Wer Esperanto spricht, wird zum WeltbürgerWas bedeutet für Sie Esperanto?

Die international gut vernetzte Gemeinschaft der Esperantisten hat sich am Wochenende in der Jugendherberge in Richterswil getroffen.

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«Esperanto ist für mich meine Familiensprache, weil ich es mit meiner kubanischen Frau spreche. Seit ich am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymi begonnen habe, sie zu lernen, hat sie mein Leben geprägt. Esperanto hat mich von der Naturwissenschaft zur Sprachwissenschaft gebracht. Ich verdanke der Sprache auch meinen weltweiten Freundeskreis. Durch sie habe ich die Welt entdeckt. Und zwar intimer und authentischer, als man es sonst tun würde.»

«Ich hatte schon immer das Gefühl, dass die ganze Menschheit eine einzige Familie ist. Durch Esperanto hat sich dieses Gefühl noch verstärkt. Ich wuchs in einer offenen Familie auf; wir hatten viele ausländische Gäste bei uns zu Hause. Als ich zum ersten Mal von Esperanto hörte, fiel das bei mir auf fruchtbaren Boden. Ich bin pensioniert und verwitwet, dank Esperanto aber noch viel unterwegs. Ich bin ein Nomade ohne Vieh. Bald ist mein Pass voll mit Stempeln.»

«Esperanto hat seit 40 Jahren eine grosse Bedeutung in meinem Leben. Sie ist meine wichtigste Kultur. 1969 habe ich begonnen, sie zu lernen, nachdem ich eine Anzeige über einen Vortrag zum Thema gesehen habe. Sofort nach dem Vortrag habe ich einen Sprachkurs besucht und bereits nach einem halben Jahr habe ich fliessend Esperanto gesprochen. Heute sind praktisch alle meine Freunde Esperantisten. Sei es in Israel oder im Ausland. Ich bin viel unterwegs wegen Esperanto.» (aku)

Von Andreas Kurz

Richterswil &endash Jedes Jahr im Oktober veranstaltet die Schweizerische Esperanto-Gesellschaft ihr Jahrestreffen an einem anderen Ort in der Schweiz. Diesmal trafen sich 50 Personen in der Jugendherberge Richterswil zum gemeinsamen Austausch. Natürlich auf Esperanto &endash der am meistverbreiteten Plansprache der Welt (siehe Kasten). Beim Treffen gehe es vor allem darum, dass die Kinder zusammen mit Gleichaltrigen spielen und dabei Esperanto benutzen könnten, sagt Co-Präsidentin Mireille Grosjean. Gleichaltrige Esperanto-Spielkameraden zu finden, sei nämlich nicht einfach.

Auf dem weiteren Programm des dreitätigen Treffens standen Ausflüge, Singen, Wandern, Theater, Musik oder Gesellschaftsspiele wie Scrabble. Zusätzlich fand ein Esperanto-Workshop zum Thema Interkulturelle Erziehung statt. Darin besitzen sehr viele Esperantisten Erfahrung, denn oftmals stammen die Eltern aus verschiedenen Ländern.

Kosmopolitisches Gedankengut

Während die Kinder auf dem Boden spielten und die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen unterhielten, erklärte Co-Präsident Dietrich Weidmann, was hinter Esperanto steht: «Es ist eine Art Volk, dem sich jeder anschliessen kann.» Die Esperantisten beschreibt er als Weltbürger, die ein kosmopolitisches Gedankengut vereine. «Jemand, der nicht für Völkerverständigung ist, wird sich kaum für Esperanto interessieren.» Dabei sei die Sprache politisch und religiös neutral. «Im Esperanto haben wir eine vereinte Welt. Einen familiären Mikrokosmos.» Das sah man auch an den Teilnehmern in Richterswil. Es kamen nicht nur Eltern mit ihren Kindern, sondern auch einzelne Esperantisten aus insgesamt neun verschiedenen Nationen, darunter Ländern wie Russland, Israel oder Kongo.

Auffallend ist, wie gut die Esperantisten gebildet sind. Viele von ihnen besitzen einen akademischen Titel. Für Weidmann ist die Sprache ein «Luxus, den sich Leute mit höherer Bildung leisten». Andere kämen gar nicht dazu, weil sie zu stark mit anderen Dingen beschäftigt seien.

Begegnung auf Augenhöhe

Die Konversation auf Esperanto sei eine Begegnung auf Augenhöhe, sagt Weidmann. Das liege daran, dass bei keinem eine Muttersprache dahinterstehe. Das Gesprächsniveau sei viel höher, als wenn man etwa Englisch als Brückensprache benutzen würde. Sowieso gibt es einiges, was den Linguisten an der Weltsprache Englisch stört: Er kritisiert etwa, dass Englisch &endash im Gegensatz zu Esperanto &endash andere Sprachen verdränge. «Die Rolle des Englischen ist eine machtpolitische. Sie ist eine Bedrohung für alle anderen Sprachen der Welt.» In der Ethnolinguistik spreche man deshalb von einer «Killer-Language». Während der letzten 100 Jahre seien bereits Tausende Sprachen verschwunden. «Mit jeder Sprache, die stirbt, verlieren wir einen Teil unseres kulturellen Erbes», sagt der 51-Jährige.

Die Schweizerische Esperanto-Gesellschaft bemühe sich &endash wenn auch mit bescheidenen Mitteln &endash die Verbreitung ihrer Plansprache zu fördern. Sei es an Treffen wie jenem in Richterswil, an dem die Sprache gepflegt wird, oder via Internet. Die Idee von Esperanto als Weltsprache stehe dabei im Hintergrund. Für Dietrich Weidmann ist klar: «Solange unser Planet politisch nicht geeint ist, kann sich Esperanto auch nicht durchsetzen.»

Dietrich Weidmann

Zürich

Erstellt: 01.11.2011, 06:22 Uhr

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