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Der Ritter der Kokosnuss

Es ist mehr als eine Legende, dass Kokosnüsse gefährlicher sind als Haie. Zahlen gibt es, und zwar von einer englischen Reiseversicherung: Jährlich sterben 10 Menschen durch angreifende Haie, 150 durch fallende Kokosnüsse. Bis zu vier Kilo wiegt so eine Nuss, die keine Nuss ist, sondern die Steinfrucht von Cocos nucifera. Und wenn sie von der Palme fällt, kann sie mit 80 Stundenkilometern auf den Touristen treffen, der im Liegestuhl das Südseeparadies geniesst. Ärzte berichten von schweren Verletzungen an Kopf und Rücken und von bleibenden Hirnschäden.Noch gefährlicher sind Kokosnüsse freilich für jene, die sie zu ihrer einzigen Nahrung machen. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: Kokovorismus, wobei der berühmteste der Kokovoristen August Engelhardt war, ein Apotheker aus Nürnberg, der seinen Fuss am 2. Oktober 1902 auf Kabakon setzte, eine Insel, die heute zu Papua-Neuguinea gehört, damals aber noch Kolonialgebiet des deutschen Kaisers war.Engelhardt kam mit einer Mission: Er wollte werden wie Gott. Dazu hatte er 75 Hektaren des Eilands gekauft und legte eine Kokosplantage an, während auf den übrigen 50 Hektaren die Eingeborenen in einem Reservat lebten. Der Weisse aus Europa glaubte an die Sonne als Urquell des Lebens, darum lehnte er das Tragen von Kleidern genauso ab wie Sonnenhüte, und darum nannte er die Kokosnuss den «Stein der Weisen»: Von allen Früchten wachse sie der Sonne am nächsten; sie sei die natürlichste Nahrung und der Keim, aus dem eine neue Menschheit wachse. «Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott», schrieb Engelhardt in einem Werbeprospekt. Tatsächlich kam bald der erste Jünger an und trat seinem «Sonnenorden» bei. Weitere folgten, 1904 auch Max Lützow, einer der berühmtesten Kapellmeister seiner Zeit – Zivilisationsflüchtlinge, die ein neues, gesünderes Leben suchten. «Unsere Zustände sind viel zu künstlich und kompliziert.» Das hatte schon Goethe 1828 geschrieben und sich gewünscht, «auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack zu geniessen».Ein Paradies? Mit ihrer Plantage war die nudistische Sekte ein Teil der Kolonialwirtschaft: «Wir beaufsichtigen die schwarzen Arbeiter und verrichten sonstige geistige Arbeit», berichtete Lützow begeistert der «Vegetarischen Warte», einer Zeitschrift in Leipzig. Allerdings wurde es für die Europäer bald ungemütlich in ihrem Paradies: Der erste Jünger war schon nach sechs Wochen gestorben – an einem Hitzschlag, an Erschöpfung, an Mangelerscheinungen wegen der Einheitsnahrung oder an einer Tropenkrankheit, man weiss es nicht. Weitere Krankheits- und Todesfälle folgten. Wer konnte, verliess die Insel. Engelhardt wog noch 39 Kilo (bei 1,66 Metern Körpergrösse), als er in der Hauptstadt der Kolonie ins Spital eingeliefert wurde. Er hatte Krätze und Geschwüre am ganzen Körper und konnte nicht mehr gehen. Mit Fleischbrühe brachte man den Vegetarier wieder auf die Beine.Der Rest der Geschichte ist Geschichte: Der Guru kehrte zurück auf seine Insel und erlebte, wie die Australier die Kolonie 1914 eroberten. 1919 starb er, und unsterblich wurde er nur insofern, als man ihn heute im «Lonely Planet» über Neu-Guinea findet: der Ritter der Kokosnuss als Hippie der allerersten Stunde.Daniel Di Falco >

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