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Von rührenden Flüssen

Das Ruhrgebiet ist nach der Ruhr benannt, einem Fluss, der bei Duisburg in den Rhein mündet. Offenbar war die Ruhr vor ihrer Zähmung ein ziemlich wildes Gewässer, ihr Name bedeutete im alten Deutsch «heftige Bewegung, Unruhe». Diese Bedeutung hat nur noch zusammengesetzt überlebt, im Aufruhr. Der Begriffssinn verengte sich über die Jahrhunderte zusehends: Im Mittelalter bezeichnete die Ruhr noch überhaupt eine heftige «Bewegung» im Unterleib, später blieb nur noch «eine Krankheit bey Menschen und Thieren, welche in einem ungewöhnlich heftigen und dünnen Bauchflusse bestehet» (Adelung, 1811).Heute bezeichnet die Ruhr nur noch eine spezifische bakterielle Infektion, die Mediziner nennen sie Shigellose (nach dem Entdecker des Erregers, dem Japaner Kiyoshi Shiga). Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnete das grimmsche Wörterbuch unter Ruhr noch «die bekannte krankheit, eigentlich die schnelle bewegung im leibe». Und weiter: «übertragen auf andere krankheitserscheinungen in brechruhr, harnruhr.» Bei diesen Bedeutungsübertragungen ging es nun nicht mehr in erster Linie um den Aufruhr im Leib, sondern um seine Auswirkung, den starken Durchfall. Zedler schildert die Harn-Variante in seinem «Grossen vollständigen Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste» aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in gewohnt blumiger Sprache so: «Harn-Ruhr/Lat. Diabetes, ist eine recht wunderliche Harn-Kranckheit. (. . .) Zuweilen aber ist des abfliessenden Urins so viel, dass es kaum zu glauben stehet», und er führt den Fall einer Nonne an, die «täglich 40 Mass Urin gelassen hat».Erstaunlich dabei ist für den heutigen Leser nicht allein die Leistung des Harnapparats der bedauernswerten Nonne, sondern auch die Nennung des lateinischen Synonyms.Tatsächlich geht die erste Nennung der Diabetes noch viel weiter zurück, nämlich auf den griechischen Arzt Aretaios (zirka 80–130 n. Chr.), der den Begriff nach griechisch diabeinein, «hindurchlaufen», geprägt hat. Noch ging es bei dem Krankheitsbild ausschliesslich um die grosse Harnmenge, im Englischen hiess die Krankheit früher auch «pissing evil». Aretaios wählte den Namen, «weil die Flüssigkeit nicht im Körper bleibt, sondern den Menschen wie eine Röhre benützt, durch welche sie abfliessen kann». Dieser Vorstellung steht Zedler einigermassen skeptisch gegenüber: «Es ist glaublich, dass weder Emulsiones noch rother Wein ganz unverändert jemahls durch die Harn-Gänge abgeflossen sen, und es wird auch Niemand so treuhertzig seyn, und dergleichen Urin (. . .) trincken.»Tatsächlich, das hat sehr lange niemand probiert, sonst wäre man wohl früher zu einem differenzierteren Verständnis von Diabetes gelangt. Erst dem englischen Arzt Thomas Willis fiel 1674 der honigartige Geschmack des Urins von Diabetikern auf. Im 19. Jahrhundert beginnt man die Ursachen zu verstehen, und der Brockhaus von 1896 macht dann eine klare, noch heute gültige Unterscheidung: «Enthält der entleerte Harn keinerlei fremdartige Bestandteile, so pflegt man die Krankheit als geschmacklose Harnruhr (Diabetes insipidus) zu bezeichnen. Die meisten Fälle von Harnruhr gehören aber der sog. Zuckerruhr oder Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) an.»Es ist eigentlich erstaunlich, dass so lange niemand die Geschmacksprobe gemacht hat – bis ins späte Mittelalter war die «Uroskopie», die Harnschau, eine gängige Diagnosemethode. Noch Jean Paul nennt die Ärzte scherzhaft «Urinpropheten».Roland Fischer>

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