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Die Gratwanderung von Präsident Nicolas Sarkozy

Frankreichs Regierung nutzt einen Aufstand zu einer Kampagne gegen die Roma.

Von Oliver Meiler, Mailand Es ist eine Gratwanderung, wenn auch eine kalkulierte, die Frankreichs Regierung in diesen ersten Tagen der Sommerferien vorführt. Während die Medien noch immer täglich neue Episoden aus der Staatsaffäre rund um die generöse L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt erzählen, versucht Nicolas Sarkozy, mit martialischen Parolen andere Dossiers in den Vordergrund zu schieben. Nach einer Sondersitzung im Elysée liess er die Gemeinde der Fahrenden im Land wissen, dass er sie als eines der dringlichsten Probleme betrachte: die Manouches, wie sich die Fahrenden in Frankreich nennen, genauso wie die zugewanderten Roma aus Osteuropa. Innenminister Brice Hortefeux will in den nächsten drei Monaten 300 illegale Lager halb sesshafter Familien «evakuieren», die Steuerpolizei soll sich jene vorknöpfen, die ihre Wohnwagen mit «zylinderstarken Autos» zögen, und er will dieses Jahr noch mehr Fahrende nach Rumänien und Bulgarien zurückschaffen lassen. 2009 waren es knapp 10 000. «Sollen wir die Realität leugnen?», fragte Hortefeux. «In dieser Gemeinschaft gibt es Verhaltensformen, die nicht mehr akzeptabel sind.» Er sprach von einem Anstieg der Kriminalitätsrate unter Fahrenden, von Prostitution und Menschenschmuggel. Konkrete Zahlen nannte er nicht. Viele sind sesshaft Sarkozy nutzt die Verwunderung vieler Franzosen über die Folgen eines tragischen Ereignisses, das sich vor einigen Tagen in Saint-Aignan zutrug. Luigi Duquenet, ein 22-jähriger Manouche, war wieder ohne Fahrausweis unterwegs, als er in eine Polizeikontrolle geriet. Aus Furcht ignorierte er die Aufforderung zum Anhalten. Die Polizei erschoss den jungen Mann. In Saint-Aignan gingen darauf Hunderte Fahrende auf die Strasse, griffen den Polizeiposten an, zündeten Autos an – als Rache für Luigis Tod. Der Staat schickte ein Grossaufgebot von Sondereinheiten, der Aufstand war schnell niedergeschlagen. Für Opposition, Menschenrechtsorganisationen und Anti-Rassismus-Aktivisten zeigt die rechtsbürgerliche Regierung auf unzulässige Weise mit dem Finger auf eine Minderheit. Sie fördere mit ihrer pauschalen Verurteilung die vielen Vorurteile über Zigeuner. In Frankreich leben zwischen 400 000 und 600 000 Fahrende. Die letzte Zählung ist 20 Jahre her. 95 Prozent sind französische Staatsbürger, haben alle Papiere und Rechte. Viele Manouches sind halb bis vollständig sesshaft, führen kleine mobile Geschäfte, die Kinder gehen zur Schule. Ganz einfach ist die Integration dennoch nicht. Noch schwieriger haben es die Roma, deren Anteil seit dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien zur EU gewachsen ist. Um in Frankreich bleiben zu dürfen, müssen sie eine Arbeit nachweisen. In den grossen Städten sieht man seit einigen Jahren wieder mehr Kinder und Frauen mit Babys auf den Armen beim Betteln. Die Männer ziehen mit Kinderwagen, die sie als Ladekarren brauchen, von einem Abfallcontainer zum andern. Mit den Manouches verbindet die Roma ausser dem allgemeinen Misstrauen, das ihnen entgegengebracht wird, fast nichts. Doch mit solchen Finessen hält sich die Regierung nicht auf. Sie weiss um die Ressentiments im Volk und bedient sie aus politischem Kalkül. Nicolas Sarkozy schürt Vorurteileaus politischem Kalkül. Foto: Keystone

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