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Das Privileg

Winterthur: Der ewige Bieli Kriens: «Schönes Spiel», ruft der Trainer im Lokal

Mittlerweile bestreiten sie ihre neunte Saison in der zweithöchsten Liga, und sie wollen alles daran setzen, in anderthalb Jahren die Zäsur zu überstehen, wenn die Challenge League verkleinert wird. Der Präsident ahnt schon, dass ein Budget von 1,6?Millionen Franken zu bescheiden dafür sein könnte. Ihm ist ohnehin bewusst: «Viel mehr werden wir nicht bieten können. Ein Budget von 3 Millionen ist in Wohlen undenkbar.» Dem Dorf mit seinen 15 000 Einwohnern fehlt eine dominante Industrie. Und bei allem Goodwill für den Klub: Ausgerechnet ein Wohler Unternehmen ist noch Hauptsponsor beim FC Aarau. Für Bernard Thurnheer ist es der Tag nach«Benissimo» und dem Gastspiel von Take That. Auf der Schützenwiese geniesst er den freien Sonntag. Winterthur spielt gegen Locarno. Sirup- und Bierkurve sind ordentlich besetzt, 1600 Zuschauer sind insgesamt vor Ort. Thurnheer gefallen die ersten zwanzig Minuten seines FCW. Danach fällt die Unterhaltung auf sehr bescheidenes Niveau. «Ich gehe, wenn das Spiel noch so viele Minuten dauert, wie Winterthur Tore erzielt hat», kündet er an. Zwei Minuten vor Schluss zieht er ab. Winterthur führt dank Ben Katanhas Treffern 2:0. Als Speaker hat sich SP-Stadtrat Nicolas - geübt. Die Mannschaft ist noch dabei, sich auf dem Platz von den Zuschauern zu verabschieden, als hinter der Haupttribüne Präsident Hannes W. Keller in seinem Smart schon wegfährt. Der Unternehmer macht es mit seinem Geld möglich, ein Budget von knapp 4 Millionen Franken zu finanzieren. Captain Rainer Bieli ist mit geschätzt 100 000 Franken der Grossverdiener in der Mannschaft. Er ist auch eine Figur, nicht nur in Winterthur, sondern in der ganzen Liga. Als Fussballer hat er ein bewegtes Leben hinter sich. 74-mal spielte er für nationale Juniorenauswahlen, was unverändert Rekord bedeutet. Er war 21, als er für Xamax 21 Tore in der alten Nationalliga A erzielte und danach bei GC einen Vierjahresvertrag erhielt. Er durfte nur eine Saison bleiben. Seine Konkurrenz im Angriff hiess Chapuisat, Nuñez, Camara, Petric, Yakin. 130 Tore sind ihm in bislang 364 Spielen im bezahlten Fussball geglückt. 32 wird er im Februar. Aufhören möchte er noch lange nicht. Zu wohl ist ihm, wenn er mit der Nummer 9 auf dem Rücken spielen kann. Zu fit fühlt er sich («Wie man das Wort Verletzung schreibt, weiss ich gar nicht»). Um zwei Jahre würde er in Winterthur gerne verlängern. Der Klub wird nächste Woche damit beginnen, die Zukunft zu planen. Das Privileg Bieli versteht sich als Routinier, der Jungen helfen will, sie an die Super League heranzuführen. Vier Jahre liegt sein letzter Einsatz mit dem FC Aarau in der höchsten Liga zurück. Er empfindet es nicht als Degradierung, nur noch in der Challenge League zu stürmen. «Es ist ein Privileg, vor Publikum zu spielen», sagt er. Er gibt auch alles, wenn er für das Schweizer Sportfernsehen als Co-Reporter bei Live-Spielen der Challenge League im Einsatz steht. Beim FCW wird die Fankultur gepflegt. Erstaunlich ist nur, dass er seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr erstklassig gewesen ist. «Wenn wir erfolgreich spielen, können wir auch aufsteigen», sagt Bieli, der ewige Optimist. Nur diese Saison dürfte es damit nichts mehr werden. Der FCW spielt viel zu unbeständig. Und Bieli hat erst vier Tore geschossen. Richtig feurig wird Maurizio Jacobacci bei der Ansprache. Er fordert einen «leuchtenden Auftritt» und den Sieg. Zuletzt ruft er in die Runde: «Schönes Spiel!» Der Trainer des SC Kriens spricht aber nicht etwa zu seinen Spielern, sondern zu den Zuschauern des Heimspiels gegen Biel. Wie jedes Mal erläutert er eine halbe Stunde vor Anpfiff im Klublokal den Gegner und die Taktik des eigenen Teams. «Ich tue das, damit die Leute sich auf die Finessen des Spiels konzentrieren können», sagt er. Und hofft, dass sie so weniger launisch auf der Tribüne sitzen. Nicht gleich motzen, wenn ein Ball verspringt – «klatschen!» Das Kleinfeld in Kriens ist einer der urtümlichsten Sportplätze im Schweizer Spitzenfussball, ein Relikt aus alter Zeit. Der Stoffigel auf der Spielerbank. Die Bahnschwellen in den Stehrampen. Der Abflussdeckel in der Coaching Zone. Die fahrbare Gashupe im einer Ecke des Spielfelds. Die Schnapsgläser auf der Tribüne.«Bewege, bewege, bewege!», ruft ein Fan erzürnt, als die Krienser 0:1 in Rückstand geraten. Er ist Rentner wie viele hier und wie der frühere Nationalcoach Paul Wolfisberg, der Stammgast ist im Kleinfeld. Mit 405 Zuschauern pro Spiel belegen die Zentralschweizer den letzten Platz in der entsprechenden Statistik. «Im Kleinfeld gibt es keinen Komfort, das Stadion ist völlig veraltet, und wir können unseren Sponsoren nichts bieten», bedauert Präsident Peter Glur. Selbst die Krienser gingen lieber zum FC Luzern als zum SCK, erklärt er: «Der FCL ist der Magnet der Region.» Besser als ihr Ruf Kriens wiederum ist die Ergänzung zum Tabellenführer der Super League, «ein Mosaiksteinchen in der Innerschweizer Nachwuchsförderung». 30 Juniorenmannschaften zählt der Klub – ValentinStocker ist einer seiner edelsten Exporte. Und für eine ideale Nachwuchsförderung, glaubt Glur, brauche es einen Verein in der Super League und einen in der Challenge League. Mit Luzern ist vereinbart worden, dass dieser Status unbedingt in die Zehnerliga gerettet werden soll. Glur sieht keinen Sinn in der geplanten Zwischenstufe 1. Liga Promotion. Dank Toren von Tadic und Routinier Ntiamoah dreht der SC Kriens die Partie gegen Biel in der zweiten Halbzeit. Es ist am Ende ein attraktives Spiel auf tiefem Acker. Und Peter Glur findet: «Die Challenge League wird schlechter gemacht, als sie ist.»

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