Ich muss da was beichten

Meine letzte Beichte liegt Jahrzehnte zurück. Höchste Zeit also, mein Gewissen wieder einmal zu erleichtern. Doch wie geht das noch mal?

Ui, wer beginnt? Der Priester schweigt. Ach, stimmt ja, so gehts: «Gelobt sei Jesus Christus.» – «In Ewigkeit, amen!» Foto: Prisma

Ui, wer beginnt? Der Priester schweigt. Ach, stimmt ja, so gehts: «Gelobt sei Jesus Christus.» – «In Ewigkeit, amen!» Foto: Prisma

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Ich weiss nicht, wie Sie das sehen, aber bei mir steht Beichten nicht zuoberst auf der To-do-Liste. Um ehrlich zu sein, liegt meine letzte Beichte beinahe 40 Jahre zurück. Und wenn wir schon bei der Wahrheit sind: Es war bisher meine einzige.

Das will ich nun ändern. Schliesslich bin ich schändlich im Verzug. Denn seit dem Vierten Lateralkonzil von 1215 ist die Pflicht zur jährlichen Beichte für jeden Gläubigen ab dem siebten Lebensjahr festgeschrieben. Und als Journalistin müsste ich ohnehin im Beichtstuhl einziehen, ginge es nach der Vorstellung einiger Zeitgenossen.

Aber irgendwie ist Beichten bei mir in Vergessenheit geraten. Dabei war es damals eine ganz grosse Sache in der Innerschweizer Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin. Beichten! Uh! Neugierde und Panik mischten sich beim Gedanken daran, unserem Herrn Pfarrer Sünden offenbaren zu müssen. Diesem Mann, der gebeugt von der Last seines Amtes durchs Jammertal schritt. Ich habe ihn nie lachen sehen. Vielleicht ist ihm nach all den Verfehlungen, die er sich im Verlaufe seines Lebens im Beichtstuhl anhören musste, das Lachen vergangen.

Eine Frage der Sittlichkeit

Er gab uns damals einen «Beichtspiegel für Kinder» mit nach Hause, eine Art Flyer zum Üben. Stichwortartig stand darauf geschrieben, in welchen Bereichen man gesündigt haben könnte. Gegenüber den Eltern, den Geschwistern, den Lehrern, der Kirche. «Habe ich mich unsittlich berührt?», war eine der Fragen, die wir zuerst uns stellen und dann dem Beichtvater gegenüber beantworten sollten. Wie fies ist das denn!

Im Religionsunterricht sprachen wir ausführlich über die Zehn Gebote, die sieben Todsünden, die Vorhölle, die Hölle und all die Verdammnis, die einer katholischen Seele so blüht. Der Herr Pfarrer gab uns zu verstehen, wie leicht man in Teufels Küche geraten könne, wenn man nicht vor Gott seine Sünden bekenne. Die Suche nach beichtenswerten Missetaten war dennoch nicht einfach. Eine meiner Freundinnen musste am Vorabend der ersten Beichte sogar mit ihrer Familie am Küchentisch zusammensitzen, um gemeinsam nach möglichen Verfehlungen zu suchen.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir dann kniend in der Kirche darauf warteten, bis das grüne Licht über dem Beichtstuhl aufleuchtete und man an der Reihe war. Das Knarren der Holzbank im engen Kabäuschen, die heisere Stimme des Pfarrers, die durch die vergitterte Öffnung in der Trennwand kaum zu hören war. Pflichtbewusst habe ich alle Punkte des Beichtspiegels abgehakt. Nur die Sache mit der unsittlichen Berührung habe ich umschifft. Über so was spricht man doch nicht mit einem Pfarrer, fand ich. Das zählt nicht zu den Kernkompetenzen eines katholischen Priesters.

«Sie sind auf gutem Weg. Sie sind noch nicht verloren.»Priester im Beichtstuhl

Mag sein, dass ich mich damit schon in jungen Jahren dem Fegefeuer genähert habe. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass ich recht hatte. Sogar in Kirchenkreisen geht man heute davon aus, dass das Sakrament der Vergebung durch die Beantwortung indiskreter Fragen in Verruf geraten ist. Das Ganze hat ausgerechnet im Zuge der Aufklärung angefangen. Damals habe man ein zunehmendes Augenmerk auf die Sünden des 6. Gebots (Du sollst nicht ehebrechen) gerichtet, schreibt Pater Peter Spichtig, Leiter des Liturgischen Institutes der Deutschschweiz. «So ziemlich alles, was mit körperlicher ‹Unreinheit› zu tun hatte, wurde unter schwerer Sünde eingeordnet, was im Mittelalter oder noch in der Barockzeit nicht so gesehen wurde.»

Kein Wunder also, erlebte das Sakrament in den letzten Jahrzehnten (und mit Beginn der freien Liebe) «eine eigentliche Erosion», wie es in der Kirchenstatistik 2013 der katholischen Kirche der Schweiz heisst. Langjährige Erhebungen über das Beichtverhalten gebe es zwar keine, es sei aber auch ohne Statistik kein Geheimnis, dass die Nachfrage nach Beichtgesprächen sinke.

Zentraler Punkt der Beichte ist allerdings nicht die erteilte Absolution, sondern der persönliche Reueprozess, der Wille zur Umkehr, wie es so schön heisst. Wer seinen inneren Dämonen zu Leibe rücken will, muss nicht unbedingt das Gespräch mit einem Geistlichen suchen, sondern kann zur Versöhnungsfeier gehen, einem Wortgottesdienst mit gemeinsamer Bitte um Vergebung.

Für meine erste Beichte nach fast 40 Jahren ist diese kollektive Heilssuche aber keine Option, und das Angebot, einen Termin für ein privates Gespräch mit einem Geistlichen im Pfarrhaus oder sogar zu Hause zu vereinbaren, geht mir doch etwas zu weit. Ich will in der Anonymität eines klassischen Beichtstuhls versinken, umgeben von geschnitzten Putten und Rosenranken, eingehüllt in ein Gemisch aus Holzgeruch und einer dezenten Note Weihrauch.

Der Jubel im Himmel

So jedenfalls stelle ich mir das vor, als ich in aller Herrgottsfrühe zum Kirchenschiff pilgere. Die Enttäuschung setzt rasch ein. «Beichte in der Krypta» steht auf einem Schild. Ich schreite also die Treppe hinab in einen freudlosen Raum aus den 80er-Jahren. Der Beichtstuhl erinnert an ein Kellerabteil. Im Innern sitzt ein Priester. Schweigend. Ich knie mich auf die Bank vor der Trennwand. Durch das Holzgitter sehe ich sein gebeugtes Haupt. Er wartet. Muss ich anfangen? Stimmt. «Gelobt sei Jesus Christus.» – «In Ewigkeit, amen!»

Wieder wartet er und schiebt sein Ohr näher ans Gitter. Jetzt erst sehe ich sein Hörgerät. Ich schiele zur Türe. Hält sie dicht, wenn ich meine Beichte zu ihm rüberschreien muss? Aber eigentlich spielt das keine Rolle. Die Krypta ist praktisch leer, und die zwei Betenden dort drüben hören vermutlich ebenso schlecht wie der Priester hier drinnen.

Fast 90 Jahre sei er alt, sagt er. Er sagt viel. Mehr als ich. Wie man es anders machen könnte, was die Bibel vorschreibt. Ich höre zu, obwohl ich eigentlich dachte, dass es andersrum sein würde. Ich versuche, aus seinen Worten eine Botschaft an mich herauszufiltern. «Ich möchte ihnen einfach sagen, dass es viele Missverständnisse gibt über die Beichte. Der Herrgott jubelt im Himmel über jeden, der den Weg zu ihm sucht und seine Sünden offenbart. Sie sind auf gutem Weg. Sie sind nicht verloren», sagt er. Ich solle bis zum nächsten Sonntag täglich ein «Ehre sei dem Vater» beten. «Und gehen Sie doch ab und zu wieder in die Kirche», meint er, bevor er mir die Absolution erteilt und mich wieder in den Alltag entlässt.

Eine Kerze für den Pfarrer

So geht das also. Viel hat sich seit den 70er-Jahren nicht verändert. Kein Sinnieren, kein Austausch. War das Seelsorge? Hätte ich doch eine andere Beichtvariante wählen sollen, oder lag es einfach am Alter des Geistlichen? Hat er sich eine Beichtroutine angeeignet, an der er nach all den Jahren nichts mehr ändern will? Vielleicht hat es doch System. War es naiv von mir, zu glauben, dass sich in dieser vergleichsweise kurzen Zeit eine so uralte Tradition revolutionieren oder zumindest ein wenig verändern könnte? Ich finde weder auf diese Fragen eine Antwort, noch stellt sich nach der Absolution ein Gefühl der Erlösung ein. Das kommt erst etwas später – als ich oben in der Kirche eine Kerze für den Priester in der Krypta ­anzünde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 06:51 Uhr

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