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Der Tunesier an und für sich

Asyl Wer in Sachen Nordafrikaner von Kriminalität redet, sollte auch von anderem reden: dem Stolz, der Gefahr und der Freiheit. Von Oliver Meiler Es ist schon erstaunlich, wie reflexartig das läuft. Wie locker der Finger auf ganze Gruppen, Völker, Nationalitäten zeigt. Auch jetzt wieder, in der Schweiz. Diesmal trifft es die Asylbewerber aus Nordafrika, gewissermassen pauschal – mit einer besonderen Erwähnung «des Tunesiers» an und für sich und von dessen angeblichem Hang zur Kleinkriminalität, zu Masslosigkeit, Schnoddrigkeit und Undankbarkeit. So, in verkürzter Form und in der ultimativen Einzahl, wie man sie aus den alten Ethnologiebüchern kennt. Man braucht nur die Schlagzeilen der Zeitungen zu lesen, aller Zeitungen. Es klingt, als drohte der Schweiz so kurz vor Weihnachten eine dramatische Welle von Einbrüchen, Autodiebstählen, Drogendelikten. Nur: Muss man sich wirklich so fürchten? Von einer Welle, ja von einem Tsunami wurde schon einmal gewarnt: In den ersten Monaten dieses Jahres war das, als drüben, auf der südlichen Seite des Mittelmeers, unverhofft der Frühling ausbrach – der Frühling der Demokratie. Als am Mittelmeer unter Lebensgefahr die Freiheit gefordert wurde, erschienen nördlich der Alpen Schlagzeilen wie «Macht die Grenzen dicht». Politiker beschworen die bevorstehende Migrationswelle, einen menschlichen Tsunami, der über unsere Länder rollen würde, nun, da die Diktaturen gestürzt waren, die ihre Völker bislang mit Stacheldrahtmauern zurückgestaut hatten. Vor Lampedusa fuhr die Flotte des europäischen Grenzwachtkorps vor, über Chiasso kreisten Helikopter, in Ventimiglia wartete die Polizei auf den Gleisen und Strassen, die nach Frankreich führen. Von Millionen Migranten war die Rede. Es kamen einige Zehntausend. Ein nagelneuer Stolz So, mit Polizei und Argwohn, grüsste Europa also die historische Wende in Nordafrika, nachdem man sich davor viele Jahre lang recht anständig mit den Machtherrschern arrangiert hatte. Die Doppelmoral des Westens war noch nie gut angekommen am Ufer des Mittelmeers. Doch geradezu ernüchtert war man über die kleinherzige Reaktion an der Grenze. Die Tunesier bildeten die couragierte Avantgarde der arabischen Revolution. Man muss dazu wissen, dass die Tunesier bis dahin nicht den Ruf eines mutigen Volkes genossen hatten, im Gegenteil: Man fand, sie duckten sich vor den Launen ihres Diktators. Nun aber belebt viele Tunesier der Stolz der getanen Tat, ein neues Rückgrat, auch wenn das Land noch an postrevolutionären Wirren leidet. Ins Ausland zieht es vor allem junge Tunesier, die keinen Job haben. Solche, die im Tourismus gearbeitet hatten, bevor das Geschäft versandete. Oder solche, die nach dem Studium keine Stelle fanden. Und solche, die in der Diktatur auf der falschen Seite standen: Spitzel und Polizisten, die sich im neuen Tunesien als Fremde fühlen. Ein Umsturz, selbst eine Wende zum Guten, bringt unmittelbar meist Chaos. In den Ländern des arabischen Frühlings implodierte neben den Diktaturen die Wirtschaft – und mit ihr die nahe Zukunft vieler Menschen. Auch daran sollte man denken, wenn man das Verhalten einiger Hundert Tunesier bewertet und die Kleinkriminalität von einigen von ihnen, die für die hiesige Polizei bewältigbar ist, hochrechnet zu einer Stigmatisierung aller. Es ist das ein alter Reflex – ein schneller, simpler und einer von Leuten kleinen Herzens. Und ein dummer obendrein: Er hindert an der klaren Sicht auf das, was wirklich passiert. Berichte Seite 5, 15 Die Tunesier galten nicht als mutigstes Volk der Region – bis zum Frühling 2011. Foto: Hassene Dridi (AP, Keystone)

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