Zum Hauptinhalt springen

Alle Oberstufenschüler in einer Klasse

An der Oberstufenschule Wila sitzen seit Schulbeginn Erstklässler neben Drittklässlern, Schüler der Sek C neben solchen der Sek A. Es funktioniert. Die Schüler helfen sich gegenseitig.

Wila. - «Du, wie war das nochmals?» Terry aus der Klasse 2b grübelt über seinen Bruchrechenaufgaben. Neben ihm sitzt Janosch aus der Klasse 2a. Er beschäftigt sich mit positiven und negativen Zahlen. «Beim Minus ist es genau gleich wie beim Plus», erklärt Janosch nach einem kurzen Seitenblick und widmet sich wieder den Celsius-Werten auf seinem Blatt. Einen Tisch weiter sitzt Thirza (1a) neben Semsedin (2c). Die beiden arbeiten still vor sich hin. «Ich helfe Semsedin manchmal, wenn er etwas nach der Erklärung des Lehrers nicht sofort verstanden hat», sagt die Erstklässlerin. «Und ich kann ihr manchmal etwas erklären, weil ich das schon letztes Jahr hatte», ergänzt ihr Banknachbar.

Das Alter ist egal

Solche Szenen gab es im Sekundarschulhaus Schweissrüti in Wila bis vor vier Wochen noch nicht. Seit Schuljahresbeginn hat die Schule altersübergreifende Klassen eingeführt. «Mosaikmodell» heisst die neue Schulform, konzipiert nach Thurgauer Vorbild. Das Modell basiert auf der Idee, dass die Einteilung der Schüler nicht mehr nach ihrem Alter erfolgt. Vielmehr versucht man, einen individualisierten Unterricht umzusetzen, der Raum lässt für individuelle Stärken und Kapazitäten. Konkret bedeutet das für die Sekundarschüler in Wila, dass sie seit den Sommerferien in neue Klassen eingeteilt wurden. Neu sind in jeder Klasse gleichmässige Anteile von Sek-A-, Sek-B- und Sek-C-Schülern, von Mädchen und Buben, von Erst-, Zweit- und Drittklässlern. Einzig die Fremdsprachen werden noch in den ehemaligen Klassen unterrichtet. Die Fächer Mathematik und Deutsch sowie eine Stunde Französisch finden seit vier Wochen in sogenannten IU-Stunden statt. IU steht für Individualisierter Unterricht und bedeutet, dass der herkömmliche Frontalunterricht von einer neuen Art zu lernen abgelöst wurde.

Im Schulzimmer von Mathematiklehrer und Schulleiter Daniel Sigrist herrscht konzentrierte Stimmung. Die Schüler sitzen in Viererkonstellationen an ihren Bänken. Sonja (3b) ist tief über ihr Heft gebeugt. «In der dritten Stunde habe ich Englisch, darum muss ich das noch schnell fertig machen», erklärt sie. Dario (1a) fixiert konzentriert den Bildschirm eines Laptops. «Ich mag es, am PC zu arbeiten», sagt er. «Viel lustiger als Aufgaben auf dem Papier.» Er habe sich vorgenommen, sich eine Stunde mit Mathematik zu beschäftigen. «Mal schauen, was ich nachher mache», sagt er gelassen. Dario soll den Umfang einer geometrischen Figur berechnen und kratzt sich am Kopf. «Hä?», mault er. Sein Nachbar Fredy (3b) beugt sich zu ihm hinüber. «Du musst die Kästchen zählen», sagt er. «Fredy hilft mir immer sehr gut», findet der Erstklässler. «Aber das ist ja schliesslich auch der Sinn des Modells.»

Jeder in seinem Tempo

Diesen «Sinn des Modells» bestätigt auch Daniel Sigrist. «Das Lernen ist viel individueller geworden», sagt er. «Jeder arbeitet in seinem eigenen Tempo und mit eigenen Zielsetzungen.» Die Schüler bekommen regelmässig «Lernschritte» ausgehändigt, ein Formular, auf dem zu erledigende Aufgaben aufgeführt sind. Inklusive eines Datums, bis zu dem alles erledigt sein muss. Während rund 16 wöchentlichen IU-Stunden können die Schüler dann frei an ihren Aufgaben arbeiten - egal in welchem Fach. «Früher habe ich immer zuerst ein Thema erklärt, dann haben wir geübt, und schliesslich gab es eine Prüfung», erinnert sich Sigrist. «Für manche kam diese viel zu schnell, andere hatten das Thema schon viel früher begriffen.» Nun ist alles anders. Wer seinen Lernschritt beendet hat, kann seine Prüfung schreiben. Meist tun dies mehrere Schüler gleichzeitig, ausnahmsweise auch einer allein. Wer mit seinen Lernschritten nicht fertig wird, muss am Mittwochnachmittag oder am Samstag zum Nachholen antraben.

Besonders für Drittklässler, die sich noch den alten Unterricht gewöhnt sind, sei die Umstellung nicht ganz einfach. Matthias etwa aus der Klasse 3b tut sich etwas schwer mit der neuen Eigenverantwortung: «Letzte Woche habe ich nur Mathematik gemacht, weil ich das lieber mag», sagt er. «Am Ende kam ich mit den Deutschaufgaben in Stress.» Diese Woche habe er sich darum vorgenommen, sich auf Deutsch zu konzentrieren. Er seufzt. «Dafür bin ich jetzt mit Mathe hintendrein.» Seinem Lehrer ist dessen schwierige Situation bewusst. «Ich versuche, ihn an die neue Arbeitsweise heranzuführen, und frage ihn täglich, wo er gerade steht», erklärt Sigrist. Im Lernbuch halten die Kinder exakt fest, woran sie wann gearbeitet haben. Damit behalten sie selbst, die Lehrer und auch die Eltern den Überblick. «Das Buch nehmen sie regelmässig mit nach Hause», erklärt Sigrist.

Eine Lösung für kleine Schulen

Mit dem Start seiner neuen Mosaikschule ist der Schulleiter zufrieden. «Natürlich gibt es vor allem im organisatorischen Bereich noch viel zu optimieren», gibt er zu. Trotzdem seien die meisten zufrieden - oder fänden den Wechsel weniger schlimm als erwartet. Auch vonseiten der Eltern sind negative Rückmeldungen bis dato ausgeblieben. Einige Eltern stünden dem Modell aber sicher skeptisch gegenüber, so Sigrist. Er ist überzeugt, dass das Mosaikmodell nebst pädagogischen Vorteilen vor allem für kleine Schulen eine gute Lösung bietet. «Vorher hatten wir sehr ungleich grosse Klassen, jetzt haben wir in jedem Schulzimmer ungefähr 20 Schüler.» Trotzdem: Der Kanton sei von der neuen Schulform wenig begeistert. «Die Bildungsdirektion hat sich uns gegenüber sehr skeptisch geäussert», bedauert er. Deshalb sei die langfristige Zukunft auch nicht gesichert. «Ich hoffe, dass unser Modell auch nach der Abstimmung in ein paar Jahren noch praktizierbar ist.»

In Wilas Oberstufenschulzimmern werden seit den Sommerferien altersdurchmischte Klassen unterrichtet.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch