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Ärzte und Russen im Rathaus

Gesehen?&?Gehört Vor zwei Wochen jammerten die Lehrer vor dem Rathaus wegen ihrer Belastung. Gestern standen die Ärzte in weissen Kitteln im Schneegestöber und erinnerten mit Flugblättern und Plakaten an den «2. Jahrestag zur Missachtung des Volkswillens». Es ging um die Medikamentenabgabe. Im November 2008 hatte das Volk deren Freigabe beschlossen, doch noch immer dürfen die Ärzte in Zürich und Winterthur keine Pillen abgeben. Ein Skandal, fand im Rat auch UnternehmensberaterJean-Luc Cornaz (FDP). Die Ärzte würden kontinuierlich schlechter gestellt, jammerte er, und die Apotheker würden die Demokratie mit einem juristischen Trick unterlaufen. Alle warteten auf die Replik von Lorenz Schmid(CVP), dem Apotheker. Doch sie warteten vergebens. «Ich wollte den Rat nicht unnötig belästigen», begründete er sein Schweigen später und stellte klar: «Es war kein juristischer Trick, sondern eine Stimmrechtsbeschwerde.» Die vonJosef Widler angeführten Ärzte schlotterten derweil draussen weiter. Falls sie eine Erkältung davontragen, wissen sie sich zu helfen: «Ich gehe zum Apotheker und kaufe teure Medikamente», sagte einer. Im Saal standen gestern wie üblich diverse Fernsehkameras. Neben den Leuten von Tele Top und TeleZüri stand einer, den in Zürich noch nie jemand gesehen hat:Alexander Morozov, Reporter vom russischen Staatsfernsehen Russia II. Er, seine Produzentin und sein Kameramann verstehen kein Wort Deutsch. Doch das ist Nebensache, denn die drei hatten nur Augen für GewerkschafterinJulia Gerber Rüegg (SP). Sie sahen zu, wie sie durchs Foyer ging, wie sie mit Journalisten plauderte oder wie sie im Saal debattierte. Warum filmen Russen eine Zürcher Kantonsrätin? Aufmerksam auf die Schweiz wurde Russia II wegen der Antifeministen umRené Kuhn. Morosovs Chefin hat im Internet nach Schweizer Feministinnen Ausschau gehalten und ist dort auf Gerber Rüegg gestossen. Das ist kein Wunder, sie hat Anfang der 90er-Jahre in Wädenswil eine weiblich formulierte Gemeindeordnung verlangt. Dort hätte es dann Stadtschreiberin geheissen, auch wenn der Stadtschreiber ein Mann gewesen wäre. Das Anliegen wurde von den Wädenswilerinnen (Männer sind mitgemeint) beerdigt, aber Julia Gerber Rüegg stand plötzlich im internationalen Rampenlicht. Sie musste nach Köln reisen und hatte dort einen Auftritt auf Sat 1 beiMargarethe Schreinemakers in deren legendärer Talkshow. Selbst GermanistikprofessorSaburo Okamura von der Waseda-Universität in Tokio interessierte sich für Gerber Rüegg und startete ein Forschungsprojekt über die weiblichen Formen in der deutschen Sprache. * Eine unerwartete Einladung erhielt gestern auchHans-Heinrich Heusser, Landwirt aus Seegräben – und zwar vonRoland Munz (SP). Dieser will im Feierabendverkehr von Zürich zusammen mit Heusser ein «Velotürli» machen. Diese Einladung hat sich Heusser selber eingebrockt, als er in der Debatte zum Strassenbauprogramm behauptete, es werde zu viel ins Radwegnetz investiert. Doch der 38-jährige Munz sollte sich vorsehen. Heusser ist zwar schon 61, so einfach wird er sich von Velokurier Munz aber nicht abhängen lassen. Er hat früher Amateur-Strassenrennen bestritten und in Wetzikon das Radquer mitThomas Frischknecht undAlbert Zweifel organisiert.Daniel Schneebeli Schneeflöckchen, Weissröckchen . . .: Ärzte demonstrieren schlotternd vor dem Ratshaus.Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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