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Die Tücke der Tomoffel

Wie schafft man den Hunger aus der Welt? Ganz einfach: Man kauft Aktien, und zwar solche von Hans W. Kopp. So jedenfalls standen die Dinge vor dreissig Jahren: 1979 hatte der Staranwalt, Skandalanwalt und Ex-Anwalt, der auch Gatte der ersten Bundesrätin war, bevor sie Ex-Bundesrätin wurde und er sich selber zur «eidg. dipl. Unperson» erklärte – 1979 also hatte der kürzlich gestorbene Hans W. Kopp die Trans K-B gegründet, die erste Risikokapitalgesellschaft der Schweiz. Sie verkaufte Investitionen in Zukunftstechnologien, in die Biotechfirma IPRI zum Beispiel. Und die hatte, hiess es, die «Tomoffel» gezüchtet: aus Tomate und Kartoffel.«IPRI dürfte in Zukunft einen aktiven Beitrag zur Lösung der Ernährungsprobleme der Weltbevölkerung leisten.» So stand es in einem Prospekt der Trans K-B, und tatsächlich hatte das Ehepaar Kopp die Wunderpflanze in Kalifornien besichtigt: Sie gedieh sogar mit Meerwasser. Auch Elisabeth Kopp verbreitete Begeisterung, als sie heimkehrte. Und noch bevor ein Streich gegen den Hunger getan war, schossen die Aktien der Trans K-B in den Himmel.Dass es mit der Tomoffel nichts werden würde, hätte man wohl wissen können. Nicht IPRI hatte sie erfunden, sondern ein deutscher Biologe namens Georg Melchers, 1978 in Tübingen, und es war ihm nicht um den Welthunger gegangen, sondern um die damals neue Technik der Protoplastenfusion: um die Verschmelzung von Pflanzenzellen, deren Zellwände zuvor mit Enzymen aufgelöst werden. Eine Methode, die es möglich macht, mit wenig Zellmaterial ganze Pflanzen aufzuziehen und dabei auch Arten zu kreuzen. Ein neues Gemüse schuf Melchers nicht – oben wachsen Tomaten, unten Kartoffeln. Damit ist auch gesagt, wie die Tomoffel schmeckt: je nachdem.Ein Doppelpackgemüse – das wäre immerhin praktisch, doch die Tomoffel ist steril: Sie kann sich nicht durch Samen fortpflanzen. Zudem mögen es Tomaten trocken und warm, Kartoffeln aber feucht und kalt. «Für die Landwirtschaft hatte sie nie einen Wert», sagt heute Arnold Schori von der Forschungsanstalt Agroscope in Changins VD. «Sie ist ein Kuriosum, mehr nicht.» Immerhin eines, mit dem sich sogar Hobbygärtner vergnügen können: Man kann sie auch herstellen, indem man eine Tomaten- auf eine Kartoffelstaude pfropft. Warnungen vor dem Geschäftsgebaren der Trans K-B gab es schon früher. Doch der geplatzte Traum mit der Tomoffel war es, der dem Unternehmen, vor allem aber den Anlegern zum Verhängnis wurde: 150 Millionen Franken wurden vernichtet, als die Aktie abstürzte und die Trans K-B pleiteging. Das war 1982; neun Jahre später bekam Hans W. Kopp als Verwaltungsratspräsident ein Jahr Gefängnis bedingt wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Die Moral zu der Geschichte hat Kopp selber formuliert, in einem seiner Bände mit selbst geschriebenen Aphorismen: «Die ganz grossen Dummheiten», heisst es da, «werden am erfolgreichsten kollektiv begangen.» Tatsächlich ist die Idee nach wie vor verbreitet, das Welternährungsproblem sei keine Frage gerechterer Teilhabe an Boden und Wasser und Handel, sondern mit einem Geniestreich aus dem Labor zu lösen. Heute ist es die Gentechindustrie, die mit dem Irrtum hausieren geht, dem Hunger sei ihr Kraut gewachsen. Daniel Di Falco>

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