Kaffee statt Isostar

Wie geht cooles Rennvelofahren? Die Abendtour eines Radbekleidungsherstellers verspricht Aufklärung. Wichtig dabei: Der Ehrgeiz bleibt zu Hause.

Das Retrokäpplein ist mindestens so wichtig wie der Helm: Veloästheten an der Zweierstrasse. Foto: Urs Jaudas

Das Retrokäpplein ist mindestens so wichtig wie der Helm: Veloästheten an der Zweierstrasse. Foto: Urs Jaudas

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Kein Mensch weit und breit an der Badenerstrasse. Das überrascht wenig, bei diesem Regen. Es ist nicht das Sommerwetter, das die Leute nach draussen strömen lässt. Und erst recht nicht das, was man sich für eine Ausfahrt mit dem Rennvelo vorstellt.

Wir sprechen hier nicht von irgendeiner Ausfahrt, sondern vom Afterwork-Ride von Rapha. Die Ästheten unter den Rennvelofahrern rüsten sich gerne mit den dezenten Produkten des britischen Radbekleidungsherstellers aus, erkennbar sind diese an den minimalistischen Designs und dem weissen Streifen am linken Oberarm. Ein gewisses Mass an Insidertum ist dafür notwendig, immerhin sind die hochpreisigen Textilien nicht beim Velomech um die Ecke erhältlich, sondern ausschliesslich online. Es sei denn, man lebt in London oder sonst einer Weltmetropole – um den Globus unterhält Rapha zehn Läden.

Ab und an poppen sie aber auch in anderen Städten auf, diesen Monat in Zürich an der Badenerstrasse, inklusive Kaffeebar und Rahmenprogramm mit Ausfahrten und Events. Dazu besuchen die Raphisten auch die übrige Schweiz, am Wochenende etwa die Tour de Suisse in Davos mit einer Kaffeebar.

Typisch Schweizer

Eine Teilnahme am ersten Ride ist da geradezu Pflicht, schon aus reiner Neugier, wie er denn ausschaut, der Zürcher Velo­ästhet. Ist es der Velokurier, der in seiner abgewetzten Kleidung nach der Schicht noch die Feierabendrunde mitfährt? Oder der geschniegelte Edelfahrer, mit der immens teuren Ausrüstung? Angesichts des mediokren Wetters ist die Frage allerdings von grundsätzlicherer Natur: Wagt sich der Zürcher Velophile überhaupt nach draussen, wenn die Chance grösser ist, dass er pflotschnass heimkehren wird statt trocken?

Es fehlen noch zehn Minuten bis zur Abfahrt, und die Zeichen bezüglich Wetterfestigkeit stehen nicht gut für die Zürcher. Trotz 18 Anmeldungen im Vorfeld. Aber die gingen halt ein, als die schlechten Wetteraussichten erst in Thomas Buchelis Kopf herumspukten.

Dann zeigt sich aber: Der Zürcher ist primär eben Schweizer. Und als solcher für eine Eigenschaft besonders bekannt: Er kommt pünktlich. In den fünf Minuten bis 19 Uhr rollen sie aus allen Richtungen auf ihren Rennvelos heran, am Ende startet der Ride mit einer für diese Witterungsbedingungen stattlichen Zehnergruppe. Leider ohne Frauen, obwohl Rapha für diese oft die noch schöneren, weil etwas verspielteren Designs findet als für Männer.

Schutz wichtiger als Ästhetik

Wobei: Bevors losgeht, sind noch einige Formalitäten zu klären. Etwa die Unterschrift unter den Haftungsausschluss, mögliche Unfälle liegen in der Verantwortung jedes Einzelnen. An sich keine grosse Sache. Allerdings mutet das fast schon ulkig an, weil die Rapha-Ästheten sich nicht zu einem klaren Helm-Bekenntnis durchringen können. In ihren Werbeaufnahmen setzen sie wegen der Retro-Optik ihre Fahrer lieber nur mit Velohütchen in Szene, auch beim Ride ist der Kopfschutz nicht obligatorisch. Ein Oben-ohne-Exot ist trotzdem nicht auszumachen.

Wohltuend nüchtern ist auch die Zusammensetzung der Ausrüstungen, mit denen die Teilnehmer antreten. Abgesehen von den Shopmitarbeitern ist niemand komplett in Rapha eingekleidet, der Schutz gegen den Regen zählt für einmal noch etwas mehr als die Ästhetik. Und sogar unrasierte Beine sind in Überzahl. Von hippen Stahlrahmen auf Mass bis hin zu teuren Modellen von Specialized oder Pinarello ist auch bei den Velos die ganze Bandbreite dabei.

Velomechaniker Christoph Vetter von der Flamme Rouge leitet die Ausfahrt, er ist auch für Lokalkolorit und Anekdoten verantwortlich. Diese werden geradezu aufgesogen, denn das Teilnehmerfeld ist weniger zürcherisch als international, man verständigt sich auf Englisch. Das gilt auch im Shop, wo diesen Monat Mitarbeiter aus den bestehenden Läden in London und Amsterdam mithelfen. Einer von ihnen staunt: «Ich habe hier schon mehrfach zu hören gekriegt: ‹Du hast mich doch schon in London bedient!›»

Die Marke hat eine weit verbreitete Anhängerschaft. Ein holländischer Expat ist extra von seinem Wohnort am Vierwaldstättersee angereist und erzählt scherzend, er fürchte sich ein wenig um sein Bankkonto, jetzt, da Rapha in der Stadt sei. Die Angst ist nicht unberechtigt: Mit einer Ausnahme kosten die Leibchen ab 150 Franken aufwärts, die Hosen gibt es ab 175.

Zwei andere Fahrer haben im Regen schon 40 Kilometer absolviert, um beim Ride mitzurollen. Die Fahrt geht in zügigem Tempo stadtauswärts, Richtung Triemli, dann weiter ins Reppischtal. Der Türlersee soll das Ziel der Ausfahrt sein, Vetter will sich bei dem Wetter auf keine Experimente einlassen, obwohl es doch kaum eine fiese Steigung rund um Zürich gibt, die er nicht kennt – und nicht schon bezwungen hat.

Belohnung für Hartgesottene

Doch als die Buchenegg naht und die ortsunkundigen Teilnehmer von der steilen Strasse zum kleinen Pass hoch hören, ist es um Vetters gemütlichen Plan geschehen. Der Entscheid fällt einstimmig: Das Pässlein muss sein. Passé ist damit auch das gemütliche Tempo. Bergauf kennt niemand Gnade, da gibt es nur eine Geschwindigkeit: die maximale. Erst recht, weil oben für die Schnellsten ein Preis winkt: gratis Kaffee bei Rapha, für den ganzen Monat.

Oben wird im Stakkato gekeucht, und sogleich die Abendstimmung per Smartphone eingefangen – es hat aufgeklart, es ist die Belohnung für die Hartgesottenen. Abgesehen von der Steigung halten alle ihren Ehrgeiz zurück, das Motto ­«Socialride» wird grossgeschrieben, die Diskussionen rollen locker wie die Landschaft vorüber.

Holländer fliegt aus der Kurve

Der Albispass wird nach kurzer Diskussion dann doch nicht mehr in Angriff genommen, das Tageslicht soll noch bis zur Rückkehr in die Stadt ausgenützt werden. Im Kurvenparadies hinunter von der Buchenegg sorgt der holländische Rapha-Mitarbeiter für Spektakel, er schiesst über eine Kurve hinaus, bleibt aber unversehrt. Dass die Sonnenbrille weg ist, merkt er erst viel später. «Kein Problem, so habe ich einen Grund, die Runde noch einmal zu fahren», sagt er lächelnd.

Die Fahrt lässt die Nicht-Ortskundigen staunend darüber zurück, wie schnell Zürich velofahrend nur noch eine schwache Erinnerung ist, wie spektakulär die Aussichten in Stadtnähe sein können. Und die Einheimischen freuen sich über Vetters Kenntnis kleiner und kleinster Strässchen, von denen sie in ihrem Alltagstrott noch nie Notiz genommen haben.

Rapha Pop-Up, Badenerstrasse 79, bis 2. Juli. Gemeinsame Ausfahrten mittwochs (Abfahrt 19 Uhr) und samstags (10 Uhr). Anmeldung: popupzurich@rapha.cc

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2016, 20:03 Uhr

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