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Die Körpersprache entscheidet

Wer im Final nur eine Spur von Selbstzweifel offenbart, endet als erster Verlierer. Von Kent Ruhnke

Ist man ein grosses Team, weil man Meister geworden ist? Oder muss man zuerst grossartig sein, um es zu schaffen? In anderen Worten: War das Huhn oder das Ei zuerst? Ich glaube, die Kloten Flyers sind der Antwort am Dienstag mit ihrer mutigen Leistung zum 1:0 über das Kraftwerk SCB einen Schritt näher gekommen. Sie haben mich beeindruckt, im entscheidenden Moment Charakterstärke gezeigt. Aber was wird am Schluss über diese Saison in den Geschichtsbüchern stehen? Die Coaches der Finalisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Wenn man Arno Del Curto in Aktion sieht, wundert man sich, was alles durch seinen Kopf schiesst. Er lauert an der Bande wie ein Löwe, seine Haare stehen in alle Himmelsrichtungen, seine Brille hängt schief im Gesicht. Es macht den Anschein, als wolle er mit aller Gewalt seinen Siegeswillen auf die Spieler übertragen. Wie Gilbert und Sullivan Anders Eldebrink, der kühle Schwede, ist zurückhaltender – seine wilden Jubelszenen am Dienstag ausgenommen. Und anders als Del Curto muss er sich keine Gedanken darüber machen, ob er Gel oder Haarspray benutzen soll, damit seine Frisur hält. Dafür hat Eldebrink auch nicht den wertvollsten Spieler zur Verfügung: Reto von Arx. Was Del Curto nicht schafft, richtet von Arx. Sie sind wie Gilbert und Sullivan des Schweizer Eishockeys – wie der Komponist Arthur Sullivan und der Schriftsteller William Schwenck Gilbert, die zusammen 14 Opern verfassten. Ich glaube fest daran, dass Gewinnen eine Fähigkeit ist, die man lernen und vermitteln muss. Es gibt keine «geborenen Sieger» in dieser Welt. Davos weiss, wie man gewinnt, Kloten möchte es gerne tun. Das ist ein grosser Unterschied. Die beiden Teams bringen unterschiedliche Emotionen in diese Serie. Die Flyers werden hoffnungsvoll sein, aber wahrscheinlich auch bange darauf warten, was auf sie zukommt. Davos wird selbstbewusst und, wie immer, aggressiv sein. Spieler reagieren stark auf die körperlichen Signale ihrer Leader. Jeder Coach, der auch nur eine Spur von Selbstzweifel offenbart, wird am Schluss als erster Verlierer dastehen. So seltsam es tönt, das Erreichen des Finals nimmt viel Druck von einem weg. Ich empfand es als Trainer immer so, dass meine Arbeit erledigt war, wenn wir so weit gekommen waren. Nun lag es an den Spielern. Die Vorbereitung und die harte Arbeit ist vorbei. Inspirierende Ansprachen sind überflüssig geworden, weil die Spieler ohnehin so energiegeladen und so fokussiert sind, dass es beinahe Angst einflössend ist, die Kabine zu betreten. Da sollte man nicht intervenieren. Am Besten steht man auf die Seite, wenn der Expresszug am Losfahren ist. Man muss als Trainer einfach darauf achten, dass man auf der Bank nicht den entscheidenden Fehler begeht und so den Traum der Spieler zerstört. Kann man ein Experte darin werden, Finalserien zu gewinnen? Ich persönlich habe in Finals (mit den ZSC Lions, Bern und Basel) oder Finalrunden (mit dem ZSC, Biel und Olten) in der Nationalliga A und B immer gewonnen. Das macht mich entweder sehr gut oder sehr glückhaft. Ich weiss nicht, was von beidem den Ausschlag gab. Jedenfalls ist jeder Final ganz unterschiedlich. 2000 bei den ZSC Lions war ich konstant von der Boulevardpresse attackiert worden, obschon wir innert zwei Jahren vom 10. auf den 2. Rang vorgerückt waren. Erst als ich im Januar einen unliebsamen Journalisten konfrontiert und aus dem Stadion getrieben hatte, erlangte ich mein Selbstvertrauen wieder. Ich hatte mein altes Ich wieder, und meine Spieler reagierten sofort auf meine positive Körpersprache.Als Adrian Plavsic zehn Sekundenvor Schluss in Spiel 6 Cristobal Huet bezwang, war dies der bittersüsseste Moment meines Lebens. Natürlich hätte ich, der Zürich verlassen musste, ein günstigeres Schicksal verdient. Aber zu siegen war für mich das Wichtigste. Die Wette um Christian Dubé Als ich beim SCB war, wettete einer meiner früheren Manager mit mir ein feines Abendessen mit einer guten Flasche Wein, dass ich mit Christian Dubé nie Meister werden könnte. Ich nahm gerne an. Aber Dubé musste zuerst lernen, wie man grosse Spiele gewinnt. Wir hatten es fast geschafft, als Luganos Mike Maneluk 2005 im letzten Finalspiel 30 Sekunden vor dem vermeintlichen Ende noch den Ausgleich schoss. Ich spürte förmlich, wie bei meinen Spielern die Luft durch ihre Ausrüstungen entwich. Wie, nicht was, ist entscheidend Was sagt man zu einem Team, das bereits eine Hand an der Champagnerflasche gehabt hat? Ich glaube, es ist nicht so wichtig, was man in der Kabine vor einer Overtime sagt. Entscheidend ist, wie man es sagt. Ich wusste, dass die Spieler meinen Worten nicht zuhören würden. Aber sie würden sehr wohl auf meine Körpersprache achten. Ich sagte praktisch nichts, aber sie kapierten meine Botschaft. Und die Verlängerung war unsere beste in der ganzen Saison. Lugano spielte, um nicht zu verlieren, wir spielten einfach. Wir hätten schon zehn Tore schiessen können, als Marc Weber schliesslich Ronnie Rüeger durch die Beine erwischte. Fünf Minuten später, als ich Dubés Hand schüttelte, liefen Freudentränen über seine Wangen. Ich erzähle dies, weil die Flyers im Final nicht spielen dürfen, um nicht zu verlieren. So, wie sie dies in den Spielen 4, 5 und 6 des Halbfinals taten. Sonst werden sie uns erscheinen wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Sie müssen furchtlos auftreten und jeden Check der Davoser mit einem eigenen vergelten. Sie müssen laufen, als hätten sie keine harte Serie in den Beinen. Denn Davos wird hungrig und gesund sein und Arno Del Curto besessen vom Gewinnen.Eldebrink hätte gerne den Meistertitel als Trainer auf seinem Lebenslauf. Und die Klotener möchten sich und allen anderen beweisen, welch grossartiges Team sie sind. Das kann man nur tun, indem man die Meisterschaft gewinnt. Die Frage ist: Können sie es? Der Trainer muss im Final zur Seite stehen und aufpassen, nicht den entscheidenden Fehler zu begehen.

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