Zum Hauptinhalt springen

«Berlusconi spielt mitder Ignoranzder Leute»Titel (max. 2-zeilig)

Andrea Di Nucci, 41, Barista, Rom «Die Bar ist ein guter Stimmungsbarometer. Was ich am Tresen in meiner Bar im Zentrum von Rom nicht alles höre jeden Morgen! Und Berlusconi bietet natürlich immer viel Gesprächsstoff, seit all den Jahren schon. Noch immer ist es so, dass es erstaunlich viele Leute gibt, die in ihm den erfolgreichen Unternehmer sehen, der es für das ganze Land richten könnte, wenn man ihn nur liesse. Für mich aber ist er einfach eine vulgäre Figur. Und ein Profiteur. Seit bald 20 Jahren arbeitet er für seine eigenen Interessen. Sein ganzes Wirken ist skrupellos. Er hat dabei immer so ungeniert gehandelt, als wäre nichts dabei, auch wenn er sich selber Vorteile verschaffte. Und dieses ruhige und arrogante Vorgehen gab den Leuten den Eindruck, dass Berlusconi im Handeln sehr geschickt sein müsse. Es gelang ihm so auch, die mysteriösen Umstände seines Aufstiegs zu verschleiern. Er spielt mit der Ignoranz der Leute. Die Italiener lesen keine Zeitungen, sie schauen fast nur fern, um sich zu informieren. Berlusconis Sender sind ein Abbild des Chefs: seicht, ordinär und parteiisch. Man sollte diesen Einfluss der Medien nie zu gering einschätzen. Berlusconi hat das Bild, das man sich von ihm macht, selber geschaffen. Am besten sieht man das auch in der Darstellung der Frau auf seinen Sendern. Das ist doch einfach nur noch traurig. Alles hängt nun davon ab, wer sich ihm entgegenstellt. Früher gab es noch eine Linke, die dagegenhielt. Romano Prodi schlug ihn ja bei Wahlen zweimal. Nur, jetzt gibt es diese Linke nicht mehr. Die Opposition ist schwach und zerrissen – und das spielt Berlusconi in die Hand. Obwohl er auch mit einer grossen Parlamentsmehrheit nichts verändert hat. Und obwohl er nur für sich selbst sorgte. Italien ist gespalten, auch das ist eine Folge dieser Regierung mit ihrer starken Ausrichtung auf den Norden und auf die Lega Nord. In der Bar habe ich Kunden aus dem Norden und dem Süden, aus dem Veneto und aus Sizilien, die sich am Tresen über Föderalismus streiten. Niemand scheint sich mehr von den Politikern vertreten zu fühlen – da ist eine grosse Leere zu spüren. Am Ende haben wir Italiener aber das Glück, dass unsere Gesellschaft auf der Familie und auf vielen Mikrounternehmen fusst – wie mein kleines Unternehmen hier. Nur dank dieser Stärke bleibt Italien aufrecht.» Aufgezeichnet von Oliver Meiler

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch