen und floh in die Hauptstadt Bogotá. «Unglaublich, mit welcher Kraft Marlene das alles mitgemacht hat», sagt er anerkennend. Er hatte Glück und fand einen Händler, für den er mit seinem Lastwagen arbeiten konnte – zwei Jahre lang transportierte er dreimal im Monat sechs bis acht Tonnen Fisch vom Hafen über vierhundert Kilometer weit nach Bogotá. «Ich bin ein guter, zuverlässiger Fahrer», meint er stolz. Alirio Torro wollte in der Hauptstadt abwarten, bis sich die Lage in seiner Region beruhigt hatte. Traumland Schweiz Jeden Tag, den er konnte, sass er Punkt 19 Uhr vor dem Fernseher und verfolgte, wie sich die Lage in seiner Region entwickelte. An einem Abend im November vor sechs Jahren jedoch versagte das uralte Gerät seinen Dienst, und Alirio Torro eilte in ein Nachbarhaus, um sich die Nachrichten anzuschauen. Minuten später stürmte sein Sohn ins Zimmer: Drei mit Pistolen bewaffnete Männer fragten überall im Quartier nach ihm und waren soeben bei ihnen daheim aufgetaucht. «Da wusste ich, dass sie mich gefunden hatten und töten würden», sagt er. Alirio Torro packte seine Familie wieder in den Lastwagen und versteckte sich mit ihr die ganze Nacht über. Am anderen Morgen früh fuhr er direkt zur Schweizer Botschaft. «Ich habe nie an ein anderes Land gedacht – alle in unserer Region wissen, dass die Schweizer das Volk sind, das die Menschenrechte am besten respektiert.» Viel gelernt Die Schweiz anerkennt Alirio Torro als Flüchtling. Mitte Dezember 2004 landete die Familie in Kloten. An dem Tag fiel Schnee. «Die erste Zeit war hart, wir vermissten die Eltern, die Geschwister, die Freunde, das Essen, wir verstanden nichts von dem, was die Leute um uns herum redeten – und uns war kalt», sagt er. Und doch hat er keinen einzigen Augenblick daran gedacht, nach Kolumbien zurückzugehen. «Heimweh hat keinen Platz in meinen Gedanken», wehrt Torro ab, verstummt und arbeitet weiter. Unter Dreck, Lehm und Gerümpel ertastet er im Trottenraum einen Frauenschuh und zieht ihn hervor. Der hat der Frau gehört, die früher hier wohnte und vor Jahren verstorben ist. Kleider, alte Töpfe, rostige Eisen – seit Tagen ist Torro daran, den 600 Jahre alten Raum in Rafz auszumisten. «Warum auch sollte ich Heimweh haben? Die Leute in meiner Wohngemeinde Embrach sind alle sehr nett zu uns, die beiden Töchter sind kurz vor dem Abschluss als Kindergärtnerinnen, der Bub hat eben eine Lehre als Dachdecker begonnen.» Nur – er will immer arbeiten können, um sich zugehörig zu fühlen, um «etwas Sinnvolles für diese Gesellschaft tun zu können», murmelt er, packt Bohrer und Schleifmaschine, geht zu einem anderen Kellerraum und macht sich an einer Mauer an die Arbeit. Dankbar sei er, dass ihn der Chef hier am Bau in Rafz arbeiten lasse und ihn so viel gelehrt habe. «Das müssen Sie unbedingt schreiben.» Einen grossen Traum hat Alirio Torro noch: Irgendwann einmal möchte er wieder einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb führen. «Es war absolut gelogen, was mir Militär und Rebellen vorwarfen. Ich arbeitete nie mit den Guerillas zusammen.» Alirio Torro Nach alldem, was er erlebt hat, will Alirio Torro etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun können.Foto: Rolf Haecky

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