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«Wir sind keine Händler»

Bei den Banken sei die Situation alarmierender als bei den Versicherungen, sagte James Schiro, Chef der Zurich, gestern in Bern. Doch der Vertrauensverlust ins Finanzsystem betreffe auch die Versicherer.

«2008 war für uns alle ein brutales Jahr», das Ausmass des durch die Krise zerstörten Wohlstandes sei schier unvorstellbar. Dies sagte James Schiro, Chef der Zurich Financial Services, gestern an einem Vortrag im Berner Kursaal. Wie die Jahre 1914 und 1929 werde auch das Jahr 2008 einen Wendepunkt markieren – ein Jahr, in welchem die sinkenden Immobilienpreise in den USA einen globalen Abschwung eingeleitet hätten.Der US-Amerikaner Schiro wurde an den Anlass der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern eingeladen, um über «Kundenbeziehungen im Lichte der Finanzkrise» zu sprechen. Die Versicherungsbranche und auch die Zurich spürten heute die Auswirkungen der Finanzkrise, sagte Schiro. Dies jedoch mehr über die angespannte Situation beim Anlageportfolio als bei den Kundenbeziehungen. Man schätze, dass die globale Versicherungs- und Rückversicherungsbranche in diesem Jahr rund 20 Prozent ihres Kapitals verliere. «Obschon dies schmerzlich sein mag: Die Eigenmittelquoten europäischer Versicherer werden auf dem Stand von 2003 zu liegen kommen.» Dort hätten sich diese damals nach schweren und weitläufigen Rechtsstreiten befunden.Unterschied zu den BankenIm Bankensektor sei die heutige Situation jedoch alarmierender, was Schiro auf die grundsätzlichen Unterschiede im Geschäftsmodell von Versicherungen und Banken zurückführt. Deshalb fordere die Versicherungsbranche auch unterschiedliche Regulierungsgrundsätze: Gehe eine Bank Konkurs, könne dies zu einer allgemeinen Vertrauenskrise führen, das Bankensystem zu Fall bringen und somit ganze Volkswirtschaften schwächen.Versicherungen müsse man hingegen nicht primär von einer gegenseitigen Ansteckung schützen, denn diese sei «minimal». Denn für den Fall, dass eine Versicherung scheitere, gebe es gut etablierte Massnahmen zum Schutz der Kunden.AIG ein SpezialfallUm möglichen Einwänden zuvorzukommen, sprach Schiro den US-amerikanischen Versicherungskonzern AIG an, der vom Staat gerettet werden musste: Bei AIG sei eine Geschäftseinheit betroffen gewesen, die zwar Teil eines Versicherungskonzerns gewesen sei, jedoch wie eine Bank operierte. «Die Einheit hatte ihren Sitz in Europa und wurde vom Regulator in Washington beaufsichtigt. Dies ist nur ein Beispiel, um die Komplexität in unserer globalen Finanzindustrie zu veranschaulichen.» Schiro nannte drei Grundsätze, die Versicherer heute befolgen sollten. Erstens: keinen Schaden anrichten. Gegenwärtige Rettungsprogramme von Regierungen müssten primär für relevante Institutionen verwendet werden und dürften den Markt nicht verzerren. Staatshilfe soll zeitlich befristet und anderweitig begrenzt werden. «Unternehmen, die Staatshilfe erhalten, dürfen daraus keinen Marktvorteil erhalten.» Zweitens: Anreize schaffen für ein solides Risiko- und Kapitalmanagement. Drittens: bessere Konsistenz der Regulierungsmodelle und Rechnungslegungsstandards. Für die USA bedeute dies, dass der «Flickenteppich» bundesstaatlicher Einzelregelungen ersetzt werden müsse.Heute sei das Vertrauen in das gesamte Finanzsystem unterhöhlt. Die Branche solle es wiederherstellen, indem sie zu den Grundsätzen eines soliden Risikomanagements zurückkehre. «Wenn auch die Aufmerksamkeit bisher vor allem dem Bankensektor galt, so haben die Versicherer eine wichtige Aufgabe bei der Bewältigung der Folgen dieser Krise: Das Risikomanagement ist unsere Domäne», so Schiro. «Wir sind keine Händler oder Investmentbanken, die eine andere Funktion in der Gesellschaft haben. Wir erhalten eine Versicherungs-prämie und geben ein Verspre-chen.» Die Versicherer müssten verstehen, dass die primär mit dem Versicherungs- und nicht mit dem Anlagegeschäft Geld verdienen müssen, sagte Schiro.Wer liegt nackt im Pool?Sein Unternehmen, sagte der Zurich-Chef, könne ausreichende Liquidität und eine der stärksten Eigenmittelquoten in Europa vorweisen. Dies attestiert dem Zurich-Konzern auch ein Analystenbericht der Zürcher Kantonalbank vom November: Die «branchenweiten grossen Verlustbefürchtungen bei der Vermögensanlage» hätten sich nicht bewahrheitet, schreibt die Bank.Generell sei die Versicherungsbranche gesund, sagte Schiro gestern, aber es gebe auch Ausnahmen. Spekulieren wollte er nicht, sondern zitierte lediglich ein englisches Sprichwort: «Wenn man den Pool leert, sieht man, wer nackt ist.»>

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