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«Es bestand keine andere Wahl»

Was bringt die neue Schweizer Revisionsaufsicht? Wie ist die Bilanz der ersten Inspektionen? Und was sind die Lehren aus der Finanzkrise? Frank Schneider, Direktor der Aufsichtsbehörde, nimmt Stellung.

Die Revisionsprüfer und ihr damaliger Chef stellten 2007 die neue Revisionsaufsicht vor: Direktor Frank Schneider (l.), VR-Präsident Hans-Peter Walter (M.) und Justizminister Christoph Blocher. (Keystone)
Die Revisionsprüfer und ihr damaliger Chef stellten 2007 die neue Revisionsaufsicht vor: Direktor Frank Schneider (l.), VR-Präsident Hans-Peter Walter (M.) und Justizminister Christoph Blocher. (Keystone)

Der Bund: Die Revisionsaufsicht ist seit Herbst 2007 operativ und legt nun den Tätigkeitsbericht für das erste volle Operationsjahr 2008 vor. Inwieweit ist ihre Behörde mehr als ein PR-Instrument zur Beruhigung der Gemüter nach Bilanzskandalen und Pleiten à la Enron, Worldcom oder Swissair?

Frank Schneider:Die Tätigkeit unserer Behörde umfasst zwei Hauptbereiche. Zum einen brauchen alle Personen und Unternehmen, die gesetzliche Revisionsdienstleistungen erbringen, eine Zulassung. Das betrifft über 10000 Personen und Revisionsunternehmen. Die Abschaffung der «Laienrevision» war schon vor den erwähnten Bilanzskandalen ein Thema und wäre wahrscheinlich früher oder später ohnehin gekommen. Der zweite Teil unserer Tätigkeit betrifft die Aufsicht und damit die Inspektionen bei den heute rund 30 Revisionsfirmen, welche Publikumsgesellschaften prüfen oder sich freiwillig unterstellen liessen. Die Bilanzskandale im In- und Ausland führten in der Tat dazu, dass weltweit Revisionsaufsichtsbehörden aufgebaut wurden.

Wie sinnvoll ist es, dass nun auch die Revisoren noch revidiert werden?

Ich bin der Ansicht, dass gar keine andere Wahl bestand. Es war eine internationale Tendenz, die von den USA angestossen wurde und dann viele andere Länder erfasste, auch die EU. Diese Länder verlangen nun von den Partnerstaaten ebenfalls eine unabhängige Aufsichtsbehörde. Wenn unsere grossen Revisionsunternehmen weiterhin international tätig sein wollen, geht es gar nicht anders.

Doch ist diese Rechtfertigung – wir machten es, weil die USA es wollten – nicht sehr unbefriedigend?

Die Revisionsaufsicht ist auch inhaltlich sinnvoll. Das Verhältnis zwischen der revidierten Gesellschaft und der Revisionsgesellschaft ist nicht unproblematisch: Die Revisoren werden von der geprüften Gesellschaft bezahlt. Die Aufsicht finanziert sich hingegen durch Gebühren und Aufsichtsabgaben. Uns kann man nicht mit dem Entzug von Geld oder Aufträgen drohen. Hinzu kommt Glaubwürdigkeit: Die Öffentlichkeit weiss, dass eine unabhängige Instanz den Revisionsfirmen auf die Finger schaut.

Sie sprechen den Interessenkonflikt der Revisionsfirmen an, der sich naturgemäss daraus ergibt, dass sie von den revidierten Firmen bezahlt werden. Gäbe es einen alternativen Zahlungsmodus?

Es gibt immer Alternativen. Aber man muss an die Konsequenzen denken: Man würde den freien Markt beschränken. Es ist gut, dass die Revisionsgesellschaften im Wettbewerb stehen und Effizienzdruck haben. Wir können und wollen ihnen nicht die Preise vorschreiben. Das soll der Markt regeln.

Doch national wie international stehen grosse Kunden einer Art Oligopol mit nur drei oder vier Anbietern gegenüber. In der Praxis ist die Auswahl noch stärker eingeschränkt. Wie weit spielt da der Wettbewerb überhaupt?

Tatsächlich gibt es ein weltweites Oligopol im Bereich der internationalen Revision. Die Wahlmöglichkeiten sind daher auch in der Schweiz beschränkt. Doch der Wettbewerb funktioniert. Man sieht immer wieder, dass grössere Firmen die Revisionsstelle wechseln. In der laufenden Wirtschaftskrise besteht zudem erstaunlicherweise eine gewisse Tendenz zu sinkenden Revisionshonoraren. Die Kunden fordern von Wirtschaftsprüfern Preissenkungen und drohen für den anderen Fall mit dem Gang zur Konkurrenz.

Zu Ihrer Personalsuche. Wie weit fanden Sie in der Aufbauphase überhaupt genügend qualifiziertes Personal für Ihre Behörde?

Wir beschäftigen neben dem kaufmännischen Personal vor allem Anwälte und Wirtschaftsprüfer. In jüngster Zeit ist es viel einfacher geworden, gute Leute zu finden. Auch die Wirtschaftsprüfer leiden unter dem Abschwung. Wir erhalten seit ein paar Monaten deutlich mehr Bewerbungen als früher.

Wie viele offene Stellen haben Sie zurzeit noch?

Wir haben keine offenen Stellen mehr. Insgesamt zählt unsere Behörde nun rund 25 Stellen. 7 Personen sind im Aufsichtsbereich und damit mit Inspektionen beschäftigt. Hinzu kommen noch Mitarbeiter auf Stundenbasis.

Doch wie können Sie mit nur 7 Inspektoren eine seriöse Aufsicht gewährleisten?

Pro Jahr machen wir rund zehn Inspektionen. Die Mehrheit der etwa 30 beaufsichtigten Revisionsfirmen schauen wir einmal alle drei Jahre an. Die drei grössten Anbieter – Pricewaterhouse-Coopers, Ernst & Young und KPMG – inspizieren wir jedes Jahr. Diese drei Grossen decken rund 95 Prozent des Schweizer Kapitalmarktes ab. Wir können uns durchaus während zweier Monate oder mehr einem dieser Grossen widmen. Zudem stützen wir uns bei den grossen Anbietern auf interne Qualitätssicherungssysteme ab, die wir vor allem im ersten Jahr sehr intensiv überprüft haben. Bei der Betrachtung der Bilanzen der Revisionskunden gehen wir derweil direkt auf schwierig zu prüfende Positionen – wie Goodwill, immaterielle Werte oder komplexe Finanzinstrumente ohne Markt. Wir arbeiten dabei auch intensiv mit der Schweizer Börse und der Finanzmarktaufsicht zusammen.

Was sind Ihre ersten Eindrücke aus den Inspektionen?

Die Zusammenarbeit mit den grossen Revisionsunternehmen ist gut. Wir bekommen Zugang zu allen wichtigen Dokumenten, zum Beispiel auch zu Lohndaten der leitenden Revisoren. Wir haben natürlich Mängel gefunden, aber bei den Grossen sind es Mängel auf relativ hohem Niveau. Wir haben dort bisher kein gravierendes Problem gefunden. Die Firmen verfügen über die notwendigen Prozesse zur Qualitätssicherung. Sie haben sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Es gibt allerdings ein grosses Gefälle zu den kleineren Anbietern. Wir verhängten bisher noch keine Sanktionen, aber wir haben schon einigen kleinen Anbietern nahegelegt, dass sie ihren Antrag auf Zulassung zurückziehen sollten – was dann auch passiert ist.

In der laufenden Finanzkrise ist die Liste mutmasslicher Versager schon lange – mit Bankmanagern, Aufsichtsbehörden, Rating-Agenturen, Analysten und Medien. Wie weit haben auch die Revisoren versagt?

Aus heutiger Sicht würde ich kein Versagen der Revisoren feststellen. Der Wirtschaftsprüfer kreiert keine Verluste, er stellt sie nur fest. Er hat auch keinen Einfluss auf strategische Entscheide.

Doch wie sieht es aus mit der Bewertung von Bilanzpositionen, die sich im Nachhinein als viel zu optimistisch herausgestellt hat?

In der Schweiz haben die betroffenen Finanzinstitute relativ schnell Bewertungskorrekturen durchgeführt. Hätten die Wirtschaftsprüfer geschlampt, wäre es vielleicht noch länger gegangen. Die Prüfung der Jahresrechnungen 2008 werden wir in diesem Jahr stichprobenweise unter die Lupe nehmen. Da kann es schon sein, dass noch die eine oder andere Unebenheit zum Vorschein kommt

Welche Lehren ziehen Sie als Revisionsaufsicht aus der Finanzkrise?

Unsere Analyse ist noch nicht fertig. Aber man muss nicht in erster Linie am Schluss der Kette bei den Revisoren ansetzen, sondern die ganze Kette betrachten. Klar ist, dass die Finanzkrise internationale Dimensionen hat, während wir oft noch auf nationaler Ebene regulieren. Die internationale Zusammenarbeit der Aufsichtsbehörden muss noch viel stärker werden.

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