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Das Alleinsein mag er, die Einsamkeit abernicht

Mit 400 Schafen, zwei Eseln und zwei Hirtenhunden zieht Rolf Beutler von November bis März durch die Lande. In diesen Tagen ist er mit seinen eigenen Schafen und mit denen eines Hombrechtiker Bauern in der Region unterwegs.

Von Regine Imholz Stäfa – Oberhalb des Stäfner Frohbergs bietet sich ein biblisches Bild: Friedlich grasen auf der Wiese rund 400 Schafe und zwei Esel – bewacht von zwei aufmerksamen Hütehunden. Abgesehen von entferntem Autolärm herrscht Stille unter dem grau bewölkten Winterhimmel. Plötzlich ein kurzer scharfer Pfiff. Hirtenhund Pedro kennt seinen Job: Er rennt auf zwei Schafe zu, die auf der Suche nach den besten Kräutern ein paar Schritte zu weit vom Kurs abgekommen sind. Keinen Augenblick lang lässt Schafhirte Rolf Beutler seine Herde aus den Augen. «Das ist eine heikle Bande, die will nur das beste Gras fressen», sagt er. Und zwar bis zu zehn Kilogramm pro Tier und Tag. Sind die feinen Kräutchen weg, legen sich die Schafe nieder und zeigen so ihrem Chef, dass sie gerne ein Stück weitergehen würden. «Je nach Futterqualität ist man am Abend noch fast auf demselben Fleck – oder bereits mehrere Kilometer weiter.» Nicht nur die grosse Freiheit Ein Teil der Schafe, mit denen Beutler dieser Tage zwischen Männedorf und Hombrechtikon unterwegs ist, gehört ihm selber, die restlichen Tiere sind Eigentum des Hombrechtiker Landwirts Urs Eberhard. Als Knirps hatte Beutler einen Schäfer auf seiner Winterreise beobachtet. «Von diesem Moment an war mein Berufswunsch klar», sagt der 52-Jährige. Eine Wahl, die nicht nur die grosse Freiheit bedeutet. «Man verzichtet auf vieles – vor allem auf Freizeit.» Dass es auch ein kontaktarmer Job ist, macht dem Schäfer nichts aus: «Alleinsein ist gut, aber Einsamkeit ist der Horror.» Als Ausgleich brauche es ein Zuhause, an das man immer wieder denken könne. Sein Zuhause ist Schwellbrunn im Appenzellerland. Doch zwischen November und Anfang März sind die Schafe, die Hunde Pedro und Jimmy und die beiden Esel Luna und Gina seine Familie. Und noch ein weiteres Mitglied gehört dazu: Florin. Der 14-jährige Wolfhauser verbringt seit fünf Jahren seine Weihnachtsferien als Hirtenlehrling bei Beutler. Er liebt die Freiheit draussen in der Natur. Und die Gespräche mit dem erfahrenen Schäfer. «In all der Zeit ist Rolf für mich zu einem wichtigen Freund geworden», sagt Florin. Die kalten Winternächte verbringt Rolf Beutler in einem Holzwagen. Um die Schafe muss er sich nicht sorgen, die schützt er nachts mit einem Zaun, den er immer wieder aufstellen muss. Gefährlich für die Schafe sind dagegen die Hunde, die ihren Besitzern nicht gehorchen. Schon mehrmals haben freilaufende Hunde Schafe aus seiner Herde gerissen. «Einmal wurde sogar ein Esel von einem Hund angegriffen und verletzt», sagt der Hirte. Doch es gibt auch Besuche, die ihn freuen: Wenn Bauern mit einem Kafi-Schnaps auf einen Schwatz vorbeischauen oder Mütter, die ihren Kindern zeigen, wie ein echtes Schaf aussieht. «Früher wurden wir an den schulfreien Nachmittagen von jungen Besuchern fast überrannt», sagt Beutler. Heute seien solche Besuche selten geworden. «Die Kinder hocken jetzt wohl lieber vor dem Computer», vermutet er. Nicht erfreut ist Beutler über Besuche von Reportern in seinem Revier. Das Aufsehen, das er mit Auftritten in den Medien errege, sei ihm eher peinlich, sagt der Mann, der sich selber als Eigenbrötler bezeichnet. Und überhaupt: «Die stellen alle immer wieder dieselben Fragen», sagt Beutler. Philosophierender Hirte Während seiner endlosen Wanderungen über die Felder hat der Hirte viel Zeit zum Philosophieren. «Obwohl mein Beruf fast so alt ist wie die Menschheit, hat sich die Welt so verändert, dass ich heute ein Exot bin.» Er glaubt nicht daran, dass seine Gilde eine Zukunft hat. Überbauungen und immer neue Strassen fressen die grünen Wiesen – bald sei es nicht mehr möglich, einigermassen sicher mit einer Schafherde durch die Lande zu ziehen. Ausserdem fehle es an Nachwuchs. Auch die Tatsache, dass die Tiere am Ende des Winters in der Metzgerei geschlachtet werden, lässt den Schäfer nicht kalt. «Je älter ich werde», sagt er, «desto öfter frage ich mich, ob wir überhaupt Fleisch essen müssen.» Trotzdem: Seinen Job – der ihm etwa das Salär eines Handwerkers einbringt – bezeichnet er als Berufung. «Es wird schwer sein», sagt er, «irgendwann zu meiner letzten Tour aufzubrechen.» Hirte Rolf Beutler (rechts) und Lehrling Florin mit seinen Tieren hoch über den Zürichsee.Foto: Andreas Faessler

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