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Kunstsuperstar in Bern
Sarah Morris friert den Rausch der Grossstadt ein

Medienrundgang zur neuen Ausstellung im ZPK: Sarah Morris. All Systems Fail.  © Adrian Moser / Tamedia AG
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Vieles in Sarah Morris’ Kunst lässt sich vielleicht mit einer Art Fieber erklären, das sie bereits als Kind befiel: das Fieber der Grossstadt. Am Medienrundgang im Zentrum Paul Klee sagt sie es jedenfalls so: Sie erinnere sich noch gut daran, wie sie mit ihren Eltern das erste Mal New York City besucht und gleich gewusst habe, dass diese Stadt ihre Zukunft sein werde. «Die Struktur, das Systematische dahinter, das Spektakel der Choreografie, der Lärm, das Adrenalin, die stetige Bewegung der Metropole, all das hat etwas, das ich berauschend finde.»

Diesen Rausch hat Sarah Morris in den letzten dreissig Jahren zum Thema ihrer Kunst gemacht. Sie hat ihn allerdings eingefroren: in riesigen, makellosen geometrischen Rastergemälden aus glänzenden Lackfarben. Damit ist sie berühmt und zu einer Art Kunstsuperstar geworden.

Das Zentrum Paul Klee (ZPK) zeigt mit der Ausstellung «Sarah Morris – All Systems Fail» nun die bisher umfassendste Retrospektive der Künstlerin. Die Schau ist eine Zusammenarbeit mit den Deichtorhallen Hamburg und den Kunstmuseen Krefeld und Stuttgart.

New York in den 90s

Es ist denn auch eine urbane Welt, in die man im Zentrum Paul Klee eintaucht. Wenn auch eine abstrakte und reduzierte. Es ist eine Welt der bunten, glänzenden Oberflächen zum einen und der freigelegten Strukturen und Linien zum anderen. Der Ausstellungsraum ist hell und weit, clean und cool. Er versprüht etwas Schillerndes, sogar einen Hauch von Glamour, zugleich haftet ihm auch etwas Steriles an, wie den Empfangshallen von internationalen Konzernen.

Mehr als hundert Werke sind im ZPK zu sehen – darunter 56 grossformatige Gemälde, Zeichnungen, Filmposter und 16 Filme, die in zwei extra aufgebauten Kinosälen in Dauerschleife gezeigt werden.

Medienrundgang zur neuen Ausstellung im ZPK: Sarah Morris. All Systems Fail.  © Adrian Moser / Tamedia AG

Sarah Morris ist 1967 in England geboren, wuchs aber mehrheitlich in den USA auf und bezeichnet sich selbst als Amerikanerin. Sie studierte Semiotik und politische Philosophie an der Brown University in Rhode Island und siedelte Ende der 1980er-Jahre nach New York City über, um Künstlerin zu werden. Sowohl als Malerin wie auch als Filmemacherin ist sie Autodidaktin.

Auch wenn die Ausstellung eher zum freien Flanieren einlädt, folgt sie doch einer Chronologie und zeigt auf, dass Sarah Morris von Anfang an auf alltägliche Eindrücke des grossstädtischen Lebens reagierte. Zu Beginn der 1990er-Jahre etwa nahm sie Verkehrs- und Verbotsschilder, Schlagzeilen aus den Medien oder Motive aus der Werbung und verwandelte sie in Zeichnungen und grossformatige Textbilder.

Medienrundgang zur neuen Ausstellung im ZPK: Sarah Morris. All Systems Fail.  © Adrian Moser / Tamedia AG

Schon da leuchtete auf, was dreissig Jahre lang der Glutkern ihres Schaffens bleiben würde: das Einfangen städtischer Texturen. Die Reduktion einer Konstruktion auf ihr Gerüst. Sie will zeigen, wie der Mensch von den Systemen und Dynamiken einer urbanen Welt gesteuert und manipuliert wird. Ob bewusst oder unbewusst.

Die Serie «Midtown»

Berühmt wurde sie dann ziemlich bald mit ihrer Serie «Midtown». Ende der 1990er-Jahre ist Sarah Morris nicht nur die Assistentin des bereits gefeierten Künstlers Jeff Koons, sondern hat auch ein Atelier in der Nähe des Times Square. Damals noch ein Ort, wo zwielichtiges Nachtleben, harter Alltag und protzige Grosskonzerne aufeinandertrafen.

Morris nimmt die Eindrücke der glänzenden Wolkenkratzerfassaden aus der Nachbarschaft, reduziert und dekonstruiert sie zu grafischen Gemälden und bemalt sie mit hochglänzendem Haushaltslack. In den grossformatigen Bildern zeigt sie stets nur die Fragmente eines Gebäudes, die Silhouetten einer Fensterreihe etwa. Angelehnt an die Pop- und Minimal-Art, findet sie mit diesen präzise durchkomponierten, verführerisch farbigen und eleganten Werken ihr Markenzeichen. Da ist sie gerade Anfang dreissig.

Medienrundgang zur neuen Ausstellung im ZPK: Sarah Morris. All Systems Fail.  © Adrian Moser / Tamedia AG

Später wird sie diesen Stil immer wieder variieren. Sei es mit Porträts weiterer Städte wie Miami, Las Vegas oder Los Angeles, sei es mit anderen Motiven wie etwa den olympischen Ringen oder jüngst mit Spinnennetzen.

Im Weissen Haus

Etwa zur gleichen Zeit beginnt Sarah Morris, New York City auch mit der Filmkamera einzufangen. «Midtown» heisst auch ihr erster Film, der an einem einzigen Tag entstand. Die Künstlerin heuerte dafür ein Nachrichtenteam an, um verschiedene Orte in Manhattan zu filmen.

Der Film hat weder einen klaren Anfang noch ein klares Ende. Morris schneidet situative, teilweise völlig alltägliche Situationen scheinbar willkürlich aneinander und unterlegt diese mit einem hypnotischen Ambient-Soundtrack ihres früheren Lebenspartners Liam Gillick. Die Kamera spaziert, sie flaniert, sie taktiert und schafft dabei ein faszinierendes, irgendwie schwebendes, fiebriges Porträt einer Weltstadt am Ende des letzten Jahrtausends.

Ein Land im Ausnahmezustand: Sarah Morris’ Film «Beijing» von 2008 zeigt Peking während der Olympischen Sommerspiele.

Insgesamt hat Sarah Morris bis heute 16 Filme produziert. Der Grossteil davon sind solche experimentellen Stadtporträts – neben New York auch etwa von Chicago oder Rio de Janeiro. Immer überraschen die Filme mit ungewohnten Kameraperspektiven und einem ironischen Sinn für Details, etwa, wenn sie in einem öden Sitzungszimmer eines Weltkonzerns lediglich auf die perlenden Getränke fokussiert, die herumgereicht werden.

Sowieso schaffte sie es nicht selten, mit ihrer Kamera auch in die intimen Räume der Machtzentren dieser Welt vorzudringen: Der Film «Capital» etwa ist ein Porträt Washingtons und zeigt zugleich die letzten Tage der Clinton-Regierung – und zwar bis hinter die Kulissen. Der spielfilmlange «Beijing» wiederum fängt eine Stadt im Ausnahmezustand ein: Peking während der Olympischen Sommerspiele 2008. Er zeigt eine sonst verschlossene Stadt, entblösst durch ein mediales Grossereignis.

Spiegel des Kapitalismus

Der etwas dramatische Titel der Ausstellung «All Systems Fail» könnte auf einen gesellschaftskritischen Antrieb verweisen. Vor allem Sarah Morris’ Gemälde geben jedoch keinen Hinweis darauf. Sie sind vielmehr wie die Spiegelungen in den Wolkenkratzerfassaden: Sie reflektieren die saubere Oberfläche und zugleich wuselige Welt des Kapitalismus – unkommentiert.

Die Ausstellung im ZPK ist denn auch eine nicht sehr aufwühlende, dafür aber eine ästhetische, insgesamt aufregende Erfahrung. Weil Film und Gemälde bei Sarah Morris stets eng miteinander verbunden sind, bietet es sich an, es mit einem Wechselbad zu versuchen und sich abwechselnd den Filmen und dann wieder den Gemälden hinzugeben. Denn in den Filmen sind die Blaupausen der Gemälde oftmals bereits zu sehen.

Das lädt zu einem lustvollen Flanieren ein – vielleicht genau so, wie man sich durch Grossstädte bewegt.

«Sarah Morris – All Systems Fail», Zentrum Paul Klee, Bern, Ausstellung bis 4.8.