Zum Hauptinhalt springen

Niemals vom rechten Weg abkommen

Der Jurahöhenweg ist einer der ältesten Schweizer Wanderwege. Jahrelang hegte und pflegte ihn Heinz Steiner ehrenamtlich. Von der Jurafrage blieb auch er nicht verschont.

Heinz Steiner hat sich als Bezirksleiter 1800 Stunden lang um jurassische Wanderwege gekümmert. (Beat Schweizer)
Heinz Steiner hat sich als Bezirksleiter 1800 Stunden lang um jurassische Wanderwege gekümmert. (Beat Schweizer)

Kerzengerade ragt er aus der jurassischen Hügellandschaft hervor – als wäre er stolz auf das sagenumwobene Destillat, das ihm die Menschen unter dem Namen Absinth entlocken: Der Gelbe Enzian prägt die Jurahöhen. Auf dem Höhenweg, 680 Meter oberhalb von Frinvillier, wähnt sich der Besucher aber weit weg von der absinthgetränkten Künstlerwelt der europäischen Metropolen, in der etwa Van Gogh lebte – und dennoch: «Hier oben kommt halb Europa vorbei. Ich habe manch einem humpelnden Engländer den Weg zum nächsten Dorf beschrieben», sagt Heinz Steiner, der jahrelang ehrenamtlich für den Verein Berner Wanderwege das 165 Kilometer umfassende Netz der Wege seines Bezirks gehegt und gepflegt hat. Neun Kilometer davon entfallen auf den Jura-Kretenweg. Dieser ist nicht irgendein dahergelaufener Pfad: Vor rund 100 Jahren war er einer der ersten Schweizer Wanderwege, die beschildert wurden – den Verband Schweizer Wanderwege gibt es hingegen erst seit 75 Jahren.«Man muss ,angefressen‘ sein»Heute ist Steiner, der rüstige Rentner, noch einmal mit seinem Rucksack unterwegs: Selbstklebende Rhomben, Richtungszeiger aus Metall, Feile, Säge und gelbe Farbe in einer Shampoo-Flasche machen das Gepäckstück schwer. «Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich meine Shampoo-Flaschen noch nie verwechselt und mir die Haare gelb gefärbt habe», sagt er. In seinem Bezirk gibt es 121 Wegweiserstandorte sowie 2350 Rhomben und Richtungszeiger. «1800 Stunden habe ich in den fünf Jahren als Bezirksleiter für die Pflege der Wege verwendet und jedes Jahr rund zehn Prozent der Markierungen ersetzt», sagt er. Ein Drittel der Arbeitszeit entfalle auf die Freilegung überwucherter Wegweiser. Spielt bei so viel ehrenamtlichem Engagement nicht doch der Absinth eine Rolle, dem nachgesagt wird, er treibe in den Wahnsinn? «Natürlich nicht, aber ,angefressen‘ muss man schon sein. Ich habe jede Sekunde meiner Arbeit genossen», sagt Steiner. Er sei 40 Jahre lang Lokomotivführer gewesen und das Werken an der frischen Luft habe ihm nicht nur gut getan, sondern auch unvergessliche Erlebnisse beschert. «Was gibt es Schöneres, als an einem abgelegenen Ort ein paar Gämsen zu begegnen?» Allerdings hat er auch weniger erhebende Momente erlebt: «Einmal fiel ich von meiner Leiter, als ich eine Rhombe an einer Tanne befestigen wollte und dabei von aggressiven Waldameisen überfallen wurde.» Zum Glück sei alles glimpflich ausgegangen. Heute steigt Steiner nun noch einmal auf seine Leiter, um mit der Feile an einer knorrigen Eiche eine rot-gelbe, verblichene Rhombe abzuschaben – auf dem Höhenweg ist niemand zu sehen. Doch die Abgeschiedenheit täuscht: Weder schweizweite Vorgaben noch die Jurafrage machen Halt vor dem Weg, der von Dielsdorf bei Zürich bis nach Borex bei Genf führt. Separatisten übermalen Schilder«Die traditionellen rot-gelben Markierungen des Jurahöhenwegs machen den gelben Platz, die heute schweizweit gelten», sagt Steiner. Zudem verschwindet die Aufschrift «Wanderweg» nach und nach von den Wegweisern und wird durch die Zeichnung eines Wanderers ersetzt. «Jurassische Separatisten haben die deutschen Aufschriften nämlich oft übermalt.» Änderungen bringt auch der Naturschutz mit sich: «Ich habe 750 Rhomben von Bäumen abgeschraubt», sagt Steiner. Weil die Schrauben den Bäumen schadeten, verzichte man seit einiger Zeit darauf. Trotz den Bemühungen in Sachen Signalisation seien Wanderer nicht immer mit einer ausgeprägten Auffassungsgabe gesegnet. «Ich habe schon erlebt, dass Leute vor dem Wegweiser nach Romont standen und mich fragten, wo denn Romont liege.» Unfälle wegen der Signalisation gebe es aber nicht, «auch wenn Witzbolde die Wegweiser manchmal umdrehen». Vandalismus sei auf den Jurahöhen ebenfalls kein Problem. Es komme höchstens vor, dass Touristen eine Markierung mitgehen liessen. Seit Januar haben die Berner Wanderwege einen Leistungsvertrag mit dem Kanton. «Die Zusammenarbeit läuft gut», sagt Steiner. Grundsätzlich sei man sich einig und setze auf weniger, dafür qualitativ hochstehendere Wanderwege – zum Beispiel ohne geteerte Abschnitte. Schwieriger sei die Kooperation manchmal mit Bauern. «Wenn Kühe Kälber haben, kommt es vor, dass wir Wegstücke verlegen müssen.» Denn Mutterkühe könnten wahnsinnig wütend werden – ganz ohne jurassischen Absinth.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch