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So leben Modellfamilien

Von Einzelkind bis Patchwork: Wie es sich im jeweiligen Beziehungsgeflecht lebt. Und die grössten Lügen.

Die Familie ist ein Geschenk, das man – im Gegensatz zu Playmobil – nicht zurückgeben kann: Familientypen aus dem Spielzeugladen. Foto: Thomas Egli
Die Familie ist ein Geschenk, das man – im Gegensatz zu Playmobil – nicht zurückgeben kann: Familientypen aus dem Spielzeugladen. Foto: Thomas Egli

Ein Kind

Das Leben der Eltern bleibt im Gleichgewicht

So ist es für das Kind: Ein Einzelkind ist unweigerlich ein kleiner König. Es hat die uneingeschränkte Aufmerksamkeit von zwei Elternteilen. Es erhält alles, inklusive Förderung. Es ist irgendwann Alleinerbe. Auf Geschwister Rücksicht zu nehmen oder sich um diese zu sorgen, muss es ausserhalb der Familie lernen. Ebenso die Fähigkeit, mit Konkurrenz oder Rivalität umzugehen. Einzelkinder sind zudem gefährdet, überbehütet zu werden. Konzentrieren sich die Eltern aber nur auf ihre berufliche Karriere und das Kind läuft nebenher, leidet es auch. Und muss irgendwann trotzdem die alten Eltern allein pflegen.

So ist es für die Eltern: Eltern sind mit einem einzigen Kind weiterhin sehr flexibel. Es passt in (fast jedes Auto), verplant einem mit Geburtstagseinladungen nicht ganz jedes Wochenende, und mit nur einem Wirbelwind kommen hütende Grosseltern nicht ganz an den Anschlag, sodass Eltern auch einmal einige Stunden oder Tage für sich haben und ihre Ziele verwirklichen können. In der Regel bietet die Ein-Kind-Familie eine gut ausgeglichene Work-Life-Balance für Eltern. Doch: Sie müssen oft erklären, warum sie nur ein Kind haben.

Das Beziehungsgeflecht: Sind nur drei Familienteile im Spiel, können Beziehungen einfacher gelebt werden, weil es schlicht weniger Kombinationen gibt.

Die grösste Lüge: Mit einem Kind lässt sich weiterleben wie ohne Kind.

Fazit: Wer etwas Familie will, aber nicht bereit ist, sein Leben ganz für eine Familie aufzugeben, fährt mit einem Kind am besten. Wer das Kind nur als nettes Accessoire zeugt, soll es dem Kind zuliebe lassen.

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Drei und mehr Kinder

Die Familie wird zur komplexen Organisation

So ist es für die Kinder: Kinder haben in diesem Familientyp Priorität. Ihre Eltern haben sich bewusst dafür entschieden, viel Zeit in das Familienleben zu ­investieren. Doch: Aufmerksamkeit und Zeit für das einzelne Kind sind beschränkt. Darunter leiden ab drei Kindern in der Regel die Jüngsten. Mit ihnen gehen Eltern weniger auf den Spielplatz, sie werden weniger gefördert, in und neben der Schule, weil meist Zeit und Energie fehlen. Ein Erbschaftsstreit ist in vielen Fällen programmiert – vorausgesetzt, es ist überhaupt noch etwas zum Erben übrig.

So ist es für die Eltern: Sie verkörpern die moderne Grossfamilie und sind in guter Gesellschaft in der Schule, auf dem Spielplatz und in den Ferien. Doch: Drei und mehr Kinder sind ein Knochenjob für alle Eltern. Vor allem, wenn sie arbeiten. Zudem geht eine Grossfamilie ins Geld.

Das Beziehungsgeflecht: Die Beziehungen sind in diesem Familientyp komplex und anspruchsvoll. Je mehr Kinder im Haushalt, desto stressiger und konfliktreicher wird es. Schwierig ist es auch, dass bei der Beziehungspflege neben all den Kindern die Eltern nicht zu kurz kommen.

Die grösste Lüge: Es spielt keine Rolle, ob man ein Kind hat oder mehrere.

Fazit: Mit drei Kindern braucht es Organisationstalent. Man muss wach im Geist sein, um zu merken, wer welche Kappe wo vergessen hat, welche Musikstunde gerade ausfällt und für welchen Anlass von welchem Kind man noch einen Kuchen backen muss. Dafür ist im Alter die Chance grösser, dass einem eines der Kinder ab und zu einen Besuch abstattet.

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Alleinerziehende Eltern

Alles bleibt an einer einzigen Person hängen

So ist es für die Kinder:Ihr Befinden hängt von der Beziehungsqualität des verbleibenden Elternteils ab. Fehlen andere Bezugspersonen aus dem Umfeld und müssen Kinder Aufgaben des fehlenden Elternteils übernehmen, können sie sich nicht kindgerecht entwickeln.

So ist es für die Eltern: Sie stehen unter enormem Druck, müssen sie doch emotionale, organisatorische und finanzielle Belastungen allein tragen. Kommt dazu, dass sie zu Beginn des Alleinseins eine Trennung oder den Tod verarbeiten müssen. Eine neue Partnerschaft einzugehen, ist zeitlich schwierig.

Die grösste Lüge: Familien mit einem Elternteil sind vergleichbar mit 2-Eltern-Familien und nicht schlechter.

Fazit: Diesen Familientyp wünscht man niemandem.

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Patchworkfamilie

Romantisch ist eigentlich nur die Vorstellung davon

So ist es für die Kinder:Wieder eine komplette Familie zu haben, mag der kindlichen Vorstellung entsprechen. Aber in der Realität ist die Befindlichkeit der Kinder in Patchworkfamilien am niedrigsten. Sie haben Mühe, sich anzupassen, und fallen auf.

So ist es für die Eltern: Eltern sind beflügelt von der neuen Liebe. Das gibt ihnen überhaupt die Kraft, diese komplexe neue Familie aus unterschiedlichen Familien zu formen. Bringen beide Partner Kinder aus früheren Beziehungen mit, ist das bereits höchst anspruchsvoll. Kommen neue hinzu, wird es noch schwieriger. Sie stehen in einem dauernden Loyalitäts- und Abgrenzungskonflikt gegenüber den Kindern aus den verschiedenen Familien.

Das Beziehungsgeflecht: Die Komplexität der verschiedenen Beziehungen ist herausfordernd und vor allem in der ­ersten Phase sehr konfliktanfällig: Alle bringen ihre Geschichte mit, ihre früheren Lebensstile, Gewohnheiten und vor allem Erziehungsstile und müssen einen neuen gemeinsamen Nenner finden.

Die grösste Lüge: Hauptsache, die Familie ist wieder komplett.

Fazit: Eltern, die sich auf eine Patchworkfamilie einlassen, sind Abenteurer, denen das Leben nicht komplex genug sein kann. Ihr Glaube an das komplette Familienglück ist ohne Zweifel bewundernswert.

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Die Definitionen der Familientypen stammen von Guy Bodenmann. Er ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich und spezialisiert auf Kinder und Jugendliche sowie Paare und Familien.

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