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Die Fluglärmgegner melden sich immer lauter zu Wort

Der Zürcher Streit um den Fluglärm ist der lauteste im Land. Doch Widerstand gegen Flugplätze gibt es fast überall. Und er wird stärker.

Von Erwin Haas In der Tourismusregion Heidiland sorgt der Fluglärm für rote Köpfe. Weil die Luftwaffe die Region ab 2011 stärker nutzen will, prognostiziert der Gemeindepräsident von Walenstadt SG gar einen Aufstand (TA vom 26. 7.). Solcher Widerstand gegen Fluglärm ist kein Einzelfall – und hat Tradition. Beim Flugplatz Beromünster LU erzwang eine Anwohnerin vor Gericht, dass Landeanflüge über ihr Haus verboten sind. Offiziell nicht wegen des Fluglärms, sondern wegen Gefährdung des Lebens. Mindestens 100 Meter Überflugshöhe sind seither Pflicht. Aus Angst, das Urteil habe präjudizierende Wirkung für andere Flugplätze, verzichteten die Flugplatzbetreiber darauf, es ans Bundesgericht weiterzuziehen. Seit zehn Jahren müssen die Hobbypiloten nun den heiklen Endanflug in einem S über das Nachbargrundstück meistern. Sie werden eigens dafür geschult. Angesägte Steuerseile In Lommis TG pflanzten Fluglärmgegner einst schnell wachsende Pappeln, um die Sportflieger zu behindern. Und an einer Pilatus Porter in Triengen LU wurden in den Achtzigerjahren nachts die Steuerseile angesägt; die Tat wurde Lärmgegnern zugeschrieben. Den ganzen Tag brachte das Flugzeug Fallschirmspringer in die Luft, beim letzten Flug riss ein Höhenruderseil. Mit Glück kam der Pilot heil herunter. Handfester Widerstand ist zwar die Ausnahme. Doch Opposition gibt es, seit der motorisierte Mensch fliegt. Als die Swissair-Vorgängerin Ad Astra mit Wasserflugzeugen auf dem Zürichsee startete, brach in Zollikon ein Sturm der Entrüstung aus. Mittlerweile gibt es überall Bürgerorganisationen. Wesentlich zum erstarkten Widerstand beigetragen hat der Helikopterverkehr. Die Zahl der Hubschrauber in der Schweiz ist seit 1990 von 200 auf 300 gestiegen, Starts und Landungen sind seit 2003 um ein Viertel auf fast 57 000 angewachsen. Auch unablässige Schleppflüge für Segelflieger wie in Schänis SG, das An- und Abschwellen des Lärms bei Aerobatikflügen und das Auf und Ab lautstarker Pilatus-Transporter für Fallschirmspringer ärgern die Ruhebedürftigen. Flugpiste besetzt In St.?Gallen-Altenrhein kämpft die Aktion gegen Fluglärm seit bald 60 Jahren für mehr Ruhe. Was 1951 mit 30 Gründungsmitgliedern begann, ist zur Protestbewegung mit über 2000 Anhängern geworden. Sie haben demonstriert, Petitionen lanciert und die Piste besetzt – mit Erfolg: Die Zahl der Flüge ist seit 1985 von 50 000 auf rund 30 000 Starts und Landungen pro Jahr gesunken, Betriebszeiten wurden limitiert, Airshows verhindert. Und den Flugplatzbetreibern ist es bisher nicht gelungen, gegen den Willen der Bevölkerung eine Konzession für einen Regionalflugplatz mit Linienflügen frühmorgens und bis spät in den Abend hinein zu erhalten. Wo immer ein Flugplatz ausbauen will, erwächst Widerstand. Selbst die Befestigung einer Graspiste mit Gittermatten weckt bei Anwohnern wie in Fehraltorf ZH oder Beromünster LU die Furcht, es gebe mehr Flugverkehr. Relative Ruhe geniessen nur Kleinstflugplätze mit limitierten Kontingenten. Etwa Lommis TG: Wegen der oft schlammigen Graspiste wird das Flugfeld im Winter stillgelegt. Von 12 bis 13.30 und ab 19 Uhr ist es geschlossen. Während Beerdigungen im Dorf ruht der Betrieb. «Es regiert Sankt Florian» Heftige Konflikte spielen sich auch um die zivile Nutzung ehemaliger Militärflugplätze wie Buochs NW und Mollis GL ab. Und auch dort, wo die Luftwaffe noch fliegt, eckt sie an: Seit 2005 die letzten Jets die Basis Dübendorf verliessen, konzentriert sich das F/A-18-Getöse auf Payerne VD, Meiringen BE und Emmen LU – sehr zum Missfallen der Bevölkerung und der Touristiker. Nicht einmal die Patrouille Suisse ist noch vorbehaltlos willkommen. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) wägt laut Sprecher Anton Kohler die Entwicklungsmöglichkeiten der jeweiligen Flugplätze und die Wünsche der Bevölkerung gegeneinander ab. Berechnet wird, wie viel Lärm in einem Flugplatzperimeter Platz hat. Massgeblich ist dabei, dass die Lärmschutzverordnung nicht verletzt wird. Diese beruht allerdings auf gemittelten Lärmpegeln, nicht auf dem individuellen Empfinden der Menschen. Die Interessengemeinschaft Fluglärm Beromünster bezeichnet das Bazl als «allmächtige Institution» im Dienste der Luftfahrtindustrie und der Privatfliegerei. Gebündelt sind die Kräfte der Lärmgegner im Schweizerischen Schutzverband gegen Flugemissionen. Dessen Schlagkraft ist unter der neuen Präsidentin, der grünen Zürcher Nationalrätin Marlies Bänziger, allerdings erst im Aufbau. Und das Problem bliebe selbst dann bestehen, wenn sich das ganze Land wehren würde. «Es regiert Sankt Florian», sagt Bänziger: «Fliegen wollen alle, aber keiner will den Lärm.»

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