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Die Wirtschaft auf Abwärtskurs

Die Zahlen bestätigen die Gefühle: Der Taucher der Weltkonjunktur hat auch die Schweizer Wirtschaft erwischt. Die Schweizer Wirtschaftsleistung ist im 4. Quartal geschrumpft. Die Aussichten sind ziemlich trübe.

Es ist zurzeit leicht, Pessimist zu sein. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft im In- oder Ausland: neue Milliardenverluste im Finanzsektor, weiter tauchende Börsen, Zunahme der Firmenpleiten, Einbrüche bei den Auftragseingängen in der Industrie, Stellenabbau in vielen Branchen, steigende Arbeitslosigkeit von Monat zu Monat und manche üblen Dinge mehr. Wenn die Weltwirtschaft hustet, dann bekommt die kleine und offene Schweizer Volkswirtschaft fast naturgemäss auch eine Erkältung. Und weil der Husten der Weltwirtschaft zurzeit heftig ist, muss die Schweiz mit einer ziemlich happigen Erkältung rechnen.Im 4. Quartal 2008 hat es die Schweizer Wirtschaft so richtig erwischt. Dies zeigen die gestern publizierten Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Demnach ist die hiesige Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt, BIP) im Vergleich zum Vorquartal um real 0,3 Prozent geschrumpft. Das mag bescheiden tönen, doch rechnet man dieses Schrumpfungstempo auf ein Jahr hoch, gäbe dies immerhin ein Minus von 1,2 Prozent. Man könnte sogar das noch positiv sehen: Das Minus ist nicht ganz so gross wie die 1,9 Prozent, die Nationalbank-Chef Jean-Pierre Roth am Montag in einem Referat erwähnt hat («Bund» von gestern). Roth hatte sich in seiner Rede nicht auf die offiziellen Seco-Zahlen, sondern auf eine interne Nationalbank-Schätzung gestützt.Wacklige HochrechnungenWie dem auch sei: Hochrechnungen von einem Quartal auf ein ganzes Jahr sind immer etwas gewagt, weil Quartalsdaten wegen zufälliger Schwankungen und wegen möglicher Unebenheiten in der statistischen Bereinigung von Saisonschwankungen eher wacklig sind.Dies illustriert der Wechsel des Seco in der Methode der Saisonbereinigung: Erstmals für das 4. Quartal 2008, aber auch rückwirkend, verwendete das Seco eine neue Methode – welche im Gegensatz zur bisherigen Berechnungsart Unstimmigkeiten zwischen der Saisonbereinigung des gesamten BIP und dessen einzelnen Komponenten verhindern soll. Die Unterschiede in den Methoden machten für die letzten fünf Quartale in den Wachstums- bzw. Schrumpfungsraten des BIP jeweils eine Differenz von 0,1 bis 0,3 Prozentpunkten aus. Das gibt einen Hinweis darauf, dass man einzelne Quartalsdaten nicht zu stark gewichten sollte.Ganz ignorieren will man die jeweils neusten Quartalsschätzungen aber auch nicht: Denn sie liefern ein erstes Bild der jüngsten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die Botschaft der Schätzungen für das 4. Quartal ist deutlich: Die Exporte (–8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal) und die Investitionen der Firmen in Produktionskapazitäten (–4,6 Prozent) sind deutlich geschrumpft. Das heisst: Vor allem der Abschwung der Weltwirtschaft und der Taucher in den Erwartungen der inländischen Firmen haben die Schweizer Wirtschaft gebremst. «Die weltwirtschaftliche Abkühlung hat voll auf die Schweiz durchgeschlagen», sagt Seco-Chefökonom Aymo Brunetti: «Die Exporte sind noch stärker gesunken als erwartet.» Das allgegenwärtige Krisengerede hat aber auch bei den Schweizer Konsumenten Wirkung gezeigt: Die Wachstumsraten des Privatkonsums im dritten und vierten Quartal waren mit je 0,1Prozent nur noch minim.Stagnation auf hohem NiveauMit jeder neuen Quartalsschätzung revidiert das Seco auch die Zahlen früherer Quartale. Dieses Mal waren die Revisionen wegen der gleichzeitigen Änderung in der Methode zur Saisonbereinigung zum Teil unüblich gross. Die neue Datenreihe verleitet zum Schluss, dass die Schweizer Wirtschaft schon seit Anfang 2008 praktisch stagniert hat (vgl. Grafik). «Das wäre eine falsche Betrachtungsweise», entgegnet Seco-Chefökonom Aymo Brunetti. Seine Lesart: «Die Wirtschaft ist im 4. Quartal 2007 gut gelaufen und hat sich auf diesem hohen Niveau auch im ersten Halbjahr 2008 gut gehalten.» Mit anderen Worten: Stagnation vielleicht schon, aber auf hohem Niveau.Gemäss Seco-Schätzung ist die Schweizer Wirtschaft im Gesamtjahr 2008 gegenüber dem Vorjahr um 1,6 Prozent gewachsen. Diese noch sehr anständig klingende Zahl verdeckt allerdings den Trend im Jahresverlauf. Diesen Trend zeigt besser eine andere Zahl: Im 4. Quartal 2008 lag die Wirtschaftsleistung 0,6 Prozent tiefer als im 4. Quartal 2007 (kein Ärger hier mit der Saisonbereinigung, da die beiden Vergleichsperioden die gleiche Saison umfassen). In der Branchenbetrachtung zeigt sich der volkswirtschaftliche Einfluss der Bankenkrise: Die Wertschöpfung des Bankensektors lag im 4. Quartal 2008 rund 15 Prozent tiefer als ein Jahr zuvor – dieser Rückgang hat das gesamte BIP um 1,2 Prozentpunkte gedrückt. Das heisst: Unter der theoretischen Ausklammerung des Bankensektors wäre die Schweizer Wirtschaftsleistung im abgelaufenen Quartal noch gut ein halbes Prozent höher gelegen als ein Jahr zuvor.Im internationalen Vergleich hat sich die Schweiz bisher noch einigermassen wacker gehalten: In Deutschland, im Euro-Raum und in den USA ist die Wirtschaft noch deutlich stärker geschrumpft. Das BIP im Euro-Raum lag im 4. Quartal 2008 um 1,5 Prozent tiefer als im Vorquartal und um 1,2 Prozent tiefer als im 4. Quartal 2007.Der bange Blick nach vorneDie Geschichtsschreibung ist das eine. Den Hauptanlass für Sorgen bereitet der Blick nach vorne. Das Seco publiziert seine neuste Konjunkturprognose in zwei Wochen. Die zurzeit noch gültige Prognose vom Dezember: Die Schweizer Wirtschaft schrumpft heuer um 0,8 Prozent. Die Konjunktursignale haben sich aber in jüngster Zeit nochmals verschlechtert, wie Seco-Experte Brunetti einräumt. Die internationale Krise im Finanzsektor wuchert weiter, und auch die Leiden der Industrie nehmen zu. Die Konjunkturprognosen für ausländische Volkwirtschaften sind zuletzt nochmals düsterer geworden.Auch für die Schweiz dürften manche Institute ihre Prognosen nochmals nach unten korrigieren. Der neue Konsens könnte vielleicht etwa so aussehen: Die Schweizer Wirtschaft schrumpft heuer um 1bis 2 Prozent und wird auch 2010 kaum wachsen.Die neusten Daten und Prognosen dürften auf der Politbühne den Forderungen nach einem dritten staatlichen Konjunkturprogramm Auftrieb verleihen. Die Sache ist aber noch nicht spruchreif, wie Seco-Mann Brunetti andeutet: «Der Bundesrat wird auf Basis der im Sommer vorliegenden Prognosen entscheiden, ob ein drittes Paket von Stabilisierungsmassnahmen notwendig sein wird.»>

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