Zum Hauptinhalt springen

Noch einmal mit Gefühl

Verändert sich unser Umgang mit Gefühlen im Laufe der Epochen? Die Fragestellung, die unter Historikern lange als wenig ergiebig galt, erlaubt erstaunliche Schlüsse zum Denken und Handeln auch auf höchster politischer Ebene.

Als Kaiser FriedrichIII. am 15. Juni 1888 nach nur 99 Tagen Regentschaft an Kehlkopfkrebs stirbt, hat eine breite Öffentlichkeit teilgehabt an seinem Leidensweg. Regelmässig sind vom Hof Bulletins zum Krankheitsverlauf veröffentlicht worden. Ein knappes Jahrhundert später, 1985: Mildred Scheel, die Frau des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten und Gründerin der deutschen Krebshilfe, stirbt an Darmkrebs. Erst kurz vor ihrem Tod ist ihre Krankheit publik geworden. Sie selbst hat sich noch zwei Monate zuvor unter falschem Namen operieren lassen, um ihr Leiden nicht publik werden zu lassen.Bei Kaiser Friedrich III. war kein Detail ausgespart geblieben: Ein für die künstliche Beatmung notwendig gewordener Luftröhrenschnitt, der ihm das Sprechen verunmöglichte, sein körperlicher Zerfall, ja selbst seine Leiche wurden im Detail beschrieben. Über das psychische Befinden des Kaisers und seiner Angehörigen hingegen war in den Medien nur zu lesen, dass die Haltung auch im Angesicht des Todes bewahrt wurde. Von der Seelen- zur KörperangstGanz anders das Bild bei Mildred Scheel: Hier waren die Details über die körperlichen Auswirkungen der Krankheit kaum ein Thema. Vielmehr wurde – auch nach ihrem Tod – darüber geschrieben, wie sie, die Vorkämpferin für die Früherkennung von Krebs, sich als selbst Betroffene gefühlt haben musste, oder wie sie es wohl empfand, in einer Krebsstation zu liegen, die sie selbst eröffnet hatte. Auch die Gefühle ihrer Angehörigen waren Gegenstand von spekulativen Erörterungen in der Presse. Krebs als primär körperliches Leiden im ausgehenden 19. Jahrhundert, Krebs als seelischer Leidensweg im späten 20. Jahrhundert, von der «Seelen-Angst» bei Friedrich III. zur «Körper-Angst» bei Mildred Scheel, von einem Tabu zum anderen: Hat sich die öffentliche Wahrnehmung der schweren Erkrankung von Prominenten über die letzten hundert Jahre demnach radikal geändert? Die Historikerin Bettina Hitzer spürt diesem Wechsel nach, noch steckt die Forschung allerdings in den Anfängen. Ob die beiden Fälle auch wirklich repräsentativ sind für ihre Epoche, sei nicht gewiss. «Ich weiss auch nicht, ob es in den hundert Jahren, die zwischen den beiden Fällen liegen, eine lineare Entwicklung gab oder ob sich Phasen der Gefühlsbetonung mit jenen der Körperbetonung abwechselten.» Hitzer versucht im Rahmen ihres Forschungsprojekts «Körper-Angst» herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung von Krankheit und Tod in den vergangenen zwei Jahrhunderten gewandelt hat. Das Projekt ist Teil des Forschungsbereichs «Geschichte der Gefühle» am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Ein zehnköpfiges Team unter der Leitung der Institutsdirektorin Ute Frevert widmet sich seit einem knappen Jahr diesem bislang kaum beackerten historischen Themenfeld. «Haben Gefühle eine Geschichte? Und machen Gefühle Geschichte? Das interessiert uns», sagt die Leiterin der Gruppe, die sich aus neun Frauen und nur einem Mann zusammensetzt.Die Fragestellung erlaubt erstaunliche Schlussfolgerungen zum Denken, Handeln – und Fühlen, auch auf höchster diplomatischer Ebene. Frevert illustriert dies am Beispiel der Julikrise 1914. Nach dem Attentat vom 29. Juni auf das österreichische Thronfolgerpaar kam ein reger Austausch diplomatischer Korrespondenz zwischen den Kabinetten der europäischen Mächte in Gang. Es gibt eine Reihe von Begriffen, die sich wie ein roter Faden durch diese Dokumente ziehen. Sie könnten aus einem «Lexikon der Ehre» stammen: Herausforderung, Beleidigung, Demütigung, Genugtuung, Satisfaktion, Schande, Ehre, Ehrenwort, ehrenhalber, ehrenvoll, ehrlos. Duellanten und DiplomatenEs ist eine Sprache, die alle Beteiligten verstehen und die allen gemein ist, eine Sprache, die ihre Wurzeln im bürgerlichen 19. Jahrhundert hat. Frappant ist: Dieselben Worte, die die Diplomatie am Vorabend des Ersten Weltkrieges prägten, finden sich auch in Ratgebern, in denen die Verhaltensregeln für die Abwicklung eines Duells erläutert wurden. Und die Staatsmänner des Jahres 1914, aufgewachsen und erzogen in einer Vorstellungswelt, in der der Ehrbegriff eine zentrale Rolle im privaten wie im öffentlichen und politischen Leben spielte, handelten danach – auf allen Seiten. «Aussenpolitik ging für sie nicht im Interesse an territorialer Machterhaltung oder Machterweiterung auf», schreibt Frevert in einem Aufsatz. «Aussenpolitik vollzog sich in einer Wertsphäre, die von allen Beteiligten geteilt wurde. Ehre stand dabei im Mittelpunkt.»Die historische Gefühlsforschung beschränkte sich lange weitgehend auf die Ebene der Individuen und ihrer sozialen Beziehungen, etwa in den 1970er-Jahren, als «Psychohistoriker» eine Debatte über Eltern-Kind-Beziehungen in der Vergangenheit führten. Erst in den 1980er-Jahren beschrieb der Historiker und Psychoanalytiker Peter Gay in seinem fünfbändigen Monumentalwerk «The Bourgeois Experience» das 19. Jahrhundert als Geschichte der Triebe und ihrer Ausdrucksformen. Daran knüpft Frevert an. Denn: «Geschichte lässt sich nicht auf anonyme Strukturen und Prozesse reduzieren». Geschichte, das seien auch die Akteure, ihre soziale und kulturelle Motivation und deren symbolische Ausdrucksform. Aus diesen Gefühlen entstünden Weltsichten und Weltbilder. Und: «Diese Gefühle werden kulturell geformt und sozial erlernt. Sie unterliegen gesellschaftlichen Normen. Damit können auch Gefühle sich im Laufe der Zeit wandeln.»Gerade die historische Erforschung von Gefühlen könne helfen, das Gespräch zwischen Fachhistorikern und Öffentlichkeit lebendig zu erhalten. Das zeige die 1997 geführte Kontroverse um den Historiker Daniel Goldhagen und sein Buch «Hitlers willige Vollstrecker». Nicht die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen «ganz gewöhnliche Männer» zu bestialischen Mördern wurden, interessierten ein breites Publikum, sondern deren persönliche Beweggründe und Empfindungen. «Feld nicht dem Film überlassen»Diese «Geschichte des Grauens zum Anfassen», wie Frevert Goldhagens Studie nennt, entfachte eine breite Debatte, das Buch wurde zum Bestseller. Die Fachwelt wies Goldhagens These von einem kollektiven, historisch gewachsenen deutschen Antisemitismus praktisch einhellig zurück, fand damit aber kaum Beachtung. Dieser «Gefühlsvoyeurismus», so Frevert, sei ernst zu nehmen. «Wenn wir dieses Feld nicht ganz dem Film oder der Trivialliteratur überlassen wollen, müssen wir uns nicht nur mit den Rahmenbedingungen nationalsozialistischer Vernichtungspolitik, sondern auch mit Aussagen über menschliche Motive und Gefühle beschäftigen.» >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch