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Atom-Renaissance in Europa ist vor dem Ende

Von Grossbritannien bis Italien sind neue Reaktoren geplant. Doch nach dem Atomunfall in Japan ist es mit der Euphorie vorbei.

Von Stephan Israel, Brüssel EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat für heute zu einem Krisentreffen nach Brüssel eingeladen: Zusammen mit den Vertretern der Mitgliedsstaaten, den nationalen Aufsichtsbehörden und der Industrie will er über Konsequenzen aus der Atomkatastrophe in Japan diskutieren. Ziel des Treffens ist es, Informationen über nationale Notfallpläne und Sicherheitsmassnahmen zu erhalten. In der EU sind die einzelnen Staaten zuständig für die Kontrolle und die Zulassung von Atomkraftwerken. Günther Oettinger galt bislang als Freund der Atomkraft und als Mann der deutschen Energiekonzerne in Brüssel. Der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg stand für die Renaissance der Atomkraft, die 25 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl möglich erschien. Bei der Präsentation seiner Energiestrategie warb er im Herbst dafür, die «Kernkraft als wichtigen Pfeiler der europäischen Energieversorgung» zu erhalten. Angesichts des «neu erwachten Interesses» in Europa müsse ihr Potenzial «offen und objektiv» bewertet werden. Moratorium in Deutschland Gestern zeigte sich Oettinger gegenüber dem Deutschlandfunk nachdenklich: Er habe eine Natur- und Atomkatastrophe in dem Ausmass wie in Japan nicht für möglich gehalten: «Vieles, was wir als Industriegesellschaften für sicher und beherrschbar gehalten haben, ist nun infrage gestellt.» So muss die Industrie ihre Hoffnung auf eine zweite Chance für die Atomkraft wohl begraben. Neben der Schweiz zog gestern Deutschland als erstes Land direkte Konsequenzen: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die vergangenes Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung für alte Atommeiler für drei Monate ausgesetzt. Konkret könnten zwei Alt-AKW in Baden-Württemberg beziehungsweise in Hessen abgeschaltet werden, die nur noch wegen der umstrittenen Laufzeitverlängerung am Netz sind. Deutliche Töne kamen gestern auch aus Österreich, das selber über keine Kernkraftwerke verfügt, aber Atomstrom aus der Nachbarschaft importiert: Umweltminister Nikolaus Berlakovich forderte Stresstestsfür Atomkraftwerke in Europa: «Die europäische Bevölkerung ist verunsichert.» In den EU-Staaten sind derzeit 144 Atomkraftwerke in Betrieb. Die ersten AKW seit der Tschernobyl-Katastrophe sind derzeit in Finnland, Frankreich und in der Slowakei im Bau. In Bulgarien kommen hingegen die Arbeiten an einer Anlage in einem bekannten Erdbebengebiet nicht voran. Schweden entschied sich erst 2010 nach 30-jährigem Baustopp für den Wiedereinstieg und plant bisher die zehn alte Meiler schrittweise durch neue AKW zu ersetzen. Ähnlich sind die Absichten in Grossbritannien. Polen wiederum spricht über Pläne für sein erstes AKW. Italien hat 1990 sein letztes AKW abgeschaltet, doch die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi würde gern 13 neue Anlagen bauen. Die Italiener dürfen sich am 12. Juni in einem Referendum zum Wiedereinstieg äussern. Die Katastrophe in Japan könnte Berlusconis Pläne zunichtemachen.

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