Zum Hauptinhalt springen

Wenn die Schweiz nicht mehr lockt

Die ersten Spuren der Rezession werden nun auch in den Ausländerstatistiken sichtbar. Die Einwanderung ist seit vergangenem Herbst deutlich rückläufig. Dennoch ist die Arbeitslosigkeit der Ausländer zuletzt überdurchschnittlich gestiegen.

Es war eine der grossen Unbekannten im Schweizer Arbeitsmarkt: Wie würden die Ausländer auf den nächsten Konjunkturabschwung reagieren – den ersten Abschwung im Rahmen der Personenfreizügigkeit Schweiz - EU? Der Abschwung ist nun da – und dazu ist er heftig. Fachleute betonen: In der Regel dauert es eine Weile, bis sich Konjunkturschwankungen auf die Wanderungsströme auswirken. Weil grenzüberschreitende Informationen im Internet-Zeitalter schneller fliessen als in früheren Jahrzehnten, ist die Reaktionszeit gesunken – doch einige Monate oder eher Quartale dürfte es laut Experten immer noch dauern, bis Konjunkturschwankungen in den Wanderungsstatistiken deutlich sichtbar sind. Der Schweizer Konjunkturabschwung ist nun schon einige Quartale alt: Er hat im Herbst 2008 richtig begonnen und sich seither stetig verstärkt. Erste Folgen auf die Immigration sind sichtbar geworden. «Die Zuwanderung ist deutlich zurückgegangen», sagt Thomas Daum, Direktor im Arbeitgeberverband. Noch unklar sei dagegen, ob auch eine deutliche Zunahme der Rückwanderung von Ausländern in ihre Heimatstaaten stattfinde. Gewisse Branchen mit besonders vielen Ausländern wie etwa der Bausektor seien zurzeit noch nicht sehr stark von der Krise betroffen, sagt Daniel Lampart, Ökonom im Gewerkschaftsbund: Deshalb sei es noch etwas früh für ein Urteil. Auch Lampart rechnet aber mit einem deutlichen Rückgang der Einwanderung. Bei den Grenzgängern sind laut dem Gewerkschafter schon jetzt Meldungen über einen rückläufigen Trend zu vernehmen.Deutlich weniger BewilligungenAuch in den Statistiken werden die ersten Spuren sichtbar. Im November und Dezember 2008 sind laut den Daten des Bundesamtes für Migration (BFM) total noch rund 20000 Ausländer eingewandert – etwa ein Drittel weniger als in den zwei Monaten zuvor und 20Prozent weniger als in der Vergleichsperiode des Vorjahres. Eine deutliche Zunahme der Rückwanderung ist bis Ende 2008 dagegen noch nicht feststellbar. Die ersten Wanderungsdaten für den Beginn von 2009 werden erst im Mai vorliegen. Einen Frühindikator liefern jedoch die Statistiken für Aufenthaltsbewilligungen von EU-Bürgern. Die Schweiz hat gemäss BFM-Daten vom Januar bis zum März dieses Jahres total noch 14300 Daueraufenthaltsbewilligungen für Personen aus 21 EU- und Efta-Staaten erteilt – 40 Prozent weniger als in der Vorjahresperiode. Auch die Bewilligungen für Kurzaufenthalter sind zurückgegangen – wenn auch «nur» um knapp 10Prozent.Die Interpretation der Daten ist durch statistische Sonderfaktoren (Abschaffung der Kontingentierung per Juni 2007) erschwert. Laut Behördenvertretern ist aber der grösste Teil des Rückgangs von Bewilligungen für Daueraufenthalter auf die Konjunktur zurückzuführen.Ein weiterer Frühindikator sind die Daten zu den meldepflichtigen Kurzaufenthaltern aus allen Ländern. Auch dieser Indikator zeigt für die ersten Monate dieses Jahres im Vergleich zur Vorjahresperiode einen deutlichen Rückgang an.Eine Reduktion der Einwanderung bedeutet noch nicht zwingend einen sinkenden Ausländerbestand. Viel hängt vom Ausmass der Rückwanderung ab. Der Effekt der Rezession auf die Rückwanderung lässt sich noch nicht klar beurteilen. Die Theorie und die Erfahrungen sagen: Manche Ausländer, die ihre Stellen verloren haben, werden in ihr Heimatland zurückgehen. Die wirtschaftlichen Aussichten sind ausserhalb der Schweiz zwar auch nicht besser, doch manche dürften sich sagen: wenn schon arbeitslos, dann lieber in der Heimat. Für EU-Ausländer sollte die Personenfreizügigkeit zudem eine Rückkehr in die Heimat erleichtern: Sie wissen, dass sie bei einem Wiederaufschwung jederzeit wieder kommen können. Gegen eine rasche Rückwanderung spricht, dass Arbeitslose mit mindestens 12 Monaten Erwerbstätigkeit in der Schweiz Anspruch auf die im internationalen Vergleich hohen Schweizer Arbeitslosengelder haben.Überdurchschnittlich betroffenDer Konjunkturabschwung hat die Ausländer jedenfalls überdurchschnittlich stark getroffen. Von September 2008 bis März 2009 ist die Arbeitslosenquote der Schweizer von 1,8 auf 2,4 Prozent gestiegen, jene der Ausländer dagegen von 4,9 auf 6,9 Prozent. Anders betrachtet: Der Ausländeranteil unter den Arbeitslosen stieg seit dem vergangenen September von 42,6auf 45,5 Prozent.Dies liegt weniger an der Nationalität als an den Qualifikationen: Im Durchschnitt erreichen die hier tätigen Ausländer nicht den Ausbildungsstand der Schweizer. Hier nur ein Vergleichswert dazu: Rund 13Prozent der Schweizer Erwerbstätigen haben keinen Lehr- oder Studienabschluss, gegen 31 Prozent der Ausländer. 3,6 Prozent der DeutschenAuch aus Deutschland, das in den letzten Jahren die grössten Zuwanderungsströme in die Schweiz lieferte, sind nicht nur Hochqualifizierte gekommen. Dies widerspiegelt sich nun auch in der Arbeitslosenquote. Von 2006 bis 2008 lag die Arbeitslosenquote der Deutschen nur 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte über jener der Schweizer. Zuletzt ist diese Quote für die Deutschen jedoch stärker gestiegen: Ende März 2009 waren 3,6 Prozent der Deutschen als arbeitslos gemeldet, gegenüber 2,4 Prozent der Schweizer. Noch deutlich höher sind die Arbeitslosenquoten für Einwanderer aus dem südlichen und östlichen Europa: Bei den Portugiesen zum Beispiel liegt die Quote zurzeit bei rund 7 Prozent, bei den Einwanderern aus dem Gebiet von Ex-Jugoslawien bei über 8 Prozent. Die wichtigste Erklärung ist auch hier der im Vergleich zu den Schweizern unterdurchschnittliche Bildungsgrad. Branchen wie der Bau, das Gastgewerbe, die Landwirtschaft oder das Reinigungsgewerbe haben traditionell Mühe, Schweizer zu beschäftigen, und suchen daher willige und billige Ausländer – welche dann oft ohne Lehrabschluss in die Schweiz kommen und damit den Schwankungen der Konjunktur besonders stark ausgesetzt sind. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch