Im Pamirgebirge

Früher haben schräge Typen die Welt mit dem Velo erkundet. Heute ist das anders.

Reisen by bike: Immer mehr Touristen entdecken die Welt auf dem Fahrrad.<br /> Foto: Jean-Paul Pelissier / Reuters

Reisen by bike: Immer mehr Touristen entdecken die Welt auf dem Fahrrad.
Foto: Jean-Paul Pelissier / Reuters

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Kürzlich sprachen wir darüber, wie man am schönsten durch die Welt reist. Mit dem Zug, mit dem Auto, mit dem Motorrad? «Mit dem Velo», sagte Max, der russische Fotograf. Im Pamirgebirge, auf der Fernstrasse zwischen Tadschikistan und Kirgi­stan, habe er an zwei Tagen sechzig schwer bepackte Radfahrer gezählt, «die Hälfte war aus der Schweiz», berichtete Max, «dort sind offenbar lange Reisen mit dem Fahrrad beliebt».

«Vielleicht war es eine Reisegruppe?»

«Nein», sagt Max, «sie waren meist zu zweit unterwegs. Pärchen, so zwischen vierzig und sechzig.» Einige der Schweizer seien in Lissabon gestartet und über die südliche Route geradelt, Griechenland, Türkei, Iran, 9381 Kilometer nach Osch in Kirgistan; sie hätten eine halbjährige Auszeit von ihrem Leben genommen. Es war einfach, sich die Velofahrer vorzustellen, hager, braun gebrannt, Sonnenbrille, das Kopftuch umgebunden wie Piraten.

Beim Schnitt von 90 Kilometern pro Tag macht so eine Velotour 104 Tage im Sattel, manchmal fährt die Frau vorne, manchmal der Mann. Manchmal wartet ein Härtetest: Durchfall in Duschanbe, platter Reifen in Taschkent. Kommt man als ein anderer Mensch an?

Neuer Tourismuszweig

Früher waren es meist schräge Typen, die solche Abenteuer auf sich nahmen, sie fuhren quer durch Amerika oder rund um die Welt. Wenn so ein Verrückter durch unsere Stadt kam, stand es in der Zeitung, man sah eine verwitterte Gestalt mit einem Halb­renner, und später hielten sie Dia­vorträge, ich mag mich an den Aushang erinnern, wenn ich als Kind am Volkshaus vorbeiging: «Mit dem Fahrrad von Alaska nach Feuerland.»

Diese Desperados waren Vorläufer eines neuen Tourismuszweigs. Fahrradgeschäfte schiessen aus dem Boden; es ist eine Wissenschaft, wie man den Hintern schont, wie man light packt, sich richtig verpflegt und versichert.

Vielleicht schätzen die Schweizer die schweigsame Art der Fortbewegung in der grossen Natur. Kommt dazu, dass einem nichts geschenkt wird, im Pamirgebirge auf 4000 Metern, die Pumpe muss durchhalten. Vielleicht drückt beim zenmässigen Pedalen unser unterdrücktes Nomadentum durch. Auf dem Zeltplatz in Wollis­hofen hat ein Weltenbummler kürzlich haltgemacht, mit kleinem Personen­wagen, Schweizer Nummer, er kam aus Afghanistan. Auf dem Dach hat er ein Zelt konstruiert. Ein paar Monate wird er arbeiten, bis er genug Geld hat. «Den hält nichts auf», sagte sein Nachbar.

Seit mir Max, der russische Fotograf, von den Radfahrern im Pamir erzählt hat, höre ich Geschichten von Welt­umseglern und von Menschen, die den Planet zu Fuss begehen, immer geradeaus, endlose Distanzen. Ich schaffe es leider nur in den Wald, bei der Autobahn. Wählt man die richtige Zeit, beim Eindunkeln, werden die Tannen geheimnisvoll und still. Irgendwo rauscht der Verkehr, man glaubt es kaum, wie anders es einem zumute wird. Bis man zu einem Trainingsplatz für Hunde kommt, kein Mensch weit und breit, man geht weiter, tiefer in den Wald, einen Fuss vor den anderen.

miklos.gimes@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2014, 20:09 Uhr

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