Zum Hauptinhalt springen

Selbst Roche warnt vor Hamsterkäufen

Tamiflu ist zwar rezeptpflichtig, trotzdem verkaufen es einzelne Apotheker auch ohne Rezept. Auf Vorrat zu kaufen, ist meist nicht nur unnötig, sondern auch teuer. Selbst der Hersteller Roche rät davon ab.

Fr. 86.50 kostet eine 10er-Packung Tamiflu in der Berner Apotheke Noyer. Seit am Wochenende die ersten Meldungen zum Ausbruch der Schweinegrippe erschienen sind, hat sich die Nachfrage nach dem Grippemittel in der Apotheke Noyer an der Berner Marktgasse «vervielfacht», sagt Mitinhaber Mathieu Noyer. Ähnlich tönt es in anderen vom «Bund» angefragten Apotheken in der Stadt Bern.Wegen möglicher Nebenwirkungen und Resistenzen warnen Ärzte und Apotheker dringend vor unsachgemässer Einnahme von Tamiflu. Aus dem gleichen Grund ist das Grippemittel nur mit ärztlichem Rezept erhältlich. Apotheker können es aber in eigener Verantwortung auch ohne Rezept abgeben. «In der Regel bestehen wir auf einem Rezept, bei älteren Personen oder Leuten mit Ferienplänen machen wir Ausnahmen», sagt Noyer. Dabei werde der Kunde aber sorgfältig über den Umgang mit dem Medikament informiert, und alles werde pflichtgemäss dokumentiert.Nur vereinzelt EngpässeIn einzelnen Apotheken hat die steigende Nachfrage in den letzten Tagen zu Engpässen geführt. «Hier und da gibt es Lieferschwierigkeiten», sagt Marcel Wyler, Sprecher des Schweizerischen Apothekerverbandes Pharmasuisse. Mit einer Verknappung des Angebots habe dies jedoch nichts zu tun, vielmehr seien die Grossisten mit der Verteilung an die Apotheken im Rückstand. Sie hätten bisher keine grossen Bestände des Grippemittels an Lager gehabt. Beim Pharma-Grossisten Voigt, der 400 Schweizer Apotheken bedient, bestätigt man «kleine Verzögerungen» aufgrund «sprunghaft angestiegener» Bestellungen. Grundsätzlich könne aber weiterhin geliefert werden. Die laufenden Bestellungen «im Moment bedienen» kann die Galenica-Tochter Galexis, die von Niederbipp aus rund 4000 Kunden beliefert. Die langfristige Entwicklung sei jedoch schwierig abzuschätzen, sagt Firmensprecherin Christina Hertig.Auch wenn in der eigenen Apotheke vorübergehend kein Tamiflu mehr erhältlich ist, ist es aber unnötig, sich das Grippemittel auf Vorrat zu besorgen. Dies betonen alle vom «Bund» befragten Experten – selbst beim Tamiflu-Hersteller Roche: «Davon raten wir absolut ab», betont Unternehmenssprecherin Martina Rupp. Tamiflu sei ein «stabiles Produkt», das über die Haltbarkeitsdauer von fünf Jahren hinaus wirke, nämlich bis sieben Jahre nach der Herstellung. Dies sei aber nur unter kontrollierten Bedingungen der Fall. «Wird Tamiflu zu Hause gelagert, läuft es spätestens nach fünf Jahren ab.»Staatliche VorratshaltungGegen den Tamiflu-Kauf auf Vorrat spricht aber vor allem der riesige staatliche Vorrat an dem Medikament: Im Auftrag des Bundes lagert die Roche nämlich seit 2004 in ihrem Logistikzentrum in Kaiseraugst 30 Millionen Dosen des Medikaments. Diese Menge entspricht dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) berechneten Worst-Case-Szenario einer Pandemie und garantiert, dass alle Erkrankten (ein Viertel aller Erwachsenen und die Hälfte der Kinder im Schulalter) behandelt werden können. «Bereits die Vorräte des Bundes würden deshalb zur Versorgung der Bevölkerung ausreichen», betont Patrick Mathys, Leiter der Abteilung Pandemievorsorge im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Für Käufe auf Vorrat bestehe schon aus diesem Grund kein Anlass. Freigeben würde das BAG das Pflichtlager frühestens in Phase 5 des Pandemieplans, also bei Krankheitsausbrüchen bei einer grösseren Zahl von Personen in einem beschränkten Gebiet. Für die Verteilung zuständig wären die Kantone. Sie können dafür ordentliche Kanäle wie Spitäler, Apotheken und Arztpraxen nutzen oder aber eigens einzurichtende ambulante Strukturen, sogenannte Fieberambulatorien. Der Kanton Bern sieht in seinem Pandemieplan die ordentlichen Verteilwege vor. Bisher nicht kassenpflichtigGegen einen übereilten Kauf von Tamiflu sprechen aber auch finanzielle Argumente: Bei Ausbruch einer Pandemie (Stufe 6) würde es das BAG nämlich voraussichtlich für kassenpflichtig erklären. Wer heute auf Vorrat Tamiflu kauft, und sei es auf ärztliches Rezept, bezahlt die Fr. 86.50 aus der eigenen Tasche.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch