Dieser Künstler will endlich Geld verdienen

Jeremie Maret hat genug vom Klischee des brotlosen Künstlers. Für sein neues Projekt muss es Millionen regnen – dank Hirst.

Jeremie Maret will der erfolgreichste Hirst-Verkäufer werden. Foto: Doris Fanconi

Jeremie Maret will der erfolgreichste Hirst-Verkäufer werden. Foto: Doris Fanconi

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In den ersten Sekunden des Promofilms für Jeremie Marets neues Projekt wird klar: Der Mann will unser Geld. Der Blondschopf mit Schnauz befindet sich in einem gefüllten Wassertank. Steigt hoch und blubbert in Baseldeutsch: «Als Künstler im kapitalistischen Kunstmarkt steht mir das Wasser mal wieder bis zum Hals.» Derweil fliegen ihm chinesische und englische Untertitel um den Kopf. Mit weit aufgerissenen Augen schaut er die Betrachter flehend an. So weit der Film.

Ein Damien Hirst gehört für Maret neben jede Toilette. Fotos: Jeremie Maret

Dabei hatte doch alles so gut be­gonnen: Vor fünf Jahren gelangte er mit seinem Kunstprojekt «Fatty», wie Maret es liebevoll nennt, zu 15 Minuten Ruhm. Sein Werk «Too Fat to Fail» war eine Hommage an den Mexikaner Manuel Uribe, zu seiner Zeit der dickste Mann der Welt. Mit einer aufblasbaren Gummipuppe füllte Maret Räume und Ateliers aus. Zum Beispiel den Pavillon auf dem Bürkliplatz.

Das Geld beschäftigte Jeremie Maret schon während seines Fine-Art-Studiums. Damals arbeitete er als Assistent in der Kunstsammlung bei der Bank Julius Bär. Da sei er der «schönen Seite der Kunst» begegnet, sagt er: «Dort beschäftigte man sich mit Kunst um der Kunst willen und verkaufte keine Werke der Sammlung.» Sein damaliger Chef habe ihm gar die Leitung der Sammlung angeboten, erzählt Maret. Er habe aber zuerst herausfinden wollen, ob in ihm nicht auch ein Künstler steckt. Ganz der Geschäftsmann, gelang es ihm vor seinem Abgang, der Bank eine seiner interaktiven Medieninstallationen zu verkaufen. Ein guter Start.

«Der Kunstmarkt ist eine Mafia»

«Kunst ist das Einzige, was keinen Sinn macht und deswegen am meisten Sinn macht», sagt Maret. Dabei geht es ihm nie um das Werk allein. Ihn interessiert vor allem das Machen, der Kontext und der Moment, in dem Kunst entsteht. Und: «Das Kunstwerk braucht zur Vollendung den Betrachter.»

Maret kennt kein Zuhause. Sechs Monate Auszeit in Thailand. Hippe Galerie in Berlin. Kunstprojekt in Zürich. Arbeit in einer Zuger Onlinegalerie. Aus all dem eine Erkenntnis: Das Künstler­dasein ist ein existenzieller Kampf. Und ihm ist dabei klar geworden: «Der Kunstmarkt ist eine Mafia. Wer nicht mitspielt oder gar Kritik wagt, hat es schwierig.» Und wer darin erfolgreich sein will, braucht vor allem eines: «Geld. Kohle. Cash.»

Das Projekt «Art-Market» war bereits eine Anspielung auf den britischen Künstler.

Daher überlegte er sich: Wer ist König im Kunstverkauf? Die Antwort ist klar: der britische Überflieger der Popkultur Damien Hirst. 2008 verdiente dieser mit dem Verkauf seiner Werke 172 Millionen Franken. Sie wissen schon: Tigerhai in Formaldehyd. Marets Idee sieht so aus: Ein Silikon-Hirst auf dem Klo hinter blauem Glas. Sie kam ihm, während seines derzeitigen Künstlerstipendiums in Shanghai. Eines Abends blickte er durch die Glasscheiben ins Badezimmer seines Hotels. Und er fragte sich, wo wohl Hirst in jenem Moment steckte. Vielleicht auf dem Klo? Langweilt er sich dort? Marets neuste Idee war geboren.

Um sie zu verwirklichen braucht er aber ... was wohl? Geld. Viel Geld. Er lanciert ein Crowdfunding. Und er wechselt vorübergehend die Seite und wird vom Künstler zum Kunstverkäufer. Ja, zum ersten und grössten Hirst-auf-dem-Klo-Verkäufer der Welt. Und er will alles, was er von dieser Kunstmafia bisher gelernt hat, umsetzen: Die Hirst-Silikon­figur soll das Label «100 Prozent Made in China» tragen. Denn wo gibt es bessere Kopien als im Land der Mitte? Wer es sich leisten kann, darf dereinst dann die künftige 300-Kilogramm-Figur lebensgross ersteigern (Kostenpunkt: Läppische 19 000 Euro). Verpackt wird sie als poppige Action-Figur (Vorsicht: Wertverlust beim Auspacken).

Nun ein gepflegter Schnauz

Aber Jeremie Maret will nicht nur mit seinem Produkt, sondern auch mit seinem Auftreten als Kunstverkäufer überzeugen: Ein gepflegter Schnauz, ein Verkäufergrundkurs und ein paar Posts auf Social Media sollen ihm dabei helfen. Sein Projekt «Hirst for Sale» ist auf der einen Seite Hommage an Hirst – und auf der anderen Seite Kritik am Kunstmarkt. «Ich bin begeistert davon, wie Hirst sich im Markt verkauft hat. Mir ist klar, dass ich davon viel lernen kann.» Die Kunstszene aber, findet der Künstler, die habe sich dem Kapitalismus verkauft. «Da benehmen wir uns in der Szene alle so super und sozial. Sobald aber ein Galerist kommt und unsere Werke verkaufen möchte, füttern wir das Monster, das wir verabscheuen.»

Die Vorbereitung zum Crowdfunding hat bereits begonnen. Schon hat er Kontakt aufgenommen zu Lieferanten in China. Die bisher erhaltenen Antwortmails seien teilweise köstlich, sagt Maret. So kam die Anfrage: «Möchtest du den Hirst mit roten Augen?»

Persönlich getroffen hat Jeremie ­Maret den Popkünstler nie. Trotzdem ist er ­überzeugt, dass sie eines verbindet: die Ironie. Demnächst wird er Damien Hirst einen Brief schreiben. Darin wird er ihn bitten, ihm beim Projekt unter die Arme zu greifen. «Wenn ich einen 3-D-Scan seines Kopfes machen könnte, würde die Umsetzung viel billiger ­werden.»

Maret ist nicht eifersüchtig auf den Briten. Aber im Unterschied zu Hirst werde er nach der Geldaktion Ruhe geben. «Vorausgesetzt, ich bin Millionär.»

Das Crowdfunding beginnt heute unter: damienhirstforsale.wemakeit.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 16:43 Uhr

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