Zum Hauptinhalt springen

Sogar Cheflöhne spüren die Schwerkraft

Die Wirtschaftskrise hat die Cheflöhne in den USA bisher kaum gedrückt, in der Schweiz dagegen schon. Dies zeigt eine Erhebung der Beratungsfirma Towers Perrin.

Der Boom ist den Chefs zu verdanken, die Krise dagegen den «Umständen». So erscheint das Wirtschaftsleben, wenn man die Rhetorik aus den Chefetagen grosser Konzerne über die letzten Jahre zum Nennwert nimmt. Solche Rhetorik ist vielleicht nur menschlich. Gravierender wird die Sache, wenn die Chefs damit auch durchkommen – nach dem bewährten Motto des Münzwurfs: «Kopf – ich gewinne. Zahl – du verlierst.»Etwa so scheint die Sache im Manager-Mekka USA zu verlaufen. Seit den 1980er-Jahren sind dort die Spitzenlöhne in den Grosskonzernen explodiert: Sie haben sich im Schnitt etwa verzehnfacht. Das Krisenjahr 2008 sah zwar einen Gewinneinbruch bei vielen Firmen, doch bis zu den Cheflöhnen ist dies noch kaum durchgedrungen. Laut einer Erhebung der Salärberatungsfirma Towers Perrin (TP) haben die Chefs von 30 der grössten börsenkotierten US-Konzerne 2008 im Schnitt mit umgerechnet gut 20Millionen Franken nur 2Prozent weniger kassiert als im Boomjahr 2007. Die Boni seien zwar geschrumpft, doch die Firmen hätten dies durch die Vergrösserung von Aktien- oder Optionspaketen kompensiert, sagte Towers-Perrin-Berater Michael Kramarsch gestern vor der Presse in Zürich.Minus 29 ProzentIn der Schweiz sieht das Bild gemäss Kramarsch etwas gesitteter aus. Die Cheflöhne (inkl. Boni, aber ohne Pensionskassenbeiträge und Nebenleistungen) bei den 30 grössten börsenkotierten Firmen sind laut der TP-Erhebung gegenüber dem Vorjahr im Schnitt um 29 Prozent auf 5,3 Millionen Franken gesunken. Das Minus vergleicht sich mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang pro Aktie von rund 40 Prozent.Der Rückgang der Schweizer Cheflöhne liegt prozentual etwa im westeuropäischen Rahmen. Darauf deuten die durchschnittlichen Werte für Deutschland (–17Prozent) und den ganzen Euro-Raum (-–24 Prozent).Hinter den Durchschnittswerten stecken grosse Unterschiede: Einige Grosskonzerne in der Schweiz haben 2008 ihre Gewinne (und die Cheflöhne) sogar noch gesteigert, bei anderen gab es massivere Einbrüche bei den Gewinnen und den Löhnen.Zieht man die Lohnsumme für die ganze Konzernleitung heran, ist der Rückgang in der Schweiz mit 14Prozent weniger ausgeprägt, aber immer noch deutlich. Die Vergleichbarkeit zum Vorjahr ist allerdings erschwert, weil sich die Lohnsummen nicht immer auf die gleiche Zahl von Köpfen verteilen.Auf alle Fälle erscheint das erste Fazit halbwegs beruhigend: Die Cheflöhne in der Schweiz sind flexibel nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Doch sind sie nach unten gleich flexibel wie nach oben? Für eine genaue Antwort dazu ist es laut den TP-Beratern noch zu früh. Ihre Botschaft: Der wirkliche Härtetest mit grossen Gewinneinbrüchen komme für viele Firmen erst im laufenden Jahr.Schon letztes Jahr kam der Einbruch im internationalen Bankensektor – nicht nur bei den Gewinnen, sondern auch bei den Boni. Die Boni seien um 50 bis 70 Prozent geschrumpft, sagt TP-Berater Michael Kramarsch. Für die kommenden Jahre sieht er drei internationale Trends bei den Spitzenlöhnen im Bankensektor: (1) Das Total der Lohnpakete sinkt. (2) Die Fixlöhne werden dagegen eher steigen. (3)Das Jahresergebnis verliert an Bedeutung zugunsten längerfristiger Erfolgskriterien.Was die Offenlegung brachteDie Transparenz der Cheflöhne lässt in der Schweiz laut TP-Berater Hans Münch bei vielen Firmen immer noch zu wünschen übrig – etwa bezüglich individueller Bezüge der Konzernleitungsmitglieder und in Sachen Zusammensetzung der Cheflohnpakete. Doch hat die in der Schweiz seit 2002 geltende Offenlegungspflicht für die Cheflöhne die Lohnspirale nicht noch beschleunigt? Die Salärberater verneinen: Verwaltungsräte und Management hätten die wichtigsten Lohndaten schon vor der Offenlegungspflicht gekannt – nicht zuletzt dank Beratungsfirmen wie Towers Perrin. Die Offenlegung hilft laut Michael Kramarsch aber den Aktionären für ihre Beurteilung des Preis-Leistungs-Verhältnisses der Chefs. Der Trend in Richtung konsultativer Aktionärsabstimmung über den Cheflohnbericht sei zu begrüssen: Dies bringe eine «zusätzliche Quelle der Legitimierung».Vor 15 Jahren verdienten die bestbezahlten Konzernchefs in der Schweiz vielleicht 1 bis 2 Millionen Franken – heute ist es das Fünf- bis Fünfzehnfache. Die Cheflohnberater sehen vor allem drei Gründe für diese Lohnexplosion: (1)Die Grosskonzerne seien grösser, globaler und rentabler geworden. (2)Chefs würden heute rascher entlassen als früher – weshalb sie mehr Geld als Abgeltung für das höhere Entlassungsrisiko forderten. (3) Viele Firmen brauchten lange, bis der Verwaltungsrat als starkes Gegengewicht zur Konzernleitung aufgebaut war – ein Problem, das heute vor allem in den USA immer noch verbreitet sei, weshalb dort die Cheflöhne trotz Krise nur wenig sinken.Hinzu kommt: Der seit den 1990er-Jahren verstärkte Trend zur Anlehnung der Chefboni an den Aktienkurs hat im Zusammenspiel mit dem Börsenboom viele Spitzenmanager vergoldet – selbst wenn diese nichts für den Börsenboom konnten und die Aktien ihrer Firma nicht stärker stiegen als der Durchschnitt der Branche.Nun sind die Vorzeichen gekehrt: Die Gewinne sinken, die Aktienkurse tauchen – und auch die Cheflöhne machen wenigstens in Europa den Gang nach unten mit. Zumindest ein Stück weit und für den Augenblick. Die Fortsetzung folgt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch