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Röstigraben für Arbeitslose

Die Arbeitslosenquoten in der lateinischen Schweiz sind chronisch höher als in der Deutschschweiz. Forscher aus Lausanne und Zürich wagen sich aufs Glatteis und suchen kulturelle Erklärungen.

Hansueli Schöchli

Zuerst die nackten Zahlen. Ende des vergangenen Monats lag die Arbeitslosenquote in der Deutschschweiz bei 3Prozent, in der lateinischen Schweiz bei 4,9 Prozent. Im Vormonat waren die Differenzen ähnlich gross. Im Vorjahr ebenfalls. Wie auch in den Jahren zuvor. Kurz: Das Phänomen grosser Differenzen der Arbeitslosenquoten zwischen den Sprachregionen ist chronisch.Das kann viele Gründe haben. So könnte die lateinische Schweiz zum Beispiel eine ungünstigere Wirtschaftsstruktur aufweisen. Oder einen höheren Anteil an unqualifizierten Arbeitnehmern. Oder einen höheren Anteil an schwer vermittelbaren Einwanderern. Oder weniger strenge Bedingungen für die Auszahlung von Arbeitslosengeldern. An solche Gründe – welche die Sache «rational» erklären – würden Ökonomen wohl zuerst denken. Ungemütlich ist dagegen die Frage, ob vielleicht, allenfalls, eventuell auch «kulturelle» Unterschiede eine wichtige Rolle spielen. Die «kulturelle» Frage ist darum ungemütlich, weil sie das Ungenügen herkömmlicher Erklärungen andeutet, politisch unkorrekte Antworten bringen könnte und weil «Kultur» eher schwammig klingt.«Beeinflusst Kultur die Arbeitslosigkeit?», haben drei Schweizer Forscher dennoch gefragt: Beatrix Brügger und Rafael Lalive von der Universität Lausanne sowie Josef Zweimüller von der Universität Zürich. Vor allem zwei Kulturdifferenzen könnten im vorliegenden Fall eine Rolle spielen: Unterschiede in der Haltung zum Staat (Verdacht: Lateiner rennen rascher zum Staat als Deutschschweiz) sowie in der Arbeitseinstellung (Verdacht: Arbeit ist für Lateiner weniger wichtig). Die Forscher aus Lausanne und Zürich liefern einige Indizien zum zweiten Punkt. Da sind zum einen Umfragen, in denen Deutschschweizer zur Aussage: «Ich würde arbeiten, auch wenn ich das Geld nicht brauchte», im Schnitt deutlich mehr Zustimmung zeigten als Lateiner. Und da ist zum anderen ein halbes Dutzend Volksabstimmungen – etwa über Ferieninitiativen, Arbeitszeiten und das Pensionierungsalter –, in denen sich die Deutschschweizer im Schnitt weit «arbeitsfreundlicher» zeigten als die Lateiner.Der Rest sind statistische Turnübungen – die auf der Annahme beruhen, dass «Kulturen» im Wesentlichen mit den Sprachräumen übereinstimmen. Die Forscher beginnen ihre Sondierbohrungen mit dem Phänomen, dass die Arbeitslosendaten an der Sprachgrenze jeweils einen Sprung machen: Auf der lateinischen Seite sind die Betroffenen im Schnitt deutlich länger arbeitslos als auf der Deutschschweizer Seite. Die These des «Kultureffekts» erhärtet sich durch den Befund, dass Einwanderer von ausserhalb des germanischen und lateinischen Gebiets auf beiden Seiten der Sprachgrenze im Schnitt eine ähnliche Arbeitslosigkeitsdauer aufweisen.Schliesslich versuchen die Forscher, den Kultureffekt mit einem statischen Verfahren (Regression) zu schätzen. Die Idee dahinter: Man nimmt alle mutmasslichen Erklärungsfaktoren der Arbeitslosigkeit in die Gleichung hinein (wie Ausbildung, Berufserfahrung, Wirtschaftsstruktur und staatliche Rahmenbedingungen) und schaut dann, ob der untersuchte Faktor «Kultur» für sich alleine – das heisst unter Ausklammerung aller anderen plausiblen Möglichkeiten – statistische Erklärungskraft ausweist. Das Ergebnis der Forscher heisst «Ja»: Lateiner sind demnach im Schnitt unter sonst vergleichbaren Bedingungen fast zwei Monate länger arbeitslos als Deutschschweizer. «Kultur» erklärt laut den Autoren längst nicht alles, aber immerhin etwa 20 Prozent der Differenzen zwischen den Sprachregionen.Die statistischen Turnübungen liefern keine Beweise: Es ist gut möglich, dass die Forscher andere Bestimmungsfaktoren der Arbeitslosigkeit übersehen haben. Immerhin bringen die Resultate bemerkenswerte Indizien für mögliche «Kultureffekte». Was die Wirtschaftspolitik damit anfangen soll, ist allerdings eine ganz andere Frage. Die Autoren liefern dazu nur drei unverbindliche Botschaften: (1) Sie soll was damit anfangen. (2) Wir wissen aber noch nicht genau was. (3)Doch wir werden darüber nachdenken.

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