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«Dein grosser Tag, Res» Händeschütteln für die Glattalbahn

Das letzte Teilstück der Glattalbahn ist eröffnet. Ihr Chef Andreas Flury hat 13 Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Der TA hat ihn zur Einweihung begleitet.Am Samstag wurde die vorläufig letzte Etappe der Glattalbahn mit einem Fest eingeweiht. Der «Tages-Anzeiger» hat den Gesamtprojektleiter Andreas Flury an seinem grossen Tag begleitet.

Von Helene Arnet Dübendorf – Zwischen 8.30 und 9 Uhr hat Andreas Flury 139 Hände geschüttelt. Als er das Fest am Samstag gegen 23 Uhr verliess, waren es – hochgerechnet – 4031. Andreas Flury ist Gesamtprojektleiter der Glattalbahn und Direktor der Verkehrsbetriebe Glattal (VBG). Und am Samstag war sein grosser Tag: Die dritte und vorläufig letzte Etappe der Glattalbahn wurde eingeweiht. Hört man den vielen Gratulanten zu, war der Bau ein Kinderspiel. «Ganz so wars nicht», sagt Flury. Als Ingenieur habe er erst mal lernen müssen, zu verstehen, wie die Politik ticke. Anfänglich habe er geglaubt, es reiche, wenn die Sache «verhebt». «Heute weiss ich, wie viele Dinge es zu bedenken gibt, wenn man im öffentlichen Raum ein so grosses Projekt realisiert.» Unter jenen, die ihm die Hände schütteln, sind viele Politikerinnen und Politiker. Zürichs ehemalige Stadträtin Kathrin Martelli (FDP) schaut dabei auch in ihre eigene Geschichte zurück: Die Glattalbahn sei 1994 Thema einer der ersten Sitzungen gewesen, welche sie als Stadträtin besucht habe. «Ich dachte damals: Was wänd au die da mache?» Schlaflos im Glattal Flury erinnert sich an etliche schlaflose Nächte, die ihm die Glattalbahn bereitet hat. Vor allem bei der Festlegung des Trassees sei viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen. «Mit dem Kopf durch die Wand geht nicht.» Die Zähne ausgebissen hat er sich an keinem der Probleme. «Das schaffte nur der Nüsslisalat, den ich vor zwei Wochen an meinem 60. Geburtstag in einem Zürcher Restaurant gegessen habe.» Andreas Flury kennt fast alle, die er beim Empfang in Stettbach begrüsst, beim Namen. Die meisten nennen ihn Res. «Ich bin gerne zu euch gekommen, Res.» – «Dein grosser Tag, Res.» – «Jetzt gehts los, Res.» Bei all dem Händeschütteln wird ahnbar, wie viele Leute aus verschiedensten Berufen an der Glattalbahn mitgearbeitet haben. Mit dem einen plaudert Flury über Fahrleitungen, mit den andern über die Haltestellen. Über Design, Fahrplantechnisches, Statik und Stromzufuhr. «Ich hatte das Glück, mit überdurchschnittlich guten Leuten zu arbeiten», sagt Flury. Dann ruft jemand: «Schön, dass ihr uns Alten auch eingeladen habt.» Vor ihm steht Ex-Kantonsrätin Dorothee Jaun (SP). Projekte wie die Glattalbahn seien politisch dankbar, sagt sie. «Die Linken sind eh dafür. Und die Rechten auch, weil es etwas zu bauen gibt.» Dass mit Bau und Planung 13 Jahre ins Land zogen, zeigt sich am Defilee vieler Politiker im Ruhestand, darunter Alt-Regierungsrat Ruedi Jeker (FDP), Alt-Stände- und Regierungsrat Hans Hofmann (SVP) und der frischgebackene Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger (SP). Doch auch die Amtierenden sind bestens vertreten: Ständerat Felix Gutzwiller (FDP), zahlreiche Kantonsräte und vom Zürcher Stadtrat Ruth Genner (Grüne), Daniel Leupi (Grüne) und Andres Türler (FDP). Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) hält die Festansprache. «Weisch kein Witz?», fragt Andreas Flury den ehemaligen Zürcher Kantonsingenieur Georg Pleisch beim Händeschütteln. Er weiss einen. Ob er jetzt arbeitslos werde, wird Flury immer wieder gefragt. Er versuche im kommenden Jahr die Belastung auf ein normales Niveau zu senken und eine gute Zwischenabrechnung zu erstellen. «Und dann mache ich für mich eine Standortbestimmung.» Seine Frau Silvia sagt: «Natürlich habe ich meinen Mann manchmal kaum zu Gesicht bekommen.» Doch jammern wolle sie nicht. «Unsere ganze Familie war glücklich darüber, dass er eine so interessante Arbeit hat.» Flury sagt: «Das Grösste für einen Architekten ist es, eine Kathedrale zu bauen. Das Grösste für einen Ingenieur ist eine Bahn.» Währenddessen schüttelt Georg Elser, Gründungsdirektor des ZVV, Flury die Hand: «Ich finde es immer noch einen guten Entscheid, dass wir dich angestellt haben.» Die Stadtmusik Dübendorf hat gespielt, Stadtpräsident Lothar Ziörjen (BDP) gesprochen: «Wenn es Stau gibt, liegt es gewiss nicht an der Glattalbahn.» Flury klatscht. Jetzt ist 9.45 Uhr, und zwei weisse VBG-Kompositionen fahren in Stettbach zur Extrafahrt ein. Im Zug zieht Flury einen kleinen weissen Zettel hervor, auf dem einige Ausdrücke mit Leuchtstift markiert sind. Er schaut seine Rede nochmals durch, dann vibriert sein Handy – das erste Mal an diesem Morgen. Sein grösster Stolz sei der Viadukt zwischen Glattzentrum und Wallisellen, sagt er etwas später. Dann geht der Ingenieur mit ihm durch, und er will von Nutzlast und Statik erzählen. Doch da kommt schon der nächste Händeschüttler. Aussteigen bei der Haltestelle Neugut, wo weitere Ehrengäste eintreffen. In einem der zehn Baumkreise, welche die Verbundenheit der Region versinnbildlichen, hält Flury seine Rede. Er erzählt von den sechs Attributen, die den Bau der Glattalbahn begleitet haben: sozial, ökologisch, ökonomisch, sicher, dauerhaft und kundenfreundlich. Als Wallisellens Gemeindepräsident Bernhard Krismer (SVP) sich am Ende seiner Ansprache direkt an Andreas Flury wendet und dessen Zielstrebigkeit und Menschlichkeit lobt, stimmt die Regie perfekt: Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken und scheint Flury direkt ins Gesicht. Kurz darauf steht Flury nochmals im Rampenlicht. In Dübendorf dankt VBG-Verwaltungsratspräsident Otto Halter seinem Direktor ausführlich dafür, wie er das vielfältig zusammengesetzte Team geführt habe. Als Dank überreicht er ihm ein Kunstwerk des Regensdorfer Künstlers Horst Bohnet. Flury zieht ein weisses Taschentuch aus der Vestontasche und tupft sich die Augen trocken. Die Bahn brachte Geld ins Tal Dann wieder Händeschütteln. Und die Presse wird ungeduldig. Radio- und Fernsehinterviews. Was Flury wiederholt anspricht, ist der grosse Investitionsschub, den die Glattalbahn ausgelöst hat. «Das Ausmass überrascht mich immer noch.» Pro Franken Bausumme hat die Privatwirtschaft 16 Franken in andere Projekte investiert. Die geladenen Gäste haben sich mittlerweile am Buffet satt gegessen, Andreas Flury steht noch immer draussen – im Gespräch. Während die Glattalbahn teilweise 60 Stundenkilometer hinlegt, bringt es ihr Direktor an der Eröffnung nur auf einen knappen Meter. Pro fünf Minuten. Andreas Flury brachte die Glattalbahn auf die Schiene – und liess zur Eröffnung einen Ballon steigen.Foto: Sophie Stieger

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