Die etwas andere «Zürischnure»

Jacobee alias «Züri Schigolo» alias «Daddy Cool» alias «St. Jakob» ist nicht der beste und nicht der bekannteste Schweizer R&B-Sänger. Dafür aber wohl der schrägste.

Jacobee ein ungewöhnlicher Zürcher «Schigolo». Foto: PD

Jacobee ein ungewöhnlicher Zürcher «Schigolo». Foto: PD

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Wer im Urban Dictionary nach dem Begriff «Jacobee» sucht, findet folgende Erläuterung: to be funny, very handsome, strong, down to earth, a great listener, everyone loves him! Deutsch und deutlich gesagt: Jacobee bedeutet plus/minus «megageile Supersiech»!

So gut das auf Anhieb klingen mag – die Fallhöhe ist bei diesem zeitgeistigen Adelsprädikat so immens wie jene einer Staumauer: Wer sich mit diesem englischen Slang dekoriert oder ihn gar zum Künstlernamen auserwählt, muss entweder ein beängstigend unbeirrbarer Egozentriker sein oder aber mit kerngesunder (Selbst-)Ironie durchs irdische Dasein schlendern.

Obwohl sich für den hier Schreibenden bislang keine Möglichkeit ergab, den Zürcher Sänger Jacobee persönlich zu treffen oder ihn wenigstens mal live on stage zu erleben, tendiert die Vermutung vehement dahin, dass dieser Musikus den absurden Spass der eitlen Selbstdarstellerei vorzieht.

Mit Butler am Konzert

Für diese Einschätzung gibt es natürlich Anhaltspunkte. Einige davon findet man im Internet, wo beispielsweise zu lesen ist, dass Jacobee gern im edlen Morgenmantel auf die Bühne trete. Oder dass er bei den Konzerten einen Butler beschäftigte, welcher Tee serviere, die Damen in den vorderen Reihen mit «scheene Rose» beschenke, und ab und an auch ein verwegenes Gitarrensolo hinlege.

«Kumpels» vom neuen Album «St. Jakob». Video: Nathan Klinkspoor

Würde man solche Intermezzi in den USA durchexerzieren, könnte es allenfalls mit Anzeichen von Grössenwahn zu tun haben – hierzulande jedoch ist das smart inszenierter (weil effekthascherischer) Unterhaltungsslapstick; zum Psychiater muss man deshalb nicht.

Weitere Indizien für (s)ein schräges Kunstverständnis gibt Jacobee natürlich auch via seine Tonträger preis; alle drei bisherigen Studioalben sind mehr oder minder witzig betitelt, sie heissen «Rütmus & Bluus» (2007), «Charisma» (2011) und «Züri Schigolo» (2014). Den wahren «Coup» hat Jacobee jetzt aber mit dem kürzlich erschienenen vierten Tonträger gelandet – dieser heisst nämlich «St. Jakob». Auch wenn damit vermutlich die eigene Heiligsprechung gemeint ist, verbinden geschätzte 75 Prozent der Zürcher – so viel dürften sich in irgendeiner Leidenschaftsform für Fussball interessieren – mit St. Jakob in erster (und letzter) Linie das Heimstadion des ewigen FCZ- und GC-Erzrivalen FC Basel!

Ode an die Kumpels

Ob der «Fauxpas» sportlicher Ignoranz geschuldet ist oder blosser Übermut war, können wir nicht beurteilen. Ist aber letztlich egal, denn der Titel gehört zur Verpackung. Was tatsächlich interessiert, ist der Inhalt, die neue Musik.

«Am vierte Date». Video: Jacobee

Sie tanzt und schwoft mehrheitlich noch immer über Pop-, R&B- und Soul-Floors, und sie macht, auch das kennt man, ab und zu einen Abstecher zum Schlafzimmerfunk. Dass Jacobees Songs schon mit Grössen wie Max Herre und Joy Denalane verglichen wurden, ist bei allem gesanglichen Talent des selbst ernannten «Daddy Cool» allerdings vermessen: Er gehört weder zu den bekanntesten noch zu den besten Funksoulsisters und -brothers des Landes. Dafür ist er sicherlich einer der originellsten.

Was – wie sich auch auf «St. Jakob» zeigt – vor allem mit seiner zwar kecken, aber eben doch auch irgendwie liebenswürdigen «Zürischnure» zu tun hat. Damit zelebriert er eine Ode an seine Kumpels und eine Liebeserklärung an helvetische Süssspeisen, damit säuselt er über den Steigerungslauf zum vierten Date und erklärt, wie man(n) Frühlingstouristinnen anbaggert, und ja, einmal sagt er damit nichts Geringeres als «Ja, ich will!»: Vielleicht ein kleiner Schritt für die Musikgeschichte, aber zweifellos ein grosser für einen Schigolo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2016, 10:05 Uhr

Album

Jacobee: «St. Jakob» (Schigolomusig/Schlafzimmerfunk).

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