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So gross ist das «Loop» wirklich

Die Musikzeitung «Loop» feiert ihr 20-Jahr-Jubiläum. Wie konnte sie sich über all die Zeit behaupten? Wie versprochen, mitten aus dem Zürcher Musikkuchen, die Laudatio von Evelinn Trouble*.

Der grosse Auftritt: Evelinn Trouble auf dem «Loop»-Cover vom Februar 2013. Foto: PD
Der grosse Auftritt: Evelinn Trouble auf dem «Loop»-Cover vom Februar 2013. Foto: PD

Alles ist relativ. Für die Mücke ist der Elefant, was für das Wasserglas der Ozean ist. Für die Ameise ist die Regenpfütze der Ozean. Für den Ozean ist der Tropfen – was eigentlich? Bei dieser endlosen Weite kann einem leicht schwindlig werden, darum muss man manchmal innehalten und Dinge von neuem in Relation setzen. Dann wird man sich klar darüber, wie gross oder klein sie eigentlich sind.

Seit 20 Jahren existiert das Musikmagazin «Loop» – heute mit einer ­Auflage von 10 000 Exemplaren. Klein, könnte man meinen. Versuchen wir zu relativieren: In einer Zeit, in der selbst der «Rolling Stone» so viel an Auflage eingebüsst hat, dass ihn der Besitzer verkaufen will, hält sich das kleine «Loop» über Wasser. Wir stellen fest: Das ist ­etwas Grosses, das gilt es zu feiern! Die ­Redaktion des «Loop»-Magazins scheint etwas richtig zu machen.

Mit viel Leidenschaft

Als «Loop»-Leserin kann ich bestätigen: Sie machen einiges richtig. Und etwas sticht dabei hervor: Sie schreiben aus purer Leidenschaft. Es geht um Musik, und es geht um relevante Musik. Hier muss zwischen den Zeilen nichts verkauft werden, das übernehmen die Inserate. Hier hat kein Major-Label und keine Drittpartei die Hände im Spiel, wenn es um Inhalte geht. Kulturjournalismus wird nicht mit Werbung vermischt. Dies als Verdienst anpreisen zu müssen, schmerzt. Aber tja, welcome to the future, wir haben sie uns alle schöner vorgestellt.

Die Tatsache, dass sich Journalismus heute mehr denn je prostituiert, setzt mein Lob an die «Loop»-Zeitung ein weiteres Mal in Relation. Im jetzigen digitalen Mittelalter eine Printzeitung (Print!) herauszugeben, die sich von ganzem Herzen der Off-Mainstream-Musik verschrieben hat, ist eine ehrenhafte, fast schon rührende Leistung. Das ist ungefähr, wie wenn der Papst dem US-Präsidenten die Füsse waschen würde. Übersetzt: Für den Ozean ist der Tropfen, was das «Loop»-Magazin für den ehrenhaften Journalismus ist.

Wahrlich, die Schweiz darf sich geehrt fühlen, dass sich da noch jemand die Mühe macht, ihr die Füsse zu waschen. Und vor allem: Schweizer Künstler dürfen sich geehrt fühlen, dass es da noch jemanden gibt, der sich ihre mediokren ersten Gehversuche anhört. Und dann auch noch die Grandezza hat, darüber zu berichten.

Kritisch, aber fair

So wurde auch meine Musik früh beim «Loop» besprochen. Zu einer Zeit, in der mein Label-Chef Stunden damit verbrachte, sich am Telefon mit hiesigen Radiostationen um Airplay zu raufen, um ihnen klarzumachen, dass Trouble etwas Ernstzunehmendes sei. Damals waren meine Songs noch weit über den im Mainstream akzeptablen drei Minuten, und erkennbare Refrains gab es auch keine. Ein Ding der Unmöglichkeit für den Label-Chef also.

«Lou Reed, Flaming Lips, Beatles – und dann ich»: Evelinn Trouble. Foto: B. Rauber
«Lou Reed, Flaming Lips, Beatles – und dann ich»: Evelinn Trouble. Foto: B. Rauber

Auch bei anderen Medien war es in dieser Frühphase schwierig, meine Musik zu platzieren. Die Ausnahme bildete das «Loop». Es war von der ersten Stunde an dabei – kritisch, aber fair. Als 2013 «The Great Big Heavy» erschien, knallten sie mich aufs Frontcover. Lou Reed, Flaming Lips, Beatles – und daneben ich. Was für eine Ehre!

Um zu verstehen, wie gross diese Ehre eigentlich ist, müssen wir auch das in Relation setzen: In meinem Metier (dem Rockstarbusiness) galt früher als Ritterschlag, wenn man es auf das Cover des «Rolling Stone» schaffte. Diese Zeiten sind vorbei, das Magazin hat an Relevanz eingebüsst. Die Queen schlägt heute die Rolling Stones zu Rittern, und zum Musikhören brauchts nicht mal mehr Kabel. Im digitalen Mittelalter, in dem wir leben, kämpft jeder für sich. Was diese komische Reaktionskette aus Blogs, sozialen Medien, Playlists, Algorithmen, Posts und Clicks an die Oberfläche schwemmt, hat viel mit Zufall und manchmal erstaunlich wenig mit Qualität zu tun. Was «es» für gut befindet und was gut ist, sind zwei verschiedene Sachen.

Don’t mess with «Loop», die wissen, was gut ist: Es sind Musikliebhaber, die über Musik schreiben.

Von einer Redaktion als erwähnenswert befunden zu werden, die sich aus dem Schlachtfeld raushält und sich einfach nur aus Leidenschaft mit Musik befasst, das ist ein grosses Kompliment. Es mag kein flächendeckender Ruhm sein, aber eine Ehre.

Eine Ehre auch deshalb, weil die Leserschaft zu grossen Teilen aus Musikern besteht. Viele der Leute, mit denen ich über die Jahre gespielt habe, lesen das «Loop» oder wurden darin besprochen. Ich kenne das «Loop» über meine Mutter, die Jazzsängerin Marianne Racine, Abonnentin der ersten Stunde. Wenn man im «Loop» steht, heisst das, man wird von seinesgleichen wahrgenommen. Don’t mess with «Loop»-Magazin, die wissen, was gut ist.

Unsere kleine Party

Die «Loop»-Redaktion und ihre Leserschaft sind zwei Seiten derselben Münze, sie bilden eine Symbiose. Musiker, die Musikliebhaber sind, und Musikliebhaber, die über Musik schreiben (und mitunter auch Musik machen). Das macht das «Loop» natürlich zu einem Nischenmagazin. Es ist nicht jedermanns/-fraus Zeitung. Die Leserschaft ist ein kleiner Zirkel, eine private Party.

Wenn man kein tiefes Interesse an Musik hat, freut man sich höchstens über die feine Papierqualität des «Loop», um damit die Fenster zu putzen. Wenn Musiker unter sich sind, wird es für Nichtmusiker manchmal schwer mitzuhalten. Dann geht die Party los. Dann wollen wir über Modularsynthies und Bebop schwärmen. Von Röhrenamps fantasieren und einander darin übertreffen, wie Whitney Houston zu singen. Einander erzählen, dass wir jemanden kennen, der mal Lemmy kennen gelernt hat. Uns über Querflöten lustigmachen. Da bleibt nicht viel Platz für andere Themen, denn Musik macht unser ganzes Leben aus. Für Aussen­stehende unmöglich, diese Begeisterung zu verstehen.

Die Frage bleibt: Kann eine Papier­zeitung, die für eine Nische schreibt, weitere 20 Jahre bestehen? Ich wünsche es mir von Herzen. Es gibt doch nichts Schöneres, als Musikjournalismus aus Leidenschaft, dargebracht auf Papier: Er ist der ­Liebesbeweis an die Musik selbst. Und es setzt das digitale Mittelalter, in dem wir leben, nochmals in Relation. Solange es diesen ehrenhaften Journalismus noch gibt, ist vielleicht doch nicht alles verloren.

Nachtrag: Für Nichtmusiker

Es kann sein, dass dieser Text nur für Musiker interessant ist. Ich hoffe es nicht. Falls doch, hier noch ein paar Musikerwitze. Wenn Sie darüber nicht lachen können, sind Sie wohl Grafiker oder etwas anderes. Ich bedaure, dass Ihr Berufsstand kein eigenes Magazin hat, das gerade sein 20-Jahr-Jubiläum feiert. Und ich bedaure es für Sie, dass Sie nicht Musiker geworden sind, Sie verpassen etwas.

Was sagt der Rockmusiker zum Jazzmusiker? «Zum Flughafen, bitte». – Was ist der Unterschied zwischen einem Jazzsaxofonisten und einer grossen Pizza? Von der Pizza kann man eine ganze Familie ernähren. – Was macht eine Sängerin am Morgen? Zieht sich an und geht nach Hause. – Und zu guter Letzt: Nur Mute, es gibt immer einen AUXweg.

* Die Zürcher Musikerin Evelinn Trouble (1989) lebt und arbeitet in Berlin.

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