Mein Einhorn und ich

Von der Bedeutung regenbogenfarbiger Diskretion.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gehören Sie zu diesen Katzenhaltern, die jammern, wenn ihr Liebling sich ein, zwei Nächte lang nicht hat blicken lässt? Da kann ich nur müde lächeln. Versuchen Sie es mal mit einem Einhorn. Das bringt das Konzept von Kommen und Gehen, wie es einem beliebt, auf ein ganz neues Level. Ich muss es wissen: Ich halte mir eins. Nicht eingezäunt auf einer Weide oder gar eingepfercht in einer Box, ich bitte Sie, das sind freiheitsliebende Geschöpfe. Nein. Seine Präsenz manifestiert sich vielmehr durch Spuren und kleine Zeichen: herzförmige Hufabdrucke, die ich beim Joggen im Waldboden entdecke. Einen plötzlich durchwabernden, zarten Erdbeergeruch. Oder auch mal ein regenbogenfarben schimmerndes Häufchen. Als Gegenleistung dafür will es weder Futter noch sonstige materielle Zuwendung. Meine Freude, wenn ich seine Botschaften entdecke (und, wie erwähnt, seine uneingeschränkte Freiheit), reicht ihm völlig.

Mir gefiel dieses lose, aber dennoch starke Band zwischen uns immer sehr gut. Unlängst jedoch ist mein Einhorn überdurchschnittlich kommunikativ geworden. Es begegnet mir auf Verpackungen und Kleidungsstücken, als saisonales Eisgetränk einer US-Kaffeehauskette («made only of the finest rainbows»), sogar in analytischen Artikeln in dieser Zeitung. Ja, es scheint eine regelrechte Einhornmanie ausgebrochen zu sein, die zu der angeborenen Zurückhaltung dieser Wesen nicht recht passen will.

Ich habe beschlossen, das vorerst klaglos hinzunehmen, in der Hoffnung, dass sich das Tier bald wieder beruhigen und zu der ihm besser anstehenden Diskretion zurückfinden möge. Sollte sich aber auf Dauer nichts ändern, werde ich unsere Allianz wohl oder übel kündigen müssen. Leicht wird mir das allerdings nicht fallen, denn: Brauchen wir nicht alle bisweilen etwas Glitzer über unserem Alltagsgrau?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 23:47 Uhr

Artikel zum Thema

Einhorn kommt selten allein

Das Fabelwesen ist plötzlich überall: als Tattoo, als Getränk und sogar als Dildo. Es hat in den letzten 2000 Jahren also nichts von seiner Magie eingebüsst. Leider. Mehr...

Dossiers

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Auch ein Rücken kann entzücken: Ein Elefant zeigt sich im Joburg Zoo in Johannesburg nicht gerade von der besten Seite (18. August 2017).
(Bild: Kim Ludbrook) Mehr...