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«Angst vor Constantin? Sicher nicht!»

Sions Trainer Bernard Challandes vor seiner Rückkehr nach Zürich und dem morgigen Spiel gegen den FCZ: Von Heldentaten im Letzigrund, Walliser Leidenschaft und ungeduldigen Klubpräsidenten.

Mit Bernard Challandessprach Peter Bühler Fünf Wochen nach seiner Entlassung beim FC Zürich im April unterschrieb Bernard Challandes für die laufende Saison beim FC Sion. Seine Möbel liess der Trainer von seinem früheren Wohnort Wettswil am Albis direkt ins Wallis transportieren. Für den Moment sind sie in Sitten in einem Container eingelagert. Challandes und seine Frau Anouk haben in der Umgebung von Sitten noch keine passende Bleibe gefunden. Bis auf Weiteres wohnt der Trainer deshalb in Martigny im Hotel Porte d’Octodure, das ausgerechnet seinem streitbaren Präsidenten Christian Constantin gehört. Für Challandes ist das kein Problem. Lachend sagt er: «Ich bezahle für mein Zimmer wie jeder andere Hotelgast.» Bernard Challandes, Sie haben an Ihrer letzten Pressekonferenz in Zürich mit einem Augenzwinkern gesagt, der FCZ müsse sich in Acht nehmen, wenn Sie eine neue Mannschaft übernähmen. Keiner kenne den FCZ nämlich so gut wie Sie. Diese Worte waren natürlich ironisch gemeint. Ich war ja damals beim FCZ bereits entlassen. Ich wollte mich einfach mit Anstand von den Journalisten verabschieden und mich auch für die schönen drei Jahre in Zürich bedanken. Der FCZ muss also den FC Sion nicht fürchten? Für mich ist der FCZ hinter Basel erster Kandidat auf den Titel. Ich schätze ihn stärker ein als YB. Wenn wir optimal spielen, dann haben wir sicher eine Chance. Um aber nur schon einen Punkt im Letzigrund zu holen, brauchen wir eine Heldentat. Sie haben am Dienstag letzter Woche das Spitzenspiel zwischen dem FCB und dem FCZ im Stadion verfolgt. Was ist Ihnen aufgefallen? Es war ein Supermatch mit Bundesliga-Niveau. Der FCZ ist stärker als letzte Saison, er hat einen guten Trainer, eine stabile Mannschaft und mit Hassli, Chikhaoui, Teixeira und in Kürze wohl auch mit Chermiti überragende Individualisten. Und Basel bleibt Basel, der Meister und Cupsieger. Letzten Samstag verloren Sie mit Sion im eigenen Stadion gegen die Basler 1:2 . . . . . . ja, und ich war sehr enttäuscht von unserer Darbietung. Es fehlte das Feuer, die Leidenschaft, die Passion. Dabei war alles angerichtet für ein Fussballfest. Die Fans waren bereit, 13 200 kamen trotz Ferienzeit ins Tourbillon. Wenn der FC Sion gut und erfolgreich spielt, dann ist die Begeisterung für den Verein im Wallis riesig. Sitten ist eine richtige Fussballstadt – wie Basel und viel mehr als Zürich. Aber noch ist der FC Sion leider kein Spitzenklub. Es ist als Trainer Ihre Aufgabe, ihn zu einem Spitzenverein zu machen. Ich weiss. Aber das ist nicht in ein paar Wochen zu erreichen. Ein wenig Zeit braucht es dazu schon. Bekommen Sie von Constantin diese Zeit? Das weiss ich nicht. Aber im Prinzip sind doch alle Präsidenten gleich: Sie wollen Erfolg, und zwar immer sofort. Das war beim FC Zürich mit Ancillo Canepa nicht anders. Wie ist heute Ihr Verhältnis zur FCZ-Führung, die Sie im April entlassen hat? Es ist okay, ich habe keine schlechten Gefühle. Wir sind vor der Saison mit Sion in Saanen in einem Testspiel auf den FCZ getroffen. Vor dem Match habe ich mit Canepa und Fredy Bickel gegessen, getrunken und viel gelacht. Was hat sich für Sie in Sitten im Vergleich zu Ihrer Zeit in Zürich geändert? In Zürich übernahm ich zwar die Meistermannschaft, aber sie war nach zahlreichen Abgängen stark geschwächt. Ich bekam die Gelegenheit und die Zeit, ein neues Team aufzubauen. Und der Klub verpflichtete im Grossen und Ganzen die Spieler, die ich mir wünschte. Das ist in Sitten nicht der Fall? Constantin tut, was er kann. Wenn ich ihm einen interessanten Spieler vorschlage, dann hat er zehn Minuten später das Telefon in der Hand und versucht, ihn zu kontaktieren. Ist das Kader gut genug, um an der Spitze mitzuspielen? Ich hätte die Abwehr gern mit Steve von Bergen verstärkt, aber er will im Ausland bleiben. Was aber wirklich fehlt, ist ein starker Stürmer. Emile Mpenza erzielte in der vergangenen Saison 21 Tore in 31 Spielen, jetzt will er trotz Vertrag bis 2011 nicht mehr für uns spielen. Er fordert mehr Geld und will einen Transfer provozieren. Aber Constantin hat auch einen harten Schädel: Er lässt ihn nur für eine hohe Ablöse ziehen. Wie kommen Sie bis anhin mit Constantin zurecht? Unser Verhältnis ist in Ordnung. Er macht seinen Job, ich meinen. Constantin hat seit seiner Rückkehr an die Spitze des Vereins in 7 Jahren 18-mal den Trainer gewechselt. Macht Ihnen das keine Angst? Angst vor Constantin? Nein, die habe ich sicher nicht. Der Job in Sitten ist für mich keine Existenzfrage mehr, sondern eine Frage der Leidenschaft. Für mich war es völlig in Ordnung, einen Vertrag nur für ein Jahr zu unterschreiben. (Lacht.) Didier Tholot (Anmerkung: Challandes’ Vorgänger) war immerhin über ein Jahr im Amt. Ich kann in dieser Zeitspanne vielleicht mit Sion Cupsieger werden. Vielleicht bin ich aber auch nach drei Monaten schon entlassen. Sie wirken gelassener als noch in Zürich. Ich bin nun 59-jährig und arbeite seit 32 Jahren als Trainer. Ich kenne das Geschäft. Für mich kommt der Druck nie vom Präsidenten, sondern nur von mir selber. Ich will gute Resultate erreichen. Und letztlich liegt Constantin ja nicht falsch, wenn er sagt, dass der Totomat über die Zukunft eines Trainers entscheidet. Wird der FC Sion Ihre letzte Station als Klubtrainer sein? Viele sagten vor drei Jahren, ich sei verrückt, die sichere Stelle beim Verband wegen des FCZ aufzugeben. Jetzt erklärten mich noch mehr Leute für verrückt, weil ich mich auf den Schleudersitz in Sitten gesetzt habe. Meine Frau und ich sehen das anders. Sie hat mich sogar ermuntert, diese Jobs anzunehmen. Was nach der Zeit in Sitten geschieht, ist für mich völlig offen. Noch ist der Hunger da, weiter in diesem Beruf zu arbeiten. Aber dereinst werden Sie in Ihr Bauernhaus in La Chaux-du-Millieu zurückkehren? Dorthin kehre ich jetzt schon zurück, wenn ich einen freien Tag in Sitten habe. Dafür nehme ich vier Stunden Autofahrt in Kauf. Das Haus im Jura ist meine Heimat, mein Réduit, aber auch ein Ort der Begegnung. Anouk und ich haben vier Kinder und auch schon Enkel; die Familientreffen finden immer in unserem Haus statt. Für mich ist klar: Einmal werde ich für immer dorthin zurückkehren. (Lacht.) Das kann in ein paar Monaten sein – oder in ein paar Jahren. «Die Begeisterung für den Verein im Wallis ist riesig. Sitten ist eine richtige Fussballstadt – wie Basel und viel mehr als Zürich.» Der frühere FCZ-Trainer Bernard Challandes hat mit 59 Jahren noch immer Hunger nach Fussball und will den FC Sion an die Spitze führen. Foto: Reuters

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