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Das deutsche Tor zur Schweiz

Einst war Lottstetten Zollausschlussgebiet. Heute gehören die Discounter zum Ortsbild. Was sagt der Bürgermeister über die Gemeinde, die viele Unterländer nur vom Einkaufen kennen? Von Daniel Schurter

Lottstetten – Worum beneidet der Bürgermeister von Lottstetten seinen Schweizer Kollegen ennet der Landesgrenze, den Rafzer Gemeindepräsidenten Jürg Sigrist? «Um seine charmante Gattin», sagt Jürgen Link und schmunzelt. Er dürfe das sagen, fügt er lachend an. Er sei Junggeselle. * Wir sind zu Besuch im Rathaus von Lottstetten. Auf dem Parkplatz stehen Autos mit Schweizer Kennzeichen. Doch niemand will an diesem Morgen zum Bürgermeister. Dafür herrscht im Nachbargebäude Hochbetrieb. Auf mehreren Etagen wird geputzt, gebohrt und gespült. So mancher Eidgenosse lässt sich seine Zähne im nahen Ausland richten. * «Das Tor zur Schweiz.» Mit diesem Slogan wirbt Lottstetten um Touristen, der Satz begegnet einem auch auf dem Weg in die Amtsstuben. Wer die Treppe hochsteigt, sieht sich unvermittelt einer grossen Kuhglocke gegenüber. Es ist ein offizielles Präsent, das die Gemeinde Rafz anlässlich der Einweihung des Rathauses vor 25 Jahren überreicht hatte. * Jürgen Link ist Politiker und Verwaltungsfachmann in einer Person. Ursprünglich stammt er aus Karls-ruhe, der Grossstadt im Norden Baden-Württembergs. 1995 kam er in den südlichsten Teil des Bundeslandes, den sogenannten Jestetter Zipfel, um in der Grenzgemeinde Lottstetten Bürgermeister zu werden. Dieses Amt ist ein 100-Prozent-Job, an sieben Tagen in der Woche. Im Unterschied zu den Gemeindepräsidenten im benachbarten Kanton Zürich üben deutsche Bürgermeister ihr Amt hauptberuflich aus und werden entsprechend bezahlt. Alle acht Jahre müssen sie von den Stimmbürgern im Amt bestätigt werden. Jürgen Link ist Mitglied der Christlich-Demokratischen Union (CDU). Er sagt, bei der Wiederwahl komme es in erster Linie auf die Person, nicht aufs Parteibüchlein an. * Aktuell zählt Lottstetten 2311 Einwohner. Im gleichnamigen Hauptort leben 1983 Menschen, hinzu kommen die Ortsteile Nack (176) und Balm (90) sowie die Weiler Dietenberg und Nackermühle. Das Gemeindegebiet umfasst stolze 1339 Hektaren oder gut 13 Quadratkilometer, mit 5 Kilometer Rhein-Anschluss. * Der Bürgermeister spricht von einer geografischen «Sondersituation». Seine Gemeinde ist rundum von Schweizer Hoheitsgebiet umgeben, und sogar der Bahnhof wird von den SBB betrieben. Nur eine einzige Strasse führt direkt nach Deutschland. Wegen des äusserst komplizierten Grenzverlaufs in der Region wurde das Gebiet des Jestetter Zipfels 1840 zum Zollausschlussgebiet erklärt. Bis 1935 konnten die Lottstetter ihre Produkte auf beiden Seiten der Landesgrenze zollfrei verkaufen, was laut historischen Quellen zu einem bescheidenen Wohlstand, aber auch zu Schmuggel führte. «Heute sind wir tendenziell eine eher steuerschwache Gemeinde», sagt der Bürgermeister. Dank «gutem Wirtschaften», sprich Sparbemühungen und einer zurückhaltenden Investitionspolitik, liege Lottstetten wirtschaftlich betrachtet im Mittelfeld. * Aktuell zählt die Gemeinde 350 Grenzgänger, die ihren Lohn in der Schweiz erhalten. Es gibt aber auch heimisches Gewerbe, mit einigen mittelständischen Betrieben, die sich spezialisiert haben. Einen hohen Stellenwert haben Pferde und Äpfel. So gibt es in Lottstetten zahlreiche Pensionen für die Vierbeiner, die landwirtschaftlichen Produkte werden oft selber verkauft, Stichwort: Direktvermarktung. Und natürlich sind da noch die Discounter. * Um den aktuellen Stand des Euros herauszufinden, müsse er nicht in die Zeitung schauen, sagt Jürgen Link. «Den Eurokurs sehe ich am Lidl-Parkplatz.» Die Gemeinden im Jestetter Zipfel leben von den Einkaufstouristen. In den Filialen der bekannten Billiganbieter gibt es grössere Einkaufswagen als in «Innerdeutschland». Es seien längst nicht mehr nur die «Schweizer mit Migrationshintergrund», die ihre wöchentlichen Einkäufe hier erledigten, sagt der Bürgermeister. Nicht zuletzt dank der Einkaufs- und Dienstleistungstouristen zählt das Dorf über 20 Gastrobetriebe. * Die Grenzkontrollen am Zoll Rafz-Lottstetten erachtet Jürgen Link als «erträglich». Es kann aber auch einem Bürgermeister passieren, dass er beim Übertritt nicht erkannt wird. So geschehen, als ihn ein deutscher Zöllner die Standardfrage in Sachen Steuerflucht stellte: «Haben Sie mehr als 15 000 Euro dabei?» Links Antwort vermochte den Beamten nicht zu befriedigen. Auf Links augenzwinkerndes «Schön wärs!» folgte eine Kontrolle, die sich gewaschen hatte. Jürgen Link ist umgeben von Schweizern und von der Schweiz. Foto: Christoph Kaminski

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