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Die ersten Chirurgen

Vor 12 000 Jahren haben Menschen begonnen, am Schädel zu operieren. Was

Wer heute als Folge eines Unfalls einen grossen Bluterguss im Schädelinnern hat, wird in der Regel am Kopf operiert. Ebenso jemand, in dessen Hirnflüssigkeit sich ein hoher Druck aufbaut und der daher unter Kopfschmerzen, Schwindel oder gar Bewusstseinsstörungen leidet. Mit einem Bohrer öffnen Neurochirurgen in solchen Fällen die Schädeldecke. Angestautes Blut oder Hirnflüssigkeit kann so abfliessen – für den Patienten ist dies eine Linderung. Nicht zuletzt dank einer wirksamen Narkose und modernster Intensivmedizin ist dies heute ein chirurgischer Routineeingriff.Doch bereits vor 12000 Jahren haben unsere Vorfahren am Hirn operiert. Darauf weisen archäologische Schädelfunde aus Nordafrika und der heutigen Ukraine hin. Mit Feuersteinklingen schabten die Urzeitchirurgen ein Loch in den Schädelknochen, Millimeter für Millimeter. Sie waren dabei erfolgreich, und die Patienten haben die Operation überlebt – Verheilungsspuren an den Schädeln zeugen davon.Neu untersucht«Diese Operationen waren schwierig, risikoreich und haben wohl ein bis zwei Stunden gedauert», sagt Gerhard Hotz, Anthropologe am Naturhistorischen Museum Basel. Gemeinsam mit seiner Kollegin Liselotte Meyer hat er in den vergangenen fünf Jahren urzeitliche Schädel mit Hinweisen auf eine Trepanation untersucht – so der Fachausdruck für die Schädelöffnungen. Mit modernen Untersuchungsmethoden haben die beiden über 30 in der Schweiz gefundene Schädel neu beurteilt und katalogisiert.Darüber, ob in der Steinzeit schon für derartige Operationen Narkosemittel verwendet worden sind, können die Forscher nur Vermutungen anstellen (s. Kasten). Ohne Narkose war eine solche Operation jedoch äusserst schmerzhaft: «Um den Schädelknochen freizulegen, musste die bis zu fünf Millimeter dicke Kopfschwarte durchtrennt werden. Das tut höllisch weh und blutet stark», sagt Hotz. Detaillierte Schilderungen von Trepanationen ohne Hightech-Medizin haben die Wissenschaftler vom ostafrikanischen Volk der Kisii. Bis in die 1980er-Jahre operierte man dort ohne Narkose und mit einfachsten Werkzeugen.Wie sind unsere Vorfahren in der Steinzeit dazu gekommen, solche riskanten Eingriffe vorzunehmen? Hotz geht davon aus, dass Erfolgserlebnisse in der Verwundetenpflege Impulse dazu gaben: «Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen dürfte es zu Verletzungen des Schädels gekommen sein.» Verletzte habe man möglicherweise gepflegt, ihre Wunden gereinigt und bei Schädelbrüchen die Knochensplitter entfernt.Gleiche Gründe wie heuteSchnell dürften die Menschen damals gemerkt haben, dass sie mit der Verwundetenpflege Erfolg haben: Die Verletzten überlebten. Von den Erfolgserlebnissen getrieben, dürften sie auch begonnen haben, Menschen mit anderen Beschwerden am Schädel zu operieren – beispielsweise bei inneren Blutungen nach einem schweren Sturz, also demselben Umstand, bei dem heute trepaniert wird.Allerdings weist der Grossteil – rund zwei Drittel – der gefundenen trepanierten Schädel keine Zeichen eines Schlags auf den Kopf oder gar eines Schädelbruchs auf. Dies gilt auch für den ältesten trepanierten Schädel der Schweiz. Er ist 6000 Jahre alt und wurde in Corseaux am Genfersee gefunden.Religiös-magische RitualeDie Wissenschaftler vermuten, dass es in der Steinzeit noch andere Gründe gab, einen Schädel zu öffnen. «Möglicherweise wurde auch als Therapie bei starken Kopf- oder Zahnschmerzen am Schädel trepaniert», sagt Hotz. Der prähistorische Mensch könnte als Ursache von Kopfschmerzen entweder einen bösen Geist oder ein schlechtes oder faulendes Gewebestück vermutet haben, das den Eingriff rechtfertigte. Ebenso ziehen die Wissenschaftler die Trepanation als Therapie gegen Epilepsie in Betracht oder als rein religiös-magisch motiviertes Ritual ohne medizinische Hintergründe. Die genauen Beweggründe werden möglicherweise für immer verborgen bleiben. Doch trepanierte Schädel gehören zu den frühesten Indizien in der Geschichtsschreibung der Chirurgie und zeugen von einem bedeutenden kulturellen Fortschritt der Menschheitsgeschichte.Die Ausstellung «Schädeloperationen der Urgeschichte» ist bis am 26. April im Museum für Urgeschichte(n) in Zug zu sehen.>

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