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Immer Ärger mit den Bankern

Die beiden Schweizer Grossbanken haben diese Woche ihre Bilanz zum schlimmsten Jahr ihrer Geschichte vorgelegt. Der Ärger mit dem Investmentbanking ruft nach der Grundsatzfrage.

Wenn die Wahrheit in den Zahlen liegt, dann ist sie brutal. Total fast 28Milliarden Franken haben die beiden Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse im letzten Jahr verlocht. Das entspricht über 5Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung (BIP). Nur ein schwacher Trost ist, dass das Schweizer BIP 2008 dennoch nicht um 5 Prozent geschrumpft ist, da die Verluste der Grossbanken im Ausland anfielen – vor allem in den USA.

Die Quelle der meisten Ärgernisse war einmal mehr die Sparte Investmentbanking. Diese Sparte, die gemessen am Mitarbeiterbestand rund einen Fünftel der UBS und etwa zwei Fünftel der Credit Suisse ausmacht, produzierte katastrophale Verluste von 34 Milliarden Franken (UBS) bzw. 14 Milliarden (CS). Wegen Steuergutschriften als Folge dieser Verluste war der Schock für die Rechnung der Gesamtkonzerne je um einige Milliarden geringer, doch an der Grundbotschaft ändert dies nichts: Das Investmentbanking war für die Schweizer Grossbanken ein riesiger Klumpen am Fuss.

Zum Investmentbanking gehören die Kapitalbeschaffung für Firmen (Emission von Aktien und Obligationen sowie zum Teil auch Grosskredite), der Handel mit Wertpapieren (auf Rechnung von Kunden ebenso wie auf Rechnung der Bank), Design und Vertrieb verwinkelter Anlageprodukte (Finanzderivate) sowie die Beratung bei Firmenfusionen und -übernahmen. Die grossen Verluste in der laufenden Krise fielen vor allem beim Wertpapierhandel und bei Hochrisikokrediten an.

Ärger im Investmentbanking ist für die Schweizer Grossbanken nichts Neues. Nach einer groben Faustregel muss man in diesem Geschäft alle paar Jahre mit einem Tiefschlag rechnen. Credit Suisse wie UBS hatten in den letzten 15Jahren mehr als genug solcher Tiefschläge zu verkraften. Erinnert sei hier etwa an die dubiosen Verkaufspraktiken im Internet-Börsenboom der späten 90er-Jahre, welche Bussen für beide Schweizer Institute (und viele US-Investment-Banken) auslösten und den einstigen Credit-Suisse-Banker Frank Quattrone fast hinter Gitter brachten. Erinnert sei auch an die hohen Verluste von 1998 sowie an jene von 2001 und 2002 nach dem Platzen der Internet-Börsenseifenblase.

Gemessen an den Risiken waren die Renditen des Investment-Bankings für die Schweizer Grossbanken schon vor Ausbruch der jüngsten Krise eher bescheiden. Das angelsächsisch dominierte Investmentbanking brachte den Schweizer Instituten nicht nur periodische Verluste und Imageschäden, sondern auch grosse Kulturkonflikte. Die «Abzockermentalität» und das «Söldnertum» sind in den Investment-Banking-Zentren New York und London besonders ausgeprägt, die Löhne und Boni sind gemessen an den Erträgen der Sparte im Vergleich etwa zur Vermögensverwaltung weit überrissen. So zahlte zum Beispiel die Credit Suisse selbst im Katastrophenjahr 2008 im Investmentbanking noch Löhne und Boni von durchschnittlich über 300000 Franken pro Mitarbeiter – rund doppelt so viel wie in den anderen Banksparten. Unverständnis und Neid innerhalb der Bank sind damit programmiert.

Eine Verabschiedung vom Investmentbanking würde die UBS und CS deutlich kleiner, dennoch stabiler, wieder etwas «schweizerischer» und vermutlich auch rentabler machen. Auch politisch spräche einiges dafür: Beide Institute geniessen eine faktische Staatsgarantie, sind aber wegen ihrer Grösse selbst für den Staat ein «Klumpenrisiko». Die Staatsgarantie rechtfertigt sich mit der enormen Bedeutung von UBS und CS im inländischen Kreditgeschäft und Zahlungsverkehr – nicht aber mit dem Investmentbanking.

Die Universalbank hat fraglos auch Vorteile. Dazu zählt die Bedienung von Grosskunden «unter einem Dach» und damit die gegenseitige Zuweisung von Kunden durch die einzelnen Konzernsparten. Die CS rechnet vor, dass sie letztes Jahr dank der Zusammenarbeit der Investment-Bank mit anderen Konzernsparten Zusatzerträge von 2,4Milliarden Franken erwirtschaftet habe. Bringt zum Beispiel ein Unternehmer seine Firma via Investmentbanking an die Börse und wird damit flugs zum Multimillionär, kann er zum interessanten Kunden für die Vermögensverwaltung werden. Eher häufiger dürften Fälle sein, in denen das Investmentbanking vom Rest der Bank profitiert – etwa durch Platzierung von Finanzprodukten in Depots von Vermögensverwaltungskunden. (Dass sich hier Interessenkonflikte der Bank zulasten des Kunden auswirken können, sei für den Moment grosszügig übersehen.)

Zudem hat das Investmentbanking durch den Verbund mit einer klassischen Geschäftsbank – welche auf einem grossen Refinanzierungspool in Form von Kundengeldern sitzt – besseren Zugang zu Fremdkapital als im Alleingang und gilt als besseres Kreditrisiko. Das ist ein Hauptgrund, weshalb alle fünf grossen US-Investment-Banken seit dem Ausbruch der Krise verschwunden bzw. zu «klassischen» Geschäftsbanken mutiert sind.

Ein Alleingang des Investment-Bankings von UBS oder CS ist derzeit denn auch unrealistisch. Auch ein Verkauf erscheint in den Tiefen der Branchenkrise alles andere als vielversprechend. Ein Verkauf müsste wohl bis zum nächsten Branchenaufschwung warten (einige Jahre?). Bis dann führt kaum ein Weg an jener Politik vorbei, die derzeit beide Banken verkünden: massive Einschränkung der Risiken im Investmentbanking. Nicht alle Geschäfte dieser Sparte sind besonders risikoreich. Sogar der Wertschriftenhandel kann risikoarm sein (sofern die Bank «nur» Kundenaufträge ausführt und nicht mit eigenem Geld spekuliert), die Beratung bei Firmenübernahmen birgt ebenfalls überschaubare Risiken (sofern die Bank solche Transaktionen nicht auch noch mit Grosskrediten finanziert), und auch die Emission von Aktien oder Obligationen an die Börse kann für die Bank ein gutes Rendite-Risiko-Verhältnis haben. Die grosse Frage ist aber, ob es Schweizer Konzernzentralen dauerhaft gelingen wird, kulturell anders verdrahtete Investment-Banker in New York und London unter Kontrolle zu halten. Die Geschichte lässt daran zweifeln.

Eine Antwort der Credit Suisse war im Frühjahr 2007, den Bock zum Gärtner zu machen – und mit Brady Dougan einen US-Investment-Banker zum Konzernchef zu ernennen. Dass die Kontrolle der Problemsparte seit dann besser funktionieren würde, ist nicht sichtbar geworden. Das Schlamassel des CS-Investment-Bankings ist solider Branchendurchschnitt. Noch im Oktober und November 2008 produzierte die Sparte zudem mit Wertpapierspekulationen riesige Verluste, obwohl die Konzernzentrale schon lange zuvor die Mantra der Risikoreduktion verbreitet hatte. Auch Dougans Chef Walter Kielholz hat in dieser Krise stark gelitten: Als Präsident der CS und Vizepräsident des Rückversicherers Swiss Re muss er gleich zwei Debakel verantworten.

Auch das Führungsduo der UBS ist angeschlagen. Präsident Peter Kurer ist bisher seinen Geruch der «Übergangslösung» nicht losgeworden. Unglückliche Aussagen zu den Boni bestätigten auch, dass Kurer kein «Politiker» ist, der Volksmassen überzeugen oder sich wenigstens bei ihnen anbiedern kann. Solche Qualitäten wären für den Präsidenten der «Staatsbank» UBS wünschbar. Konzernchef Marcel Rohner erscheint derweil als integer und geerdet, doch bisher blieb unklar, ob er seiner Herkulesaufgabe voll gewachsen ist. Beide Spitzenleute sahen sich schon mit halböffentlicher Kritik aus dem Verwaltungsrat konfrontiert, beide repräsentieren die Vergangenheit, weil sie mitverantwortlich für das Debakel waren. Beide sind derzeit «auf Bewährung» angestellt. Ihr bestes Argument wären rasche Gewinne sowie Neugeldzuflüsse in der Vermögensverwaltung.

Ist das Schlimmste für die Grossbanken vorüber? Man will es hoffen: kaum vorstellbar, dass die beiden Banken 2009 nochmals Verluste von total 28Milliarden Franken produzieren. Doch manche Ereignisse von 2008 waren bis vor Kurzem ebenfalls kaum vorstellbar. Laut internationalen Prognosen ist die Krise für die Bankbranche jedenfalls noch nicht ausgestanden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt zum Beispiel, dass die Banken in den USA und Europa 2009/10 total nochmals mindestens 500 Milliarden US-Dollar zusätzliches Kapital nötig hätten, um weitere Abschreiber und Verluste aufzufangen. (Bisher haben die Banken laut IWF Kapitalspritzen für etwa 800 Milliarden Dollar erhalten.) Man wagt es nicht mehr, solche Prognosen als «pessimistisch» zu bezeichnen. Klar scheint nur dies: Es ist noch nicht vorbei. Dies gilt nicht nur für die breite Volkswirtschaft, die in den meisten Ländern in einer Rezession steckt, sondern auch für die Banken – welchen in einer Rezession deutlich höhere Kreditabschreiber drohen. Die Schweizer Banken dürften insofern noch relativ gut dastehen, als im Inland mangels Immobilienblase nun auch kaum ein dramatischer Einbruch der Immobilienpreise zu erwarten ist. Deshalb sollten sich die Abschreiber im Hypothekengeschäft in Grenzen halten.

Selbst der traditionelle Goldesel der Schweizer Banken, die Vermögensverwaltung, steht etwas unter Druck. Kurzfristig sinken wegen der geschrumpften Depotwerte die Erträge, allerdings dürfte das Geschäftsvolumen im längerfristigen Schnitt weiterhin deutlich wachsen. Ein Bremser für die Schweizer Banken ist der ständige Druck auf dem Bankgeheimnis: Dieses dürfte früher oder später fallen, was die Gewinne der hiesigen Institute senken wird. Kürzerfristig hängt über der UBS zusätzlich das Damoklesschwert der Steueraffäre in den USA. Die Sache kann für die Bank noch teuer werden, dem Führungsduo den Kopf kosten und den Ausstieg der UBS aus der Vermögensverwaltung in den USA bringen. Selbst all dies könnte die Bank wohl noch verkraften – sofern die anderen Brandherde überschaubar bleiben und keine neuen Schocks kommen.

Für die Schweizer Grossbanken wird es auf alle Fälle spannend bleiben. Im wahrsten Sinn des Wortes.

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