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Das Signal von König Kilian I.

Mit Kilian Wenger hat das Schwingen am Eidgenössischen in Frauenfeld eine neue Nummer 1 bekommen, die dem boomenden Sport guttun dürfte. Von Werner Schweizer

Eidgenössisches Frauenfeld Schlussgang 13. Minute Wenger s. Grab mit Hüfter Ranglistenspitze 1. Kilian Wenger 79,00 2. Jörg Abderhalden 77,00 3. Christian Stucki und Andi Imhof 76,50 Wengers Notenblatt bei seinen 8 Siegen Die grosse Pose kennt der neue, junge König nicht. Er hat eben Martin Grab im Schlussgang ins Sägemehl gebettet und kniet fast ungläubig neben seinem Gegner, ballt kurz die Faust. Es ist wahr: König Kilian I. Die Kollegen hieven ihn auf die Schultern und tragen ihn aus dem Ring. Er grüsst zur Tribüne, deutet kurz die Welle an. Die Familie, die auf der Tribüne mitfieberte, kann es fast nicht begreifen. Dann folgt die Gratulationstour für Wenger. Er muss auch als Monarch zur Dopingkontrolle, duscht in der Kaserne, zieht die zur Siegerehrung vorgeschriebene Tracht an, während die Konkurrenten das Areal verlassen. Seine beiden Brüder Ruedi und Markus führen den Siegermuni in die Arena. Die elfjährigen Zwillinge sind gefürchtete Jungschwinger im Berner Oberland. Dann warten noch die Medien auf den König – die traditionellen Schlussgänge nach dem Schlussgang. Wenger wirkt nicht so gross, wie er ist (1,90 m), er wirkt leichter als seine 100 Kilo. Er ist kein massiger Brocken wie Stucki. Er gilt als Topathlet mit erstaunlichen Kräften, der sich im schwingerischen Bereich zuletzt klar verbessert hat. Er hat laut der Zeitschrift «Schlussgang» ein ausgezeichnetes Zweikampfgefühl. Man könnte ihn sich auch als Protagonist in andern Sportarten vorstellen. Sein jugendlicher Habitus lässt das Frauenfeld am Eidgenössischen schwärmen, wie bei seinen Kämpfen unschwer zu hören ist. Für die Besucherinnen ist er ein Wunschkönig. Und nach dem zweiten Tag ist er es auch für die Experten und die meisten Schwingfreunde. Wenger gehörte vor Frauenfeld zu den Berner Kronprinzen und Favoriten auf den Titel. Er begann die Saison mit drei Festsiegen, hatte dann einen Durchhänger. Das war vielleicht ein wichtiger Vorteil. Der Fokus richtete sich auf andere, auf den volkstümlichen Christian Stucki, auf den ehrgeizigen Matthias Sempach, auf den aufstrebenden Matthias Siegenthaler. Abderhaldens gefeierter Sturz Nach dem Samstag und den vier Siegen, die ihn zum Leader machten, änderte sich das. Nach dem fünften Gang umarmte er den gefallenen Jörg Abderhalden mit einer berührenden Geste, während das Publikum frenetisch die Ablösung des Königs nach einem Dutzend Jahren feierte. Der kühle Toggenburger war einst das Idol Wengers, der in seinen Stammlanden mehr oder weniger allein war. Abderhalden gewann die Krone 1998, als er sogar noch ein paar Monate jünger war als Wenger. Nach dem erfolgreichen Start in den Sonntag ist Wenger nicht mehr zu halten. Er ist beschwingt, hat Vertrauen, Sicherheit, scheint unantastbar. Er gerät im ganzen Wettkampf nicht einmal in eine brenzlige Situation und ist immer frisch, als sei er nicht gefordert worden. Wenger ist schlicht zu stark für seine Verfolger und kappt die Spannung des Titelkampfs. Er hat das Fest nach dem siebten Sieg schon gewonnen, weil der Vorsprung mit 1,75 Punkten zu gross ist. Grab kann ihn im Schlussgang nicht mehr überholen und auch nicht König werden, eine undankbare Aufgabe. Die Entscheidung kurz vor Ablauf der 16 Minuten ist die Krönung und enthebt die Jury von der Antwort auf die heikle Frage, ob man Wenger auch nach einer Niederlage gegen Grab zum König ausgerufen hätte. Auf Hunspergers Spuren Die Achterserie erinnert an Ernst Schläpfer, den aktuellen Schwinger-Obmann, dem 1980 in St. Gallen das gleiche Kunststück gelang. Oder an den Berner Ruedi Hunsperger, der es 1969 in Biel schaffte. Die Parallele zum dreifachen Schwingerkönig aus Habstetten ist frappant. Hunsperger entthronte Karl Meli und die NOS-Schwinger beim ersten Eidgenössischen in Frauenfeld 1966, als er in der RS steckte. Der 20-jährige Metzger und Zimmermannlehrling aus Horboden im hintersten Diemtigtal, der dort gelernt hat, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, ist auf den gleichen Weg wie Hunsperger eingeschwenkt. Es ist ein gutes Signal für das Schwingen und steht für die Öffnung zumindest bei den Athleten. Ein Aushängeschild wie Kilian I. dürfte dem Sport, der einen Boom erlebt, guttun. Wohnort: Horboden im Diemtigtal BE. Geboren am 11. Mai 1990. 190 cm/100 kg. Beruf: Metzger/Zimmermann-Lehrling. Palmarès: Sieger Eidg. Schwingfest 2010. Sieger Eidg. Nachwuchsschwingertag 06. 6 Kranzfestsiege (2010: Eidgenössisches, Walliser Kantonales in Charrat, Oberländisches in Brienz-Hofstetten, Oberaargauisches in Eriswil). 24 Kränze. Der Schlussgang vor 48 000 Zuschauern in der Frauenfelder Arena: Kilian Wenger wirbelt Martin Grab durch die Luft. Foto: Beat Marti

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