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Russland verliert an Schwung

Das Wachstum der russischen Wirtschaft ging im dritten Quartal um 1,1 Prozentpunkte auf 6,2 Prozent zurück. Im Vergleich zu europäischen Staaten ist das immer noch ein stolzer Wert. Schuld am Rückgang sind die Finanzkrise und die fallenden Ölpreise.

Auch Russland spürt die Finanzmarktkrise. Die lange von der russischen Führung abgegebenen Beteuerungen, dass die Finanzkrise Russland nicht betreffe, widersprechen immer mehr der Wirtschaftsentwicklung und den Prognosen der Ökonomen. Die russische Wirtschaft ist im dritten Quartal so langsam gewachsen wie seit drei Jahren nicht mehr. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) sank um 1,1 Prozentpunkte auf 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie das nationale Statistikamt mitteilte. Das Wirtschaftsministerium war für den Zeitraum von einem Anstieg von 7,1 Prozent ausgegangen.Den globalen Wirtschaftsabschwung spürt Russland bei den Exporten weniger über sinkende Volumen als vielmehr über den sinkenden Ölpreis. Rund 70 Prozent der Exporte in Russland hängen von den Gas- und Ölpreisen ab. Der für Russland massgebliche Ural-Ölpreis ist in den vergangenen drei Monaten von über 140 Dollar pro Barrel auf unter 40 Dollar gefallen. Starke KapitalabflüsseNeben dem schwächeren Wirtschaftswachstum leidet Russland an der Krise im Bankensektor. In den letzten Jahren hatte das Land viele Kapitalzuflüsse verzeichnet. Diese haben vor allem im Kreditgeschäft zwischen ausländischen und russischen Banken und Unternehmen stattgefunden. Das ist eine Kapitalzuflusskomponente, die im derzeitigen Umfeld Probleme verursacht. Denn bei den europäischen Banken herrscht immer noch hohes Misstrauen, weshalb insbesondere Kredite im grenzüberschreitenden Verkehr teilweise nicht verlängert werden. Zudem haben die Banken die Kreditkonditionen restriktiver ausgestaltet.Die Kreditverknappung wird zusätzlich durch steigende Zinsen genährt, welche notwendig sind, um den Rubel zu stützen. Denn der Rubel steht unter Abwertungsdruck. Die höheren Zinsen bremsen die Investitionen und etwas weniger den Konsum. Denn im Vergleich zu anderen Ländern konsumieren die Russen noch relativ wenig auf Kreditbasis.Die Notenbank hat den Rubel bereits mehrfach abgewertet. Auch der Kreml räumt die Krise allmählich ein. Er verspricht, alles zu unternehmen, um Schocks wie in den Jahren 1991 und 1998 zu vermeiden. Die Notenbank bevorzugt Abwertungen in kleinen Schritten gegenüber einer massiven Abwertung in einem Schritt. Sie will die Fehler aus der vergangenen Russland-Krise vermeiden.Trotz Kapitalabflüssen befinde sich Russland weiterhin in einer guten Liquiditätssituation, sagt Sven Schubert, Analyst für Russland bei Credit Suisse. Aber eine negative Entwicklung könne sich das Land nicht über weitere Monate leisten, da ansonsten eine deutliche Rubel-Abschwächung wohl nicht zu vermeiden sei . Nach Jahren starken Wachstums (vgl. Grafik) wird die Wirtschaft deutlich tiefere Wachstumszahlen für 2008 und 2009 ausweisen. Das besagen die Prognosen der Weltbank und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Die Weltbank revidierte Mitte November die Wachstumsprognose für das Jahr 2008 von 6,8 auf 6 Prozent. 2009 soll das reale Bruttoinlandprodukt Russlands mit einem Plus von 3,6 Prozent ein 11-Jahres-Tief erreichen.Die Prognosen der OECD von Ende November sind etwas pessimistischer: Für 2009 erwarten die Ökonomen der OECD ein Wachstum von gerade 2,3 Prozent.Im Vergleich zum Mittel aller OECD-Länder sind das immer noch traumhafte Aussichten. Denn das reale BIP soll im OECD-Durchschnitt laut der Organisation 2009 um 0,4 Prozent schrumpfen. In einem Land wie Russland, das in den vergangenen Jahren nur den starken Aufschwung kannte, sind solche Werte ähnlich schwerwiegend wie ein Wirtschaftsrückgang in entwickelten Ländern. «Ökonomen sprechen auch im Zusammenhang mit China von weicher Landung bei Wachstumsraten von 6, 7 Prozent. Die Wachstumsraten sind stets ins Verhältnis zu den vorher bestehenden zu setzen», sagt Schubert.«Es kann gut sein, dass die Finanzmarktkrise in Russland auch für andere politische Schwerpunkte sorgen wird.» So seien beispielsweise die jüngsten Umfrageergebnisse für die Regierung schlechter geworden. Das Vertrauen in Putin und Medwedew sei gesunken. Es ist nicht auszuschliessen, dass sich die russische Aussenpolitik in ihrer Tonalität verändern könnte. «Denn die Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass Russland keinesfalls autark ist von der globalen Welt.»>

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