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Alles muss weg

Der im letzten Jahr verstorbene Maler Fred E. Knecht war ein Enfant terrible der Zürcher Kunstszene. Mona Knecht hat die Bildersammlung ihres Vaters geerbt – und verzweifelt manchmal fast daran.

Von Georg Gindely Mona Knecht ist klein, ihre Aufgabe gross. Seit dem Tod ihres Vaters Fred Engelbert Knecht im letzten April ordnet sie dessen Bildersammlung. Und die ist riesig. Sein Haus in Thalwil: bis in den Dachstock vollgestopft mit Bildern. Seine Galerie A 16 an der Ausstellungsstrasse im Kreis 5: bis in den Keller vollgestopft mit Bildern. Die Werke stammen von Fred Knecht selbst sowie von seinen Künstlerfreunden. Die meisten gehören zur Zürcher Outsider-Bewegung, auch «kleine Wahnwelt» genannt. Einige Bilder sind farbenfroh und voller Details, einige düster, andere mit wenigen Strichen gemalt. Viele haben eine politische Aussage. Die meisten der Künstlerinnen und Künstler sind bis heute nahezu unbekannt geblieben. Die Galerie war ihr Treffpunkt und ihr Schaufenster. «Es ist eine ganz eigene Welt, die sich hier auftut», sagt Mona Knecht. Eine Welt, die ihre oft Freude macht. Eine Welt aber auch, die ihr oft schlaflose Nächte bereitet. Ein Kämpfer für die Natur Mona Knecht ist keine Künstlerin. Ihr Vater und ihre Mutter trennten sich, als sie zwölf Jahre alt war. Der Vater lebte für seine Bilder. Er galt als Enfant terrible der Zürcher Kunstszene, mit der die Tochter lange nichts zu tun haben wollte. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Landwirtin. Nach einigen Jahren wechselte sie in die Pflege. Heute ist die 48-Jährige Leiterin einer Spielgruppe. In diesen Tagen räumt sie die Galerie ihres Vaters. Doch wohin mit den Gemälden, Collagen, Skulpturen? Wegwerfen will sie sie nicht. Sie sind ihr zu stark ans Herz gewachsen. Manche Bilder sind wie Träume. Fred Knecht malte ein zerfallenes Zürich, das von Urwald überwuchert und von Nashörnern und Pandas bevölkert ist. Ein Werk zeigt die berühmte Postkutsche am Gotthard, die in Knechts Adaption auf der Autobahn durch eine zubetonierte Landschaft fährt. Auf einem anderen Bild steht im Vordergrund ein Bauer auf dem Feld, gemalt im Stil Van Goghs. Im Hintergrund ragt ein Atomkraftwerk in die Höhe. Fred E. Knecht, 1934 geboren, in Schwamendingen aufgewachsen, hatte zeitlebens für die Natur gekämpft und gegen den Beton sowie die Atomkraft. Er war ein Lebenshungriger und reiste um die Welt; einmal versuchte er, mit dem Velo das Amazonasgebiet zu durchqueren. Meistens musste er sein Gefährt tragen. Seine grösste Liebe galt der Kunst. Er wollte schaffen, entdecken, fördern. Er gründete Galerien, kaufte, verkaufte, verhandelte. Getrieben sei er gewesen, fast nicht zu stoppen. Er starb mit 76 Jahren an einem Herzinfarkt. Drei Jahre vor seinem Tod brannte die Galerie A 16 aus. Ein psychisch kranker Bekannter hatte das Feuer gelegt. Viele Bilder verbrannten. Knecht stand «auf den Trümmern seiner Kunst», wie der «Tages-Anzeiger» damals schrieb. Kurze Zeit später starb sein Sohn aus erster Ehe an einem Herzinfarkt. Fred Knecht veröffentlichte ein letztes Buch. Es hiess «Unfassbar». Und zeichnete sich der tragischen Vorfälle zum Trotz durch Witz, Einfallsreichtum und Skurrilität aus. Franz Hohler und Paul Nizon steuerten Texte bei. Nach dem Tod ihres Vaters lernte Mona Knecht ihn nochmals neu kennen – in seinen Werken und denen seiner Kolleginnen und Kollegen. Bei den Bildern anderer Künstler weiss sie oft nur durch Zufall, wer sie geschaffen hat. Freunde ihres Vaters sagen beim Besuch in der Galerie: «Das ist ein Deppeler» oder: «Das hat Viscontini gemalt». «In der Galerie versammelt sich eine ganze Epoche», sagt Mona Knecht. Aber: Für die Outsider interessieren sich nur Liebhaber. Nun rührt Mona Knecht die Werbetrommel. «Alles muss weg», sagt sie. Sie hofft auf Museen, Galeristen, Kunstliebhaber, Zeitzeugen. Über 1000 Bilder suchen eine neue Heimat. Und jemand müsste sich der riesigen Fotosammlung annehmen. Die Galerie führt Mona Knecht weiter, im April findet eine neue Ausstellung statt. Die Aufbauarbeiten haben bereits begonnen. Mona Knecht in der Galerie A 16, der Schatzkammer ihres 2010 verstorbenen Vaters Fred E. Knecht.Foto: Doris Fanconi

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