«Die Professoren haben nichts zu befürchten»

Interview

Bildungsdirektorin Regine Aeppli kritisiert die voreilige Entlassung von Iris Ritzmann. Ein eigener Rücktritt steht für sie nicht zur Debatte.

Hat dem Staatsanwalt auch Telefonlisten und E-Mails aus ihrer Bildungsdirektion liefern müssen: Bildungsdirektorin Regine Aeppli.

Hat dem Staatsanwalt auch Telefonlisten und E-Mails aus ihrer Bildungsdirektion liefern müssen: Bildungsdirektorin Regine Aeppli.

(Bild: Doris Fanconi)

Aufgrund einer Krise an einem Mini-Institut ist der Universität ein beträchtlicher Reputationsschaden entstanden. Einverstanden?
Ja, der Ruf der Universität hat gelitten. Das Vertrauen der Professorenschaft, aber auch der Studierenden ist beeinträchtigt. Das ist etwas vom Gravierendsten, das einer Organisation passieren kann. Die Universitätsleitung setzt alles daran, Gegensteuer zu geben. Der Universitätsrat unterstützt diesen Prozess.

Kann die Unileitung unter Interimsrektor Otfried Jarren offen kommunizieren – etwa, warum Christoph Mörgelis Stellvertreterin Iris Ritzmann entlassen wurde?
Das Problem ist, dass der Arbeitgeber im Arbeitskonflikt an den Datenschutz gebunden ist. Frau Ritzmann als Arbeitnehmerin darf in eigener Sache so viel offenlegen, wie sie will. Das ergibt in der Kommunikation eine Schieflage. Die Universitätsleitung hat vergangene Woche ein Gutachten zu dieser Entlassung in Auftrag gegeben. Daraus ergeben sich möglicherweise neue Erkenntnisse und Fragen.

Wusste der Unirat im Voraus von der Entlassung Ritzmanns?
Der Universitätsrat wurde am Vorabend der Kündigung informiert.

Was war Ihre Reaktion?
Es war eine Information ohne Erklärungen. Die Entlassung der Mitarbeiterin eines Instituts liegt in der abschliessenden Kompetenz der Universitätsleitung.

Was sagen Sie zum Zeitpunkt der Kündigung?
Ich frage mich, ob es richtig und günstig war, vor Abschluss der Strafuntersuchung zu handeln.

Welchen Einfluss hatte der Protest der Professoren auf den Rücktritt von Rektor Andreas Fischer?
Dass er den Rückhalt hat schwinden sehen, war sicherlich ein wichtiger Grund für seine Entscheidung.

Hatte Fischer den Rückhalt nicht schon vorher verloren?
In die Amtszeit von Rektor Fischer fielen mehrere schwierige Personalgeschäfte mit grossem öffentlichen Widerhall. Ein Rücktritt war deswegen nie ein Thema.

Haben Sie versucht, Fischer umzustimmen?
Ich hatte den Eindruck, sein Entscheid sei wohlüberlegt, und respektierte dies.

Müssen Professoren, die aggressiv aufgetreten sind, innerhalb der Uni mit Konsequenzen rechnen?
Nein, sie haben nichts zu befürchten. Sie haben sich gegen Entscheide der Universitätsleitung gewendet und sich für Frau Ritzmann eingesetzt. Das ist mit dem Personalrecht vereinbar. Vertrauensbildende Gespräche von Mitgliedern der Universitätsleitung und Exponenten der Professorenschaft und Studierenden haben schon vor dem Rücktritt Fischers und vor dem Inserat in der NZZ stattgefunden. Wie ich gehört habe, sind es gute Gespräche gewesen.

Hat der Unirat volles Vertrauen in die Unileitung?
Wir hatten am letzten Samstag eine ausserordentliche Sitzung und haben drei Massnahmen beschlossen. Erstens schalten wir uns in die vor einem Jahr aufgegleiste Reform der Führungsorganisation ein, welche bisher allein der Universitätsleitung oblag. Zudem übergeben wir die Prozessführung einer externen Fachperson. Zweitens wollen wir alle offenen Fragen bezüglich Weitergabe von Telefonlisten und E-Mails von Unimitarbeitern geklärt haben. Wir wollen auch wissen, ob die Universität dabei verhältnismässig vorgegangen ist. Und drittens wollen wir das Medizinhistorische Institut (MHIZ) neu positionieren. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, das Vertrauen in die verbleibende Universitätsleitung ist nicht beschädigt. Diese begrüsst die Massnahmen des Universitätsrats.

«In die verbleibende Leitung» – das heisst, dass Fischer das Problem war.
Wir waren erstaunt über den Zeitpunkt der Entlassung von Frau Ritzmann. Aber das heisst nicht, dass wir gegenüber Rektor Fischer misstrauisch waren.

Die drei Massnahmen zeugen aber von Misstrauen. Der Unirat kommt mit der Fitze.
Wir haben gesehen, dass es eine Verstärkung der Führungsreform braucht. Die Frage der Datenweitergabe können wir nicht beurteilen und wollen sie deshalb überprüfen lassen. Der Staatsanwalt hat ja auch Daten aus der Bildungsdirektion verlangt ...

... der ganzen Bildungsdirektion?
Nein, nur vom Hochschulamt. Da haben wir überlegt, ob wir die Daten herausgeben müssen, und uns von einem erfahrenen Strafverteidiger beraten lassen. Dieser bestätigte, dass im Fall einer Nichtherausgabe der Staatsanwalt das Zwangsmassnahmengericht anrufen und dieses die Herausgabe verfügen würde. Da haben wir die Daten herausgegeben.

«Neupositionierung des MHIZ»: Wird das Museum geschlossen?
Das kann ich heute noch nicht sagen. Immerhin steht fest, dass die Sammlung für 1 Million Franken saniert wird.

Ist Mörgeli ein Mobbingopfer?
Nein, das ist er nicht. Ich wurde während der Jahre immer wieder gefragt, warum Titularprofessor Christoph Mörgeli an der Universität bleiben konnte. Sein Vorgesetzter, Professor Beat Rüttimann, gab ihm immer gute Qualifikationen.

Das änderte sich mit dem Wechsel von Rüttimann zu Flurin Condrau.
Ja. Dessen Beurteilung ergab, dass Herr Mörgeli die Leistung nicht erbrachte.

Also wurde Mörgeli durch Rüttimann und – wie im Kantonsrat behauptet wurde – von Christoph Blocher protegiert?
Das ist eine These, die ich nicht bestätigen kann. Möglicherweise fürchtete man sich vor dem Aufruhr, den ein Angriff auf Herrn Mörgeli auslösen würde.

Die SVP hat Ihren Rücktritt verlangt. Gleichzeitig forderte die Partei ein energisches Durchgreifen. Wofür entscheiden Sie sich?
Die SVP hat mich immer wieder zum Rücktritt aufgefordert. Ich bin eher für energisches Vorwärtsmachen als für einen lahmen Rücktritt. (lacht)

Können Sie sich vorstellen, dass Christoph Mörgeli und/oder Iris Ritzmann wieder an der Uni angestellt werden?
Theoretisch ist es möglich, eine Kündigung zurückzunehmen. Doch in der Regel gilt: Gekündigt ist gekündigt. Und wenn der Arbeitgeber dabei Fehler gemacht hat, muss er zahlen. Das entscheiden die Gerichte.

Tages-Anzeiger

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