Braucht es den Filmverleih noch?

Die traditionelle Zürcher Videothek Filmriss schliesst bald ihre Tore. Für die einen sind solche Läden ein kultureller Treffpunkt, für die anderen verstaubtes Brauchtum.

Dass Unerwartetes spannend sein könnte, kommt dem Algorithmus nicht in den Sinn: Ausschnitt der Auslage im Filmriss. Foto: Raisa Durandi

Dass Unerwartetes spannend sein könnte, kommt dem Algorithmus nicht in den Sinn: Ausschnitt der Auslage im Filmriss. Foto: Raisa Durandi

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«Eine Videothek? So richtig? Gibt es das noch?» Solchen und ähnlichen Fragen muss ich mich letzter Zeit stellen, wenn ich erzähle, dass ich mir noch einen Film holen gehe.

Die Zeichen sind deutlich: Das Modell DVD und mit ihm auch der Filmverleih geraten immer mehr in Bedrängnis. Dies zeigen in jüngster Zeit die Schliessungen und Umsatzeinbussen in der Branche. Die Gründe sind leicht verständlich: Bei Netflix ist alles günstiger und bequemer zu haben, und auf zahlreichen Websites gibt es die meisten Filme als Stream. Keine leichte Sache also, das Modell Filmverleih im Jahr 2017 zu verteidigen. Und doch gibt es für mich mehrere Gründe, warum ich 365 Franken für das Jahresabo bei Les Videos bezahle, der bald letzten Videothek der Stadt – also fast doppelt so viel wie bei Netflix (das ich übrigens nebenher auch abonniere).

Beginnen wir mit dem Banalsten: Der Spaziergang vom Kreis 4 zum Les Videos in der Altstadt gehört zu meiner wöchentlichen Routine und hilft mir zudem, mit gutem Gewissen den restlichen Tag vor dem Fernseher zu verbringen. Komische Theorie? Eher eine runde Sache. Doch nun wirds ernst. Schon in der Videothek angekommen, zeigt sich: Hier kümmert sich jemand ums Angebot. Klar gibt es in einem 30'000 Filme umfassenden Sortiment auch schlechte Streifen, aber die Bemühungen des Personals sind stets spürbar.

In einem gut sortierten Laden gibt es Raum für Zufälle.

Kuratorische Bemühungen in diesem Umfang lassen sich bei Netflix, das eine sehr schlechte echte Videothek wäre, dagegen nicht erkennen. Dies führt zum nächsten Punkt: In einem gut sortierten Laden gibt es Raum für Zufälle. Es geschieht also, dass ich mit Filmen oder Serien heimkehre, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Das Gegenteil passiert im Internet. Je mehr Klicks ich abgebe, die in eine Richtung deuten, umso mehr Empfehlungen in genau derselben Richtung erhalte ich daraufhin. Man nennt das «Bubble». Dass Unerwartetes spannend sein könnte, kommt dem Algorithmus nicht in den Sinn.

Nachdem ich also vier der fünf Filme ausgewählt habe – so viele sind aufs Mal im Abo inbegriffen –, schreite ich zur Kasse. Den fünften Film ermittle ich zum Beispiel im Austausch mit einem der Angestellten, dessen Geschmack ich zwar nicht immer teile, der sich aber auskennt, wie kaum jemand sonst in der Stadt. Kann man ähnlich auch online machen, ist aber doofer.

Ich verlasse den Laden also mit einer Auswahl von fünf Filmen. Das ist eine Art asketische Selbstbeschränkung, die dem unendlichen Angebot im Netz entgegensteht, die sich aber auch meistens lohnt. Nun haben wir nur noch die Sache mit der Geschwindigkeit, denn bei gewissen Dingen will man nicht warten, bis die DVD erscheint. Das einzige Gegenargument. Die von mir aufgezählten Faktoren reichen mir jeder für sich aber, das Abo Jahr für Jahr wieder zu erneuern.

Den Punkt, dass man mit der Gratiskultur in letzter Konsequenz jener Industrie schadet, deren Produkte man tagtäglich konsumiert, habe ich bisher noch gar nicht aufgebracht.

Nein

Mit nostalgischen Gefühlen erinnere ich mich an die Regentage meiner Kindheit, als mein Vater uns zu dem kleinen Videogeschäft fuhr und meine Schwester und ich in einem zeremoniellen Akt versuchten, uns von zwölf auf acht und dann auf drei definitiv auszuleihende Filme zu einigen. Unvergessen ist da das Rascheln des Kassettenbands, als sich dieses wieder im Videospieler verhedderte. Oder das Stocken der DVD, weil der letzte Ausleiher mit einem Schmirgelpapier über die Rückseite gefahren sein musste.

Mit Netflix und Co. ist die Zeit vorbei, als wir uns einigen mussten, ob gemeinsam «Hello Kitty – Der Film» oder doch der hippe Indie-Streifen geguckt wird. Der Zugriff zur Video-Streaming-Plattform genügt, und die Welt liegt einem zu Füssen – schön geordnet nach Genres. Ohne Wundlaufen lässt sich der perfekte Streifen aus dem Bett oder vom Sofa liegend finden. Ich tauche ein in die Welt der shakespearesken TV-Shows, die eine neue Art des Erzählens gefunden haben: Geschichten, die überall konsumiert werden können – frei von Zeit- oder Ortsvorschriften. Endlich gibt es auch kein verlegenes Hinter-den-Vorhang-Schleichen mehr, um Filme zu finden, die ein bisschen «mehr» preisgeben wollen.

Mehr zahlen, das muss der DVD-Ausleiher, der in den Windungen des Lebens vergessen hatte, die Datenträger zurückzubringen – oder im VHS-Steinzeitalter die Kassette nicht zurückspulte. Ironischerweise sollen es eben diese Verspätungsgebühren gewesen sein, die Reed Hastings bewogen, den Streaming-Giganten Netflix zu gründen. Ganze 40 Dollar schuldete er für die vergessene Rückgabe des Katastrophenfilms «Apollo – das jüngste Gericht». Dagegen kostet ein Netflix-Monatsabo praktisch nichts – beziehungsweise gleich wenig wie in einem dieser Restaurants zur gelben Möwe ein Big-Mac-Menü.

Immer! – Alles! – Überall! – das ist Videogucken der Zukunft.

Wer einwendet, dass mit dem Untergang der Videotheken das letzte Stück Menschlichkeit verloren geht, hat sie vergessen: die Online-Solidargemeinschaft, meine «Follower-Power»! An allen Ecken und Enden stehen sie bereit, mir zu jeder Unstunde den Weg durch den amerikanischen Blockbuster-Urwald zu weisen. Und wer mit Menschen nix am Hut haben möchte, kann immer noch auf den Algorithmus zählen: Basierend auf bereits Gegucktem, folgt der Filmvorschlag.

Zuletzt müssen wir über den Tod sprechen, denn diese Videotheken sind Schreine der schrecklichen Filme. Hier finden sich die heiligen Gebeine der Schundmovies, die nur ausgeliehen wurden, weil der Di-Caprio-Kassenschlager die siebte Woche in Folge ausgeliehen war. Diese Reliquien seien es, die helfen würden, über den Tellerrand zu gucken, werden Videothek-Liebhaber erwidern. Aber kann wirklich von Horizonterweiterung gesprochen werden, wenn, wie bei einer Wundertüte, 90 Prozent der «Entdeckungen» in den Filmmüll gehörten?

Deshalb, liebe Videotheken-Gänger, begreift, dass ihr zu einer aussterbenden Gattung gehört. Immer! – Alles! – Überall! – das ist nicht lineares Videogucken der Zukunft. Bis demnächst auf eine Nacht «Netflix and Chill».

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Erstellt: 15.03.2017, 09:06 Uhr

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