«Die Zürcher gleichen ihren Velos»

Nino Jäger kam vor 15 Jahren aus Deutschland für eine Saison zum Snowboarden nach Davos. Nun baut der ehemalige Banker individualisierte Stadtfahrräder.

Nino Jäger tüftelt am optimalen Velo für den Stadtverkehr. Foto: Reto Oeschger

Nino Jäger tüftelt am optimalen Velo für den Stadtverkehr. Foto: Reto Oeschger

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Der Kunde kann sich in Ihrem Laden sein eigenes Velo zusammenstellen. Warum bieten Sie das nicht online an?
Die Beratungsleistung ist für mich unerlässlich. Die Sitzposition, die Rahmengrösse und das passende Rad sind sehr wichtig. Eine 90 Kilogramm schwere Person braucht einen anderen Radsatz als eine leichtere Person. Der Kunde würde sich aus ästhetischen Gründen für etwas entscheiden, das aus ergonomischer Sicht falsch wäre, und würde so zum Beispiel zu tief auf dem Velo sitzen.

Was erleben Sie, wenn der Käufer sein Fahrrad abholt?
Ich bin jedes Mal nervös. Der Kunde macht sich sehr viele Gedanken und wählt sorgfältig die verschiedenen Komponenten aus. Trotzdem habe ich eine bessere Vorstellungskraft als der Kunde, da ich bereits viele Velos gebaut habe. So weiss ich zum Beispiel, wie der Abschluss beim Lenkerband sein müsste, damit es schlüssig wirkt. Doch bis jetzt waren alle Kunden begeistert, als sie ihr Velo abholten. Dieses beflügelnde Gefühl begleitet mich den ganzen Tag.

Wie kamen Sie auf die Idee, als Banker in der Schweiz ein Velogeschäft zu eröffnen?
Als ich im Jahr 2000 nach Davos zum Snowboarden fuhr, hatte ich die Absicht, nach einer Saison wieder zurück nach Deutschland zu gehen, um Unternehmensberater zu werden. Doch in Davos lernte ich die Freitag-Brüder kennen, woraus sich eine langjährige Freundschaft sowie Arbeitspartnerschaft entwickelt hat. Die Velomarke Gorilla gehörte seit 2009 zu Freitag. Weil die Marke 2010 Konkurs anmelden musste, sagte ich zu den Freitag-Brüdern, ich kaufe euch Gorilla ab.

Sie sind nicht nur der Inhaber von Gorilla, sondern Sie stehen auch in der Werkstatt und bauen die Velos.
Zu Beginn hatte ich keine Ahnung. Zum Beispiel habe ich nicht gewusst, dass nicht jeder Bremshebel auf jeden Lenker passt. Das musste ich alles lernen. Die Kunden kamen in meinen Laden, und wir haben ein Beratungsgespräch geführt – darin war ich ja gut. Dann ging ich mit dem Rahmen und der Wunschliste zu der Velowerkstatt um die Ecke und habe das Velo dort aufbauen lassen.

So konnten Sie von denen lernen.
Ja, am Anfang. Aber mit der Zeit kamen immer mehr Leute in den Laden, die ein Bremskabel oder defekte Speichen sofort geflickt haben wollten. Ich wollte selber reparieren und zusammenbauen können. Also habe ich sozusagen in meinem eigenen Laden eine dreijährige Ausbildung absolviert. Zudem hatte ich die Vision vom Velo nur für den Stadtverkehr.

Was heisst das?
Wir machen Bahnradgeometrie. Dabei ist das Oberrohr vom Velorahmen kurz, damit der Velofahrer aufrecht sitzt und eine bessere Sicht im Strassenverkehr hat. Im Gegensatz zu der Rennvelogeometrie, bei der das Oberrohr lang ist.

Neben dem neuen kupferfarbenen Damenvelo mit passendem Körbchen steht in Ihrem Laden auch ein altes Colnago-Rennvelo.
Jetzt kommt die Generation, die das alte Rennvelo vom Vater aus dem Keller holt und umbauen möchte. Ich hatte eine Kundin, die ihr altes Sursee-Velo in Einzelteile zerlegte und mit drei Ikea-Säcken vorbeikam. Bei einem alten Velo ist es gut, alles im Originalzustand zu lassen. Alte Bauteile restaurieren, das liebe ich.

Ist das Velo zu einem Statussymbol geworden?
Ja, in Zürich ist das so. In Hamburg zum Beispiel müssten wir keinen Laden aufmachen, da würden wir untergehen. Für die Menschen in Hamburg ist das Fahrrad ein Gebrauchsgegenstand, um von zu Hause zur Arbeit oder ins Café zu fahren. Der Zürcher aber fährt mit seinem Velo am Letten vor und möchte etwas zeigen.

Gleichen die Zürcher ihren Velos – wie die Hunde ihren Herrchen?
Seit ich darauf achte, stelle ich fest, dass dies tatsächlich so ist. Trägt der Käufer ein blaues Shirt und eine blaue Kappe, holt er bei mir sein blaues Velo ab.

www.gorillabicycles.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2015, 15:04 Uhr

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